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Am Ende machte nur ein einziges Tor den Unterschied: Die Seattle Kraken verloren am Montagabend im American Airlines Center das alles entscheidende Spiel 7 bei den Dallas Stars mit 1:2. Trotz eines erneut starken Auftritts von Kraken-Torwart Philipp Grubauer (26 Saves, 92,9 Prozent Fangquote) ist mit ihm nun auch der letzte Deutsche in der 2. Runde der Stanley Cup Playoffs 2023 ausgeschieden. NHL.com/de blickt auf die Gründe für Seattles Aus und wagt einen Blick in die Zukunft…

Rückstände raubten Seattle die größte Stärke

Es waren die ersten Stanley Cup Playoffs überhaupt für das jüngste NHL-Franchise - und gleich zweimal gingen die Kraken über die maximale Distanz von sieben Spielen. In der 1. Runde gegen die Colorado Avalanche gewann Seattle mit 2:1, in der 2. Runde gegen die Stars setzte es eine 1:2-Niederlage.

"Seit dem ersten Tag hatte uns jeder abgeschrieben", sagte Seattles Stürmer Jordan Eberle. "Wir haben in diesem Jahr große Fortschritte gemacht. Keiner hätte erwartet, dass wir es in die Playoffs schaffen, keiner hätte erwartet, dass wir Colorado schlagen, keiner hätte erwartet, dass wir es auch jetzt bis ins Spiel 7 schaffen. Als Mannschaft haben wir all das zum ersten Mal überhaupt erleben dürfen. Zunächst musst du lernen, zu verlieren, dann kannst du einen Weg finden, zu gewinnen."

"Wir waren einen Sieg davon entfernt, unter den besten vier Teams spielen zu dürfen", haderte auch Kraken-Trainer Dave Hakstol. "Du kannst den Schmerz bei unseren Spielern sehen, insbesondere bei den Routiniers, die wissen, wie schwer es ist, so weit zu kommen. Wir haben so hart gekämpft, wie wir nur kämpfen konnten."

Seattle ließ tatsächlich alles auf dem Eis: Mit 576 Checks (40,4 Hits/60 Minuten) und 261 geblockten Schüssen (18,3 Blocks/60 Minuten) stellten die Kraken jeweils Bestwerte unter allen Playoff-Teams auf.

Gründe für das Scheitern liegen insbesondere im Offensivbereich. Seattle gab im Schnitt nur 29,1 Torschüsse pro Partie ab (11.), zielte zudem oft daneben (185 Schüsse neben das Tor; 15.) und ließ die letzte Durchschlagskraft im Powerplay vermissen (14,3 Prozent Erfolgsquote).

Vergleicht man die beiden Serien fällt zudem auf, dass Seattle gegen die Avalanche (2,71 Gegentore/Spiel; 6.) im Schnitt ein Tor weniger pro Spiel kassierte als gegen die Stars (3,71 Gegentore/Spiel). Auch das Penalty Killing stürzte von 88,9 Prozent auf 76,5 Prozent ab.

Ein großer Unterschied machte auch das erste Tor: Gingen die Kraken gegen Colorado in jedem der sieben Spiele zunächst in Führung, gelang das gegen Dallas nur noch in zwei von sieben Partien. Seattles System aber profitierte genau davon, denn mit einer physisch starken Verteidigung und schnellen Angreifern konnten die Kraken sihr brandgefährliches Umschaltspiel mit einem Vorsprung im Rücken besser aufs Eis bringen. Diese große Stärke brach gegen die Stars also größtenteils Weg, weshalb sich auch immer tiefere Risse im Defensivverbund zeigten. Von Rückständen zurückkommen zu müssen kostete zudem immer mehr Kraft. "Am Ende ist uns leider die Zeit ausgegangen", erkannte auch Grubauer.

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Grubauer, das Playoff-Monster

Herausragende Playoffs spielte Kraken-Torwart Grubauer: Kein anderer Playoff-Goalie bekam mehr zu tun (422 Torschüsse), kein anderer Keeper zeigte so viele Saves (381 Paraden). Der 31-jährige Rosenheimer hatte einen Gegentorschnitt von 2,99 und eine Fangquote von 90,3 Prozent und hielt Seattle mit zahlreichen Glanzparaden am Leben.

In der Serie gegen die Avalanche zeigte es Grubauer seinen Ex-Kollegen mit 92,6 Prozent Fangquote und 2,44 Gegentoren/Spiel. Gegen die Stars erhielt der deutsche Schlussmann deutlich weniger Unterstützung von seinen Vorderleuten und geriet aufgrund der veränderten Statik im Kraken-Spiel immer mehr unter Druck, weshalb auch seine Zahlen schlechter wurden (87,4 Prozent Fangquote, 3,55 Gegentore/Spiel).

In der regulären Saison hatte Grubauer eine regelrechte Achterbahnfahrt erlebt. Eine Verletzung zu Beginn bremste ihn aus. Als er wieder fit war, musste er sich seinen Stammplatz gegen Martin Jones erst zurückerobern und dann verteidigen. Genau das aber gelang dem 1,85 Meter großen Linksfänger mit Bravour.

Doch Grubauer ist mehr als nur ein guter Torwart. Mit seiner Ruhe und seinen Führungsqualitäten ist der "deutsche Cowboy", wie ihn Kraken-Radio-Experte Dave Tomlinson nennt, enorm wichtig für Seattles Kabine.

DAL@SEA, Sp4: Grubauer rettet gegen Seguin

Viel Talent in der Hinterhand - Positive Stimmung für die neue Saison

Kraken-GM Ron Francis steht nun vor einem arbeitsintensiven Sommer, immerhin laufen zehn Spielerverträge aus. Darunter mit Will Borgen, Vince Dunn, Cale Fleury und Carson Soucy gleich vier Verteidiger sowie Grubauer-Konkurrent Jones.

Mit Stürmer Matty Beniers (20) weiß Seattle ein Top-Talent in seinen Reihen, das schon jetzt enorm viel Verantwortung trägt. Angreifer Tye Kartye (22, ungedraftet) war die Entdeckung in den Playoffs (zehn Spiele, 3-2-5) und dürfte in der neuen Saison dauerhaft in der NHL spielen. Gleiches gilt für Shane Wright (19, NHL Draft 2022, 1. Runde, 4. Stelle), der bereits in der regulären Saison NHL-Luft schnuppern durfte (acht Spiele, 1-1-2), und Kole Lind (24, NHL Draft 2017, 2. Runde, 33. Stelle), der beim AHL-Farmteam Coachella Valley Firebirds neuen Schwung nahm (72 Spiele, 30-32-62; Playoffs: elf Spiele, 7-9-16).

In der Hinterhand hält Seattle zahlreiche weitere Talente, die allesamt in der zweiten Runde gedraftet wurden: Die Stürmer Jagger Firkus (19, 35. Stelle), Jani Nyman (18, 49. Stelle), David Goyette (19, 61. Stelle), Verteidiger Ryker Evans (21, 35. Stelle) und Torwart Niklas Kokko (19, 58. Stelle), die im Trainings Camp um einen Platz im NHL-Kader kämpfen werden.

Im NHL Draft 2023 halten die Kraken gleich vier Picks in den ersten drei Runden, darunter ein Erstrunden-, drei Zweitrunden- und ein Drittrunden-Pick.

SEA@DAL, Sp7: Bjorkstrand trifft für die Kraken

Für die Zukunft ist die Stimmung in Seattle also positiv.

"Die Mannschaft ist immer enger zusammengewachsen", so Grubauer. "Unser Rookie Matty Beniers hat es richtig gesagt: Wir haben wie ein echtes Team gespielt, wir haben füreinander gespielt, genau das war es, was es so schön gemacht hat. Wir haben diese Momente genossen. Leider haben wir heute nicht gewonnen, aber wir müssen durch diese schmerzhaften Situationen gehen, um als Mannschaft gestärkt daraus hervorzugehen."

"Ich liebe diese Mannschaft", betonte Center Yanni Gourde. "Hier ist das gewisse Etwas. Es ist die Kultur, die in den Playoffs Spiele gewinnt. Es ist das, was du bereit bist zu geben, um zu gewinnen. Und genau das hat dieses Team."

"Wir haben als Mannschaft einen Geschmack davon bekommen, was es heißt, in den Playoffs zu spielen", sagte Eberle. "Wir werden daraus wachsen. Wir wollen dieses Gefühl wieder spüren. In dieser Liga ist es schwer, zu gewinnen und noch härter, einen Pokal zu gewinnen. Aber ich denke, wir haben hier ein gutes Fundament gelegt, auf das wir aufbauen werden."