VAN@NYI: Hughes beschert Canucks Overtime-Sieg

In der Stanley Cup Qualifikationsrunde greifen 24 Mannschaften ins Geschehen ein. NHL.com/de hat ihre Stärken analysiert und den X-Faktor der einzelnen Teams herausgepickt. In dieser Ausgabe: Vancouver Canucks.

Die Vancouver Canucks (36-27-6, 56,4 Prozent Punktequote) haben sich große Ziele gesetzt und den Stanley Cup ins Auge gefasst. Um nach vier Jahren Abstinenz wieder in die Playoffs einzuziehen, müssen sich die West-Kanadier in der Stanley Cup Qualifikation gegen die Minnesota Wild (35-27-7, 55,8 Prozent Punktequote) in einer Best-of-5-Serie durchsetzen. Zum entscheidenden Faktor könnte ein Rookie werden: Quinn Hughes ist zwar Verteidiger, aber eigentlich ein zusätzlicher Stürmer.

Der beste Rookie-Scorer der Saison

Beim Begriff NHL-Verteidiger dürften einem im ersten Moment furchteinflößende, hünenhafte Abrissbirnen in den Sinn kommen, die harte Checks austeilen. Zu diesem Typ Abwehrspieler zählt Hughes nicht: Der in Orlando im Sonnenschein-Staat Florida geborene US-Amerikaner misst 1,78 Meter und bringt gerade mal 77 Kilogramm auf die Waage. Der Linksschütze geht dem Körperspiel eher aus dem Weg und verzeichnete mit durchschnittlich 0,28 Hits pro Partie die mit Abstand wenigsten Checks der Canucks-Verteidiger. Auch blockte mit gerade einmal 1,85 Schüssen mannschaftsintern kein Abwehrmann weniger. Er wird nie in Unterzahl eingesetzt. Sein Plus-Minus-Wert ist -10.

Und trotzdem verzückte der 20-Jährige 2019/20 die ganze Eishockey-Welt. Warum? Der Offensivverteidiger ist auf dem Eis mehr oder weniger ein zusätzlicher, vierter Stürmer. Das belegen 53 Scorerpunkte (acht Tore, 45 Assists) eindrucksvoll. Hughes ist damit der Top-Scorer unter allen Neulingen. Er ist erst der dritte Verteidiger in der NHL-Neuzeit (seit 1943/44), der die Rookie-Wertung anführt und folgt damit auf Bobby Orr (1966/67) und Brian Leetch (1988/89).

Eine Waffe in der Offensive

Hughes ist der punktemäßig viertbeste Verteidiger in der gesamten NHL. Mannschaftsintern steht er als bester Vorlagengeber gleichauf mit Top-Scorer J.T. Miller (27/45-72) an der Spitze. Er erhält hinter Routinier Alexander Edler (22:37 Minuten) die meiste Eiszeit (21:53) unter den Defensivspielern und darf im Powerplay in 68 Prozent der Überzahl-Zeit ran. Das Vertrauen zahlt er mit 25 Powerplay-Punkten zurück, was bei Vancouver der Bestwert ist. Auch hat er mit 6,4 Prozent die beste Schusseffizienz und gibt hinter Tyler Meyers (134) die meisten Schüsse unter den Verteidigern ab.

Kurz gesagt: Hughes ist eine Waffe an der blauen Linie! Er gilt als exzellenter und schneller Schlittschuhläufer, er ist kreativ in der Offensive, hat eine gute Übersicht und Scheibenkontrolle. Zudem spielt er clevere und präzise Pässe. In der Rückwärtsbewegung löst er seine Aufgaben durch gute Antizipation und Positionsspiel, was ihn dann doch zu einem kompletten Verteidiger macht. Dass sein Plus-Minus-Wert trotz seiner Produktivität bei -10 steht, liegt auch daran, dass Hughes im ersten Verteidiger-Pärchen zumeist gegen die besten Offensivreihen des Gegners spielt.

Tanev als perfekte Ergänzung

Mit Chris Tanev bildete Hughes ein zuverlässiges Tandem, das deshalb eine so gute Chemie hat, weil es sich perfekt ergänzt: Der Kanadier ist mit 30 Jahren schon sehr erfahren, schießt rechts, ist 1,88 Meter groß, 89 Kilogramm schwer und definiert sich eher über die Physis. Eine perfekte Mischung also.

"Chris hat in meinem ersten kompletten Jahr die wichtigste Rolle für mich gespielt, sowohl auf als auch neben dem Eis. Er war enorm wichtig für das Team. Er ist ein Anführer in der Kabine und ein Typ, den jeder mag", sagt Hughes über seinen Nebenmann, dessen Vertrag nach den Playoffs ausläuft. "Es wäre ein schwerer Verlust, wenn wir ihn verlieren würden. Ich denke, dass [GM] Jim [Rutherford] und das Trainerteam um seinen Wert wissen. Es ist nicht mein Aufgabenbereich, aber ich denke, dass sie ihr Bestes geben werden, um ihn zu halten."

Auch Tanev ist voll des Lobes für seinen zehn Jahre jüngeren Teamkollegen: "Wir haben großartig zusammengespielt und haben es beide genossen. Er ist ein extrem dynamischer Spieler, der noch viel besser werden wird. Es war ziemlich besonders, was er in dieser Saison erreicht hat."

Ziel: Stanley-Cup-Sieg

Hughes ist mit 20 Jahren bereits Leistungsträger - und damit nicht alleine in Vancouver: Auch Center Elias Pettersson (21) oder Brock Boeser (23) spielen im jungen Alter schon tragende Rollen. Sie alle sollen das Gesicht einer neuen goldenen Generation sein. Nicht umsonst hängen in der Rogers Arena große Plakate an der jeweiligen Stirnseite: "Colourful Past" (zu Deutsch: bunte Vergangenheit) heißt es auf dem einen mit Spielern wie Daniel und Henrik Sedin. "Bright Future" (strahlende Zukunft) auf der gegenüberliegenden Seite mit den Gesichert von Kapitän Bo Horvat (25), Pettersson, Boeser und Quinn Hughes.

EDM@VAN: Hughes trifft im Powerplay zur Führung

"Die Jungs sind clever. Unsere jungen Spieler sind auch unsere besten Spieler", betont Tanev. "Ich muss nicht zu ihnen gehen und ihnen sagen, dass es nicht selbstverständlich ist, jedes Jahr Playoffs zu spielen. Sie werden bereit sein. Du weißt nie, wann du wieder die Chance bekommst. Du willst da rausgehen und die Chance nutzen." Das Ziel jedenfalls ist klar: "Wir haben genauso wie jeder andere die Chance, das Ding zu gewinnen. Wir werden also bereit sein, wenn der Puck aufs Eis fällt. Wenn wir gesund bleiben, dann können wir gegen jeden bestehen. Wir können jeden schlagen!" Das sieht Horvat genauso: "Unser oberstes Ziel ist, Playoff-Spiele zu gewinnen, um am Ende den Stanley Cup zu holen. Der Klub verdient das, meine Teamkollegen verdienen das und auch die Stadt Vancouver verdient das, also ist es das, was wir versuchen und tun werden."