„Er ist mein absolutes Vorbild“, betont Sturm. „Habe so viel von ihm gelernt. Ich merke immer noch, wie viel von meiner Arbeit von ihm kommt. Auch außerhalb des Eises ist er ein sehr guter Freund. Wir sehen uns immer vor dem Spiel, wenn wir aufeinandertreffen. Er hat mir sehr geholfen, auch als ich im Farmteam war. Das was ich alles gelernt habe, habe ich jetzt zusammengemixt. Das ist das Resultat. Es ist schön, wenn dabei auch noch ein Sieg herausspringt gegen den großen Meister.“
Neue Facetten: Sturm wird laut
Sturm lacht bei dieser Aussage. Dass der Trainer auch andere Seiten aufziehen kann, wurde in der Bruins-Doku „Behind the B“ sichtbar: Als Boston im Herbst einer Niederlagenserie trotzen musste, erlebte man einen ungewohnt lauten Marco Sturm.
„Ich bin eher ein ruhiger Typ, egal ob bei Freunden oder in der Familie. Viele kennen mich aber nicht, wie ich in der Kabine bin. Das gehört zum Trainerjob dazu. Es sind Momente, die nicht geplant sind. Es kommt einfach vom Herzen raus, wenn etwas nicht passt. Die Jungs wissen, dass das von Herzen kommt. Manche können das nicht zeigen, ich schon. Ich bin ehrlich genug, um Dinge offen auszusprechen. Für mich ist das nichts Neues oder Besonderes. Mittlerweile ist ja immer eine Kamera dabei, sodass es die Öffentlichkeit auch mitbekommt. Passiert ist das aber schon öfters, auch in der deutschen Nationalmannschaft.“
Olympia vor dem TV
Sturm war DEB-Trainer als Deutschland bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang der historische Gewinn der Silbermedaille gelang.
„Auch 2018 sind wir ohne eine Erwartungshaltung zu Olympia gefahren. Wir wollten von Spiel zu Spiel schauen - und auf einmal ist das Ganze explodiert. Für ein Land wie Deutschland wird es nicht so einfach werden wie 2018. Es ist jetzt etwas anderes.“
Top-Nationen wie Kanada, die USA oder Schweden reisen mit der vollen NHL-Kapelle zu den Olympischen Spielen Milano Cortina 2026 nach Italien. Auch Deutschland wird von seinen NHL-Stars profitieren, glaubt Sturm: „Mit Draisaitl, Stützle und Seider haben wir Superstars in der Mannschaft. Solche Turniere brauchen wir im deutschen Eishockey, denn du stehst einfach auf der größten Bühne. Das wird uns in Deutschland enorm guttun. Spieler wie Draisaitl helfe da umso mehr. Normal passiert medial nicht so viel. Diese Chance müssen wir nutzen.“
Das Mitte Februar startende Turnier wird Sturm mit großem Interesse von Zuhause aus verfolgen.
„Ich bleibe hier in Boston oder Florida. Eurosport hat mich kontaktiert, vielleicht mache ich da ein paar Kleinigkeiten. Aber ich schaue es mir lieber hier im TV an und genieße die freie Zeit. Es waren auch für uns Trainer jetzt stressige Tage mit vielen Spielen in kurzer Zeit. Da tut es gut, mal runterzukommen, bevor es im März wieder richtig losgeht. Ich werde die Zeit mit Olympia im Fernsehen genießen.“
Sturm überrascht mit Boston und geht unter Druck auf
Ab März geht es in der NHL wieder rund. Die Bruins stecken mittendrin im Playoff-Rennen, was ihnen vor der Saison wohl kaum jemand zugetraut hätte.
„Wir sind besser als erwartet und voll im Rennen“, weiß Sturm. „Das ist genau das, was wir erreichen wollten. Ich glaube immer noch, dass wir noch Hilfe von Spielern brauchen werden, die uns aufs nächste Level bringen. Es braucht gewisse Zeit, bis sich junge Spieler entwickeln. Ich hoffe auch für den kommenden Sommer, dass wir wieder ein paar Spieler dazubekommen. Am Ende des Tages braucht man Zeit und Geduld. Wenn wir unseren Weg gehen, dann wird alles gut.“
Geduld ist eine Tugend, die es in Boston nur in homöopathischen Dosen gibt. Durch die vielen erfolgreichen Teams in den großen US-Sportarten Football (New England Patriots), Basketball (Boston Celtics) und Baseball (Boston Red Sox) gelten die Sport-Fans als erfolgsverwöhnt, was auch bei den Bruins zu spürbar mehr Druck führt als anderswo.
„Nicht nur in den Medien, sondern auch bei den Leuten ist die Erwartungshaltung enorm hoch“, so Sturm. „Es ist nicht ganz so schlimm wie in Kanada, aber die Leute hier wollen uns kämpfen und gewinnen und in jedem Spiel vollen Einsatz sehen. Es ist gut, dass ich als Spieler schonmal hier war, da war es jetzt als Trainer keine Überraschung mehr. Deshalb komme ich gut mit dem Druck klar, denn ich kenne das alles schon. In L.A. war der Druck bei Weitem nicht so hoch. Aber Druck motiviert mich. Viele gehen unter, bei mehr geht es mehr bergauf, wenn ich ihn spüre, ich will dann automatisch mehr. Ich fühle mich ganz wohl in meiner Haut, um mit Druck umzugehen.“