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Für ein ambitioniertes Team, wie es die Schweizer Nationalmannschaft mittlerweile ist, waren die drei Auftaktsiege ins Turnier bei der IIHF Eishockey-Weltmeisterschaft 2023 in Lettland und Finnland nur Pflichtaufgaben. Doch die Art und Weise wie souverän diese erreicht wurden, verschafft ihnen bei der Konkurrenz noch mehr Respekt als den, der ohnehin schon vorhanden ist.

Mit neun Punkten und einem Torverhältnis von 15:0 steht die Schweiz vor den Gruppenspielen am Mittwoch auf dem ersten Platz der Gruppe B, die ihre Spiele in Riga austrägt. Nach einem 7:0 zum Auftakt ins Turnier am Samstag gegen Slowenien, folgten ein 3:0 gegen Norwegen am Sonntag und ein 5:0 gegen Kasachstan am Dienstag.

Es war der dritte Shutout in Folge zu Beginn des Turniers (180 Minuten und mehr), womit die Schweizer ihrem Mannschaftsrekord von 201 Minuten aus dem Jahr 1939 ein Stück näherkommen. Torhüter Leonardo Genoni sorgte gegen Slowenien und Kasachstan für zwei Nullnummern, Robert Mayer gegen Norwegen für die andere. Die Schweiz hat am Donnerstag gegen die Slowakei die Chance, diese 84 Jahre alte Marke zu verbessern, wenn sie es schaffen, bis ins zweite Drittel hinein ohne Gegentor zu bleiben.

"Im ersten Drittel habe ich noch zwei, drei Fehler gemacht, die sie nicht nutzen konnten", räumte Genoni nach der Partie gegen Kasachstan ein. "Deshalb bin ich froh, dass wir da noch kein Gegentor kassiert haben. Am Ende ist es aber gut aufgegangen. Wir haben erneut dominantes Hockey gespielt und keine Strafe kassiert, was mich extrem stolz macht. Das war noch ein Schritt vorwärts im Vergleich zu den ersten beiden Spielen. Dass wir in den ersten drei Spielen defensiv schon so gut spielen und bisher auch im Boxplay so stark waren, macht mir Mut für den weiteren Turnierverlauf."

Genoni bekam gegen die Kasachen lediglich 13 Schüsse auf sein Tor, was die Aufgabe ohne Gegentor zu bleiben, augenscheinlich leichter werden lässt, aber für die Torhüter selbst eher unangenehm ist.

"Wenn man mehr Schüsse bekommt, dann bleibt man als Torhüter leichter im Rhythmus und konzentrierter", weiß auch Genoni um die besondere Schwierigkeit von wenig Arbeit.

Unterm Strich steht der beste WM-Auftakt der Schweiz seit 1939, als die von Ulrich von Sury trainierte Mannschaft nicht nur drei, sondern gleich vier Siege ohne Gegentor eingefahren hatte: 12:0 gegen Lettland, 23:0 gegen Jugoslawien, 1:0 gegen die Tschechoslowakei und 4:0 gegen Polen.

Die Spiele damals dauerten aber nur drei Mal 15 Minuten, so dass es leichter war, einen Shutout einzufahren. Hugo Müller hieß der Torhüter, der im gesamten Turnier in neun Spielen fünf Mal zu Null spielte und nur sechs Gegentore zuließ.

Müller ist heute vielleicht nicht mehr jedem ein Begriff, aber einige seiner Mannschaftskameraden sind im Gedächtnis hängen geblieben. Der Name von Stürmer Richard "Bibi" Torriani ziert die Trophäe, die jedes Jahr vom Historischen Komitee der IIHF an einen Spieler verliehen wird, der in IIHF-Wettbewerben herausragende Leistungen für seine Nationalmannschaft erbracht hat.

Torriani spielte in der berühmten "ni-Sturm"-Reihe, zu der auch die Brüder Hans und Pic Cattini gehörten. Alle drei wurden 1997 in die erste Klasse der IIHF Hall of Fame aufgenommen. Der Spitzname der Dreier-Kombination setzte sich aus den ähnlichen Endungen ihrer Nachnamen und Sturm zusammen, weil sie immer gefährlich vor dem gegnerischen Tor waren und einen Sturm entfachten. Hans Cattini erzielte das einzige Tor beim wichtigen 1:0-Sieg gegen die Tschechen.

Es gab auch noch ein anderes Brüderpaar, Franz und Albert Geromini. Albert spielte während der gesamten 1930er Jahre, während Franz nur in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts zum Team gehörte. Es war die erfolgreichste Ära des Schweizer Eishockeys. Sie gewannen vier Medaillen an der Weltmeisterschaft, darunter eine silberne 1935 und drei bronzene 1930, 1937 und 1939. Von Sury war vier Jahre lang Nationaltrainer (1936-39) und gewann die letzten beiden Bronzemedaillen.

Und es gab 1939 noch ein drittes Brüderpaar, Charlie und Herbert Kessler. Auch sie waren während des gesamten Jahrzehnts eine wichtige Stütze, und besonders in diesem Jahr war die Mannschaft sehr vielversprechend. Nach den vier Shutouts schlugen sie die USA mit 3:2 und Ungarn mit 5:2 und zogen damit in die Medaillenrunde ein. Doch Kanada war zum Auftakt mit 7:0 übermächtig und die Amerikaner revanchierten sich mit einem 2:1-Sieg für die vorherige Niederlage.

Ein torloses Unentschieden gegen die Tschechen, das drei 10-minütige Verlängerungen beinhaltete, brachte die Schweizer ins Spiel um die Bronzemedaille, das drei Wochen später in Basel ausgetragen wurde. Wie so oft in dieser Zeit gewann Kanada die Goldmedaille und die USA die Silbermedaille, so dass das Spiel um die Bronzemedaille gegen die Tschechoslowakei auch als Spiel der Europameister bezeichnet wurde. Die Schweizer gewannen das Spiel mit 2:0, wobei Müller den fünften Shutout schaffte und damit Bronze. Die Tore erzielten Franz Geromini im zweiten Drittel und Beat Ruedi im dritten Drittel.

Jetzt haben die Schweizer die Chance, diese Serie zum Auftakt aus 1939 von vier Spielen ohne Gegentor zu wiederholen. Damals waren das wegen der kürzeren Spieldauer 180 Minuten und nun sind es nach drei Spielen ebenfalls schon 180 Minuten.

"Genoni und Mayer spielen im Tor überragend großartig, aber auch die Stürmer kommen sofort zurück und helfen uns Verteidigern", meint der Schweizer Verteidiger-Routinier Romain Loeffel. "Die bisherigen Gegner waren nicht die besten Teams, aber auch die muss man schlagen."