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Die NHL-Teams haben durch den für 1. Januar geplanten Beginn der Saison 2020/21 ihre unter Vertrag stehenden europäischen Spieler, insbesondere jüngeren Alters, teilweise an Mannschaften in Europa verliehen, um ihnen frühzeitig Spiel- und Trainingspraxis zu verschaffen. NHL.com/de wird in einer wöchentlichen Serie über einzelne dieser Spieler berichten, wie sie ihre Zeit bis zum Start der kommenden NHL-Saison überbrücken. In der heutigen Ausgabe: Michael Raffl.

Schon seit einiger Zeit hatte es im Süden von Kärnten Gerüchte gegeben, dass Michael Raffl vorübergehend ein Engagement bei seinem Heimatverein EC VSV anstreben würde, um Spielpraxis vor dem Start in die neue NHL-Saison zu sammeln. In diesem Klub hatte Raffl das Eishockey spielen erlernt. Darüber hinaus war er dort in den letzten Jahren im Sommer oft beim Training zu Gast, wenn er sich in der Heimat aufhielt.
Am Samstag, 28. November, war es schließlich soweit. Die Philadelphia Flyers gaben offiziell die Ausleihe ihres Stürmers zum VSV bekannt. Prompt wurde spekuliert, ob Raffl ausgerechnet im 331. Kärntner Derby gegen den Klagenfurter AC am darauffolgenden Dienstag sein Debüt geben würde. Die Rivalität zwischen beiden Mannschaften ist sehr groß.
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"Es ist schon ein ganz besonderes, ja richtig lässiges Gefühl, das blau-weiße Trikot wieder überzustreifen", sagte Raffl nach der Einigung. "Ich bin ja ein echter Villacher, die Stadthalle ist seit meinem dritten Lebensjahr quasi mein zweites Zuhause. Es macht mich stolz, wieder für den VSV zu spielen. Ich freue mich sehr und hoffe, dass es vielleicht schon im Derby klappt. Das wäre cool."
Es klappte und an seinem 32. Geburtstag feierte Raffl nach neun Jahren seine Rückkehr in einem Pflichtspiel des VSV. Das Team hat Verstärkung dringend nötig, denn mit nur vier Siegen und 14 Punkten aus 14 Spielen befinden sich die Villacher auf dem vorletzten Platz. Der KAC hat hingegen mit 26 Punkten aus 15 Spielen als Tabellenfünfter Anschluss an die Spitzengruppe der österreichischen bet-at-home ICE Hockey League, wie die oberste Spielklasse seit diesem Jahr heißt.
Raffl durchlief beim VSV sämtliche Nachwuchsmannschaften, ehe er in der Saison 2005/06 mit 17 Jahren sein Debüt in der ersten Herren-Mannschaft feierte und ein Jahr später zum Stammspieler wurde. Bis 2011 erzielte er in 260 Ligaspielen 146 Punkte, davon 75 Tore. Sein bisher letztes Tor für den VSV schoss er am 17. März 2011 im Playoff-Halbfinale, einem Derby gegen den KAC. Nach einem Jahr in Schweden verpflichteten ihn die Flyers zur Saison 2013/14. Am 12. Oktober 2013 folgte sein erster Einsatz in der NHL und am 9. Dezember 2013 landete er seinen ersten Treffer.

Raffl etablierte sich in Philadelphia zu einer Stütze der Mannschaft. Mittlerweile sammelte er in 470 NHL-Spielen 152 Punkte, davon 78 Tore. Seine starken Leistungen in den vergangenen Playoffs mit vier Toren in neun Spielen bescherten ihm eine Auszeichnung durch das kanadische Eishockey-Fachmagazin "The Hockey News", das Raffl in das Playoff-Team für Spieler außerhalb der sechs Top-Nationen (Kanada, USA, Russland, Schweden, Finnland, Tschechien) wählte.
Nun folgte sein Comeback für den VSV. Es sind bewegte und emotionale Zeiten für Raffl, denn erst vor knapp zwei Wochen wurde er zum zweiten Mal Vater. In den kommenden Wochen möchte er seinem Heimatklub helfen, sich in der Tabelle zu verbessern.
"Es war kein einfacher Saisonstart für uns", betonte Raffl beim Sportsender Sky. "Aber die ganze Mannschaft muss anders auftreten. Ich weiß nicht, ob ich das ändern kann, aber ich werde alles daransetzen, die Mannschaft zu pushen und sie stärker zu machen."
Am Dienstag klappte das schon einmal ganz gut. Der VSV siegte ohne einen Punkt von Raffl, der es auf drei Torschüsse brachte, gegen den KAC mit 2:1 und konnte so den Anschluss an das untere Mittelfeld der Tabelle herstellen. Nach drei Derbypleiten in Folge und nur zwei Siegen aus den letzten 15 Vergleichen mit Klagenfurt ein besonders schmackhaftes Erfolgserlebnis.
An diese Leistung wollen die Villacher anknüpfen, um im Klassement weiter nach oben zu klettern. Natürlich möglichst lange unter der Mithilfe des NHL-Stars. Dem wurde im Derby eine kämpferisch überzeugende Leistung attestiert. Raffl fuhr gleich zu Beginn einige harte Checks, verschaffte sich so den nötigen Respekt auf dem Eis und stachelte seine Mannschaftskameraden an. Er gab das Lob für seinen Auftritt postwendend an seine Teamkollegen weiter. "Die Burschen haben unglaublich für den Sieg gekämpft", betonte er.
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Dass es mit einem Torerfolg nicht geklappt hat, war für Raffl deswegen verschmerzbar. "Ich muss kein Tor schießen, ich muss nicht der Held sein", verdeutlichte er. "Ich habe meine Rolle gespielt und gekämpft. Das Match hat sehr viel Freude gemacht und die Hauptsache war, dass wir gewonnen haben."
Die Position als kampfbetonter Spieler füllte Raffl auch schon oft bei den Flyers in der vierten Reihe aus. Dort schätzt man, wie uneigennützig sich ihre Nummer 12 in den Dienst des Teams stellt. Dinge, die er jetzt beim VSV ebenfalls umsetzt. "Die Partie bot Härte, ich habe versucht meinen Stil einzubringen", sagte Raffl. "Es ist auf der großen Eisfläche fast nicht möglich, jeden Check zu Ende zu fahren. Nach dem ersten Drittel wäre mir fast die Luft ausgegangen."
Womit sich einmal mehr bewahrheitet hat, dass ein Spiel im Gegensatz zum Training eine ganz andere Belastung darstellt. Raffl wird die nächsten Wochen beim VSV versuchen, so viel Spielpraxis wie möglich zu sammeln und in Form zu kommen, damit er für das Trainingscamp und den späten Saisonstart in der NHL gerüstet ist.