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Mark Streit hat als Höhepunkt seiner Karriere im Jahr 2017 als dritter Schweizer und erster Feldspieler seines Landes den Stanley Cup gewonnen. Der langjährige NHL-Verteidiger ist Mitbegründer des NHL-Partners NORQAIN und heute ein viel gefragter Experte. Er wird in einer monatlichen Kolumne exklusiv für NHL.com/de seine Ansichten zu Teams, Spielern und brennenden Fragen in der NHL teilen.

Hier die sechste Ausgabe 25/26, ein Olympia-Spezial:

Die Olympischen Winterspiele Milano Cortina 2026 sind schon wieder Geschichte. Ich bin der Meinung, dass das Turnier sein Versprechen gehalten hat. Es war ein großartiges Turnier und eine hervorragende Werbung für das Eishockey – auch für die NHL. Besonders gefreut hat mich die Fairness, die trotz aller Kämpfe und Checks auf dem Eis herrschte. Es gab keine Diskussionen mit den Schiedsrichtern. Es herrschte eine große Akzeptanz. Und bei Fairness denke ich nicht nur an das Spalier der Kanadier beim Abtransport des verletzten Kevin Fiala. Das war ein Gänsehaut-Moment, oder?

Ich konnte das Finalwochenende live vor Ort sehen und muss sagen, dass das Endspiel ohne Übertreibung das intensivste Eishockeyspiel war, das ich je gesehen habe. Das Spiel Kanada gegen die USA mit allen Top-Spielern ist das Nonplusultra. Seit dem letzten Auftritt der NHL-Spieler bei Olympia 2014 haben sich das Tempo, die Intensität und die technische Versiertheit deutlich gesteigert. Hinzu kam, dass es unglaublich spannend war.

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Das war wirklich toll für die Fans, wenngleich ich sagen muss, dass die Drei-gegen-Drei-Verlängerung dann nicht mehr viel mit dem Eishockey zu tun hatte, das man vorher gesehen hat. Es ist schade, wenn man so ein Turnier spielt und es um die Goldmedaille geht, aber dann wird freies Eishockey gespielt. Ein kleiner Fehler entscheidet über den Ausgang dieses tollen Finales, was für mich etwas unbefriedigend ist. Natürlich ist es für beide Teams gleich, aber ich hätte dem Spiel noch zwei Stunden zuschauen können.

Mir ist schon klar, dass bei so einem Olympia-Finale viele Faktoren hineinspielen. Das Fernsehen hat seinen Anspruch: Es ist der letzte Tag, danach steht die Schlussfeier an, sodass das Eishockey-Finale nicht ewig dauern kann. Aber vielleicht sollte man sich überlegen, das Finale auf den Samstag zu legen, damit einfach die Zeit da ist, um den Sieger sportlicher zu ermitteln.

Es war natürlich bitter für die Kanadier. Sie hatten so viele Möglichkeiten, weitere Tore zu schießen, aber Connor Hellebuyck im Tor der USA war an diesem Tag phänomenal. Beiden Mannschaften war der Sieg zu gönnen, denn sie hatten ein super Turnier. Die Geste der Amerikaner, den verstorbenen Johnny Gaudreau am Ende zu ehren, war sehr berührend.

Für mich hatte der Ausfall von Sidney Crosby für die Kanadier einen großen Einfluss. Er ist ein großartiger Spieler, vielleicht nicht mehr der Jüngste, aber er bringt seine Leistung, strahlt Ruhe und Erfahrung aus und gibt dem Team Sicherheit.

Schön anzusehen war auch, dass es kein einfacher Durchmarsch für die USA und Kanada wurde. Beide mussten sich den Weg ins Finale hart erarbeiten. Die Europäer haben einen guten Job gemacht. Die Slowakei war sicher die Überraschungsmannschaft, die es in einem solchen Turnier immer gibt. Leider kam im Halbfinale gegen die USA zu wenig von ihnen, da sie sich zu sehr das Spiel des Gegners aufdrängen ließen. Die Tschechen waren in der Vorrunde noch enttäuschend, haben aber ein tolles Viertelfinale gegen Kanada gespielt. Das Gleiche gilt für die Schweden, die die USA fast besiegt hätten. 

Von Deutschland hatte ich mehr erwartet. Aber es ist nicht einfach, in so kurzer Zeit NHL-Spieler in ein Team zu integrieren, das sich von Weltmeisterschaften bestens kennt. Und es ist nicht einfach, das Mindset zu vermitteln, dass jeder gefordert ist. Ich habe auch teilweise erlebt, dass man sich zu sehr auf die NHL-Spieler verlässt, auch innerhalb des Teams. Dann verliert man seine Tugenden als Team, aus einer guten Defensive nach vorne zu arbeiten, und schon läuft es nicht mehr.

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Die Schweiz hatte den Vorteil, dass viele ihrer Spieler in den letzten Jahren schon bei der WM dabei waren. Trotzdem sind auch sie nicht über das Viertelfinale hinausgekommen. Es war sehr bitter, bis sechs Minuten vor Schluss gegen Finnland mit 2:0 zu führen und dann in der Overtime mit 2:3 zu verlieren. Auch hier waren genug Chancen vorhanden, das Spiel vorher zu entscheiden, aber es hat sich am Ende gerächt. Der Ausfall von Fiala als Torjäger hat sicher schwer gewogen. Das Aus der Schweiz auf diese Art und Weise war auf jeden Fall schmerzlich. Aber man muss das als Erfahrung mitnehmen, um es das nächste Mal besser zu machen.

Im Mai findet schließlich die Heim-WM in der Schweiz statt. Darauf freue ich mich ebenfalls sehr. Für mich hat die WM ihre Berechtigung neben Olympia, denn auch dort wird toller Sport vor den Augen von Fans aus der ganzen Welt geboten werden. Die Schweiz hat hier erneut eine Riesenchance, und ich hoffe, dass alle dabei sein werden, die dann in der NHL nicht mehr aktiv sind. Es wird sicher ein weiteres tolles Eishockey-Fest.

Bis dahin! Euer Mark

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