Dass der Außenseiter, die Montreal Canadiens, Spiel 1 im diesjährigen Stanley Cup Finale bei den Tampa Bay Lightning am Ende verlieren könnte, war für Trainer Luke Richardson und seine Mannen im Vorfeld der Begegnung mit einzukalkulieren. Ein 1:5 in der Amalie Arena hatten sicherlich, bei den zuvor in der Postseason defensiv so überzeugend aufgetretenen Canadiens, nur die allergrößten Skeptiker erwartet.

Demensprechend ernst war die Stimmung hinterher zum Auftakt im Pressegespräch mit den per Zoom zugeschalteten Journalisten aus aller Welt. Josh Anderson ging mit finsterer Miene direkt in die Aufarbeitung des soeben Erlebten über: "Wir müssen das Spiel jetzt natürlich gründlich aufarbeiten, dürfen dabei aber auch nicht zu sehr grübeln oder gar ins Zweifeln kommen. Sicherlich gibt es Dinge zu verbessern, aber wir waren besser als es das Ergebnis am Ende zeigt."

MTL@TBL, Sp1: Chiarot erzielt sein erstes Playofftor

Tatsächlich war die Leistung der Mannschaft über weite Strecken des Spiels gar nicht so schwach, wie es ein Blick auf die Anzeigetafel im Nachhinein vermuten lässt. Insbesondere Spielbeginn zeigten die Canadiens, dass sie mit dem Titelverteidiger durchaus mithalten können, wenn sie voll konzentriert und diszipliniert auftreten. "Am Anfang waren wir eigentlich gut im Spiel. Im zweiten Drittel haben wir uns sogar noch etwas gesteigert, konnten es dann aber nicht durchziehen", lautete die kurze Analyse von Ben Chiarot nach Spielende.
Die Canadiens haben in den ersten 40 Minuten gezeigt, dass sie, wenn es ihnen gelingt unnötige Fehler zu vermeiden, an ihre Leistungsgrenze gehen, ein ausgeglichenes Spiel gegen den Stanley Cup Sieger des Jahres 2020 möglich ist. Doch genau an diesen Tugenden haperte es an diesem Abend in Tampa Bay häufiger als es verkraftbar gewesen wäre. Die Gäste leisteten sich zu viele Fehler. Unnötige Scheibenverluste und Konzentrationsfehler brachten das Team um die Chance auf eine Überraschung zum Auftakt der Best-of-7-Serie.
Drei Tore der Lightning fielen unmittelbar nach vorausgegangenen Scheibenverlusten, sorgten dafür, dass die Schlussphase zu einer eindeutigen Angelegenheit für die von ihren Fans lautstark nach vorne gepeitschten Hausherren wurde. "Wir machen niemandem einen Vorwurf. Wir vertrauen allen Spielern in unserem Kader", versuchte Chiarot die aufkeimenden Diskussionen gleich im Keim zu entschärfen. "Die Turnovers waren sicherlich ein Faktor. Die Lightning sind ein Team, das genau auf solche Gelegenheiten lauert. Wir dürfen ihnen diese Möglichkeiten einfach nicht geben."
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Coach Richardson wollte, trotz der auch ihm anzusehenden Enttäuschung, kurz nach der Schlusssirene nicht allzu streng mit seinen Schützlingen ins Gericht gehen: "Wir werden einige Dinge umstellen. Aber viel gibt es nicht zu ändern, außer dass wir die Anzahl unserer Fehler reduzieren müssen. Uns war klar, dass sie ein offensivstarkes Team haben. Scheibenverluste sind da immer tödlich."
Bis zum Ende des zweiten Drittels konnten die Kanadier den Schaden dabei noch im Rahmen halten, auf eine Überraschung zum Serienstart hoffen. Chiarot brachte die Canadiens mit seinem Tor zum 1:2 in der 38. Minute endgültig ins Spiel. Ihm gelang es, nach den beiden Treffern Tampa Bays durch Erik Cernak (7.) und Yanni Gourde (26.), die Canadiens auf die Anzeigetafel zu bringen und den Rückstand vor den finalen 20 Minuten im überschaubaren und leicht zu korrigierenden Rahmen zu halten.
Doch ein weiterer unnötiger Scheibenverlust vor dem 3:1 der Lightning durch Nikita Kucherov (43.) sorgte dann kurz nach Beginn des Schlussabschnitts für die Vorentscheidung. Am Ende erhöhten abermals Kucherov (53.) und Steven Stamkos (59., pp), dem sein achter Treffer der diesjährigen Playoffs gelang, zum Endstand und ließen die Gäste geknickt auf dem Eis zurück.
Jeff Petry kritisierte insbesondere die Leistung der Canadiens in der Schlussphase des ersten Kräftemessens: "Am Ende wollten wir es einfach zu sehr erzwingen. Das endete dann in vielen Konterchancen für sie. Wir wissen aber, dass wir es besser können und werden das in Spiel 2 auch zeigen."

MTL@TBL, Sp1: Cernak erzielt Erstes per Abfälscher

Mut gibt den Beteiligten nach eigenem Bekunden die Tatsache, dass es Montreal nach einem 1:4 in Las Vegas zum Serienauftakt gegen die Vegas Golden Knights schon einmal gelang, durch einen Auswärtssieg in Spiel 2 zurück in die Serie zu kommen. "Das war erst das erste Spiel einer langen Serie", erinnerte Petry. "Wir haben in der Serie gegen Vegas ja bereits gezeigt, dass wir eine glatte Niederlage in Spiel 1 verkraften können, müssen uns jetzt steigern und Spiel 2 hier unbedingt gewinnen. Wir wollen unbedingt mit einem Zwischenstand von 1:1 in der Serie zurück nach Montreal."
Eine Idee für einen erfolgreicheren Spielausgang am Mittwoch hat Coach Richardson dafür auch schon im Auge: "Unser Puck-Management muss wieder besser werden. Gegen solche hochkarätigen Spieler darf man sich einfach keine Schwächen erlauben. Sie bestrafen das sofort. Das hat man heute gesehen. Um unser Tempo zu nutzen, müssen wir häufiger hinter ihre Abwehr kommen. Heute haben wir zu viel stillgestanden. Das ist gefährlich gegen sie. Wir müssen in der Offensive mehr Spielzüge zeigen, um sie in der Abwehr zu beschäftigen."
Gegen Ende der Presserunde war dann auch das Lächeln in das Gesicht des Montreal-Trainers zurückgekehrt. "Das Gute ist, wir haben nicht unser bestes Spiel gezeigt heute. Wir wissen, dass wir es deutlich besser können", sagte er mit einem verschmitzten Grinsen.
Die Gelegenheit das zu beweisen, bekommen die Canadiens am Mittwoch (8 p.m. ET; NHL.TV, Sport1+, DAZN; Do. 2 Uhr MESZ) an gleicher Stelle.