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Einiges an Unverständnis verspürte Marco Sturm bei einzelnen Gesprächspartnern, mit denen er sich im Jahr 2018, nach seiner Entscheidung als Co-Trainer zu den Los Angeles Kings in die NHL zu wechseln, unterhielt. Als deutscher Bundestrainer hatte Sturm erst kurz zuvor mit dem Gewinn der Silbermedaille seines Teams bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang ein neues Eishockey-Fieber in Deutschland entfacht. Das gipfelte darin, dass die Meldung über seinen Wechsel selbst in den Tagesthemen und den Heute-Nachrichten vorkam. Zuvor waren solche Dinge eher Randnotizen in der deutschen Medienlandschaft.

"Als ich von der Nationalmannschaft weg bin und haben mich viele ungläubig gefragt, warum ich diesen Schritt mache, als erfolgreicher Nationaltrainer einen Co-Trainer-Job in Amerika zu übernehmen", erzählt Sturm im exklusiven Gespräch mit NHL.com/de. "Das haben viele nicht verstanden, besonders wenn man Eishockey nicht so intensiv verfolgt."
Doch wer Sturm kennt weiß, dass dieser Schritt nur konsequent war. Der langjährige NHL-Stürmer, der von 1997 bis 2012 in der besten Liga tätig war und in dieser Zeit 938 Spiele in der regulären Saison (242 Tore, 245 Assists) und 68 Spiele in den Stanley Cup Playoffs (9 Tore, 13 Assists) absolvierte, hat das Leben in den USA mit seiner Frau und den zwei Kindern lieben gelernt. Sein Ziel war es immer in diese Liga zurückzukehren und vielleicht seinen Traum vom Stanley Cup Sieg noch auf dem "zweiten Bildungsweg" zu verwirklichen.

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"Es ist von Haus aus schwer in die ganze NHL-Familie hineinzukommen und besonders als Europäer", merkt Sturm an. "Ich hatte Glück, dass ich jahrelang in dieser Liga habe spielen können. Ich habe Glück gehabt, dass ich dabei tolle Leute kennenlernen durfte oder sogar mit ihnen zusammenspielen konnte. Dann hatte ich Glück, dass mich Rob Blake bei den L.A. Kings verpflichtet hat."
Als Co-Trainer zunächst unter Chef Willie Desjardins und seit 2019 unter Todd McLellan sammelte Sturm erste Erfahrungen, was es heißt, eine Klub-Mannschaft zu trainieren. Sein Ziel irgendwann selbst Cheftrainer zu werden, war in Los Angeles ein offenes Geheimnis und die Unterstützung der Kings dafür, könnte für Sturm nicht größer sein.
"Ich kann es nur bestätigten, dass Rob zwar mein Boss ist, aber auch ein guter Freund, den ich schon jahrelang kenne", verdeutlicht Sturm. "Mit ihm habe ich mich schon mehrmals über dieses Thema unterhalten. Nicht nur in diesem Jahr, sondern auch schon vor ein paar Jahren. Aber ich war damals noch nicht so weit. Ich wollte das alles noch mitnehmen und genießen. Jetzt, unter der Saison habe ich erstmals gemerkt, dass ich bereit für den nächsten Schritt bin."
Sturm wird ab der kommenden Saison Cheftrainer vom Farmteam der Kings in der AHL, den Ontario Reign. Darauf haben sich beide Seiten vor kurzem geeinigt.

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"Die Möglichkeit zu dieser Position hat sich ganz zufällig ergeben", erzählt Sturm. "Wenn es nicht in Ontario gewesen wäre, dann hätte ich es wahrscheinlich nicht gemacht, weil ich mich in L.A. so wohlfühle. Aber es ist alles im selben Haus. Wir spielen nur ein einem anderen Stadion, das ist der Unterschied. Wir spielen das gleiche System, das gleiche Eishockey, von daher, wird sich für mich nicht viel ändern, aber trotzdem bricht für mich eine ganz wichtige Phase in meiner Karriere als Trainer an, um mich weiterzubilden."
Wie familiär die Entscheidung getroffen und gefunden wurde, macht auch Blake klar, der von einer Win-Win-Situation spricht.
"Ich denke, das war eine einvernehmliche Entscheidung, basierend auf der Tatsache, dass Marco einen Posten als Cheftrainer in der NHL anstrebt", bestätigt der General Manager gegenüber NHL.com/de. "Um das zu werden, muss man in der Position sein, irgendwann als Cheftrainer gearbeitet zu haben und das nicht nur in internationalen Turnieren. Man muss täglich hinter der Bande stehen und die Fragen der Spieler beantworten, wenn sie sich umdrehen und nach ihrer Eiszeit fragen und man alles steuern muss. Das ist als Cheftrainer schon anders und um die Möglichkeit eines Tages Cheftrainer in der NHL zu werden, sind beide Seiten zu der Entscheidung gelangt, dass es jetzt an der Zeit ist, diesen Schritt in Richtung Ontario zu machen. Für uns hat es den Vorteil, dass er die Organisation, die handelnden Personen und die Spieler sehr gut kennt. Außerdem ist die Beziehung zwischen Marco und Todd (McLellan), (sowie dessen Assistenten) Trent (Yawney) und Billy Ranford sehr gut und das kann unserer Organisation nur helfen. Er weiß genau, was wir in der NHL verlangen und kann das aus erster Hand den Talenten in Ontario beibringen. Es war eine einvernehmliche Entscheidung, die beiden hilft, der Organisation und Marco."
Der 43-jährige Niederbayer freut sich auf seine neue Herausforderung und weiß, dass er zukünftig mehr im Fokus stehen wird, wenn auch noch nicht auf höchster Ebene, sondern in zweiter Reihe.
"Es kommen als Chef einige Sachen dazu", erklärt Sturm. "Ich habe es in der letzten Saison selber gemerkt, als Todd mit Corona positiv und zehn Tage weg war. Da war ich für ein paar Spiele als Chef hinter der Bank zuständig. Das sind aber so Sachen, wo man schnell aus dem Rhythmus wieder herauskommt. Egal, ob das jetzt das Management der Bank ist, ob das Ansprachen sind, die Trainingseinteilung und -übungen. Ich merke es jetzt schon im Sommer, dass ich zukünftig derjenige bin, der die Aufgaben verteilt und nicht bekommt. Ich bin im ständigen Kontakt mit meiner Mannschaft und meinem Staff. Das sind doch einige Leute und es ist ein wesentlicher Unterschied. Das ist für mich auch etwas Neues und nur gut für mich. Deswegen freue ich mich auf die neue Aufgabe."

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Sein Wechsel kommt ausgerechnet jetzt, wo es bei den Kings besser lief und sie erstmalig mit Sturm und McLellan hinter der Bande, die Playoffs erreichen konnten. Dort unterlagen sie in der ersten Runde nur nach hartem Kampf den Edmonton Oilers in sieben Spielen.
"Wir waren mit der Saison sehr zufrieden", fasst Sturm zusammen. "Man darf nicht vergessen, dass wir sehr viele Verletzte hatten, darunter sehr langfristige mit bis zu sechs Monate und auch noch einer der besseren Spieler. Unter diesen Vorzeichen die Playoffs zu erreichen, war ein guter Fortschritt."
Die Gründe liegen laut Sturm im Reifeprozess und an einigen getätigten Neuverpflichtungen, die eingeschlagen haben. "Ich glaube, dass die jungen Spieler reifer wurden und man merkt einfach, wie sie besser und erfahrener werden", meint er. "Die Ausbildung bei uns hat Fortschritte gemacht, die sich auszahlen. Man hat auch gemerkt, dass wir mit Phillip Danault, Viktor Arvidsson und Alexander Edler drei wirklich gute NHL-Spieler dazubekommen haben. Nicht nur am Eis, sondern auch außerhalb vom Eis. Auch für mich ein wichtiger, wenn nicht der Hauptgrund. Der Zusammenhalt im Team war viel besser und wir haben disziplinierter gespielt. Wir haben die Gegner mit unserer harten Arbeit und Struktur wahnsinnig gemacht. Von daher glaube ich, dass wir verdient in den Playoffs vertreten waren."
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Dieses Ziel, die Calder Cup Playoffs zu erreichen und dort weit zu kommen, verfolgt er zukünftig mit Ontario in der AHL. Die Reign zogen zuletzt mit dem zweiten Platz in der Pacific Division (41-18-9; 91 Punkte) souverän ein, doch im Pacific Division Halbfinale war nach einem 0:3 gegen die Colorado Eagles Endstation.
"Wir haben einiges an Potenzial in der Organisation, um erfolgreich zu spielen, aber man darf nicht vergessen, dass der Erfolg auch davon abhängt, wie viele und welche Spieler die Kings brauchen", erläutert Sturm die Rahmenbedingungen. "Das kann schnell Substanz kosten. Doch das wird auch meine Aufgabe sein, damit klarzukommen."
Doch wie schätzt er seine Chancen ein, jemals in der NHL einen Chefposten hinter der Bande zu bekommen, nachdem europäische Trainer eher selten sind, obwohl es dort hervorragende Kandidaten gäbe. Für das Handeln der General Manager hat er einen plausiblen Grund.

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"Man darf nicht vergessen, dass es für einen GM einfacher ist, einen altbewährten Trainer zu verpflichten als einen aus Europa zu holen", merkt Sturm an. "Wenn das dann nicht funktioniert, dann hat der GM ein Problem. Der GM ist halt verantwortlich für die gesamte Organisation und am Ende des Tages wollen sie auf Nummer sichergehen. Deswegen werden lieber altbekannte Trainer verpflichtet, die alles schon kennen."
Diese Eigenschaft versucht sich Sturm in Nordamerika weiter anzueignen, obwohl er Europäer ist. Die Unterstützung der Kings bei seinem Bestreben ist immens. "Rob öffnet mir alle Türen, dass ich irgendwie da weiterkomme", betont Sturm mit viel Dankbarkeit. "Das werde ich ihm und den Kings auch nie vergessen."