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Deutschland ist im Viertelfinale der Olympischen Winterspiele Milano Cortina 2026 ausgeschieden. NHL.com/de blickt auf das Turnier zurück und ist auf der Suche nach den Gründen für das Aus fündig geworden.

Das Olympische Turnier im Zeitraffer

Der Start ins Olympische Eishockey-Turnier war vielversprechend. Deutschland landete zum Auftakt einen 3:1-Erfolg gegen Dänemark. Leon Draisaitl traf nach nur 23 Sekunden, außerdem gelang Tim Stützle ein Doppelpack. Allerdings stand dieser Erfolg auf tönernen Füßen. Die anfällige Defensive war schon hier klar zu erkennen, immerhin ließ die DEB-Auswahl 38 (!) Torschüsse zu. Ein brutal starker Torwart Philipp Grubauer (37 Saves, 97,4 Prozent Fangquote) hielt den Sieg am Ende aber fest.

Im zweiten Gruppenspiel setzte es den ersten Dämpfer, eine 3:4-Niederlage gegen Lettland. Wieder ging Deutschland früh, dank Lukas Reichel in Führung (3.), leistete sich aber zahlreiche individuelle Fehler in der Defensive. Das nutzten effektive Letten gnadenlos aus und drehten das Spiel. Die Deutschen wachten zu spät auf und vergaben ihre Chancen. Einzig Stützle gelang noch ein Tor.

Keine Überraschung war, dass das letzte Spiel in der Gruppe C mit 1:5 gegen die favorisierten USA verloren ging. 19 Minuten zeigte sich das DEB-Team in der Defensive stark verbessert, brach danach aber regelrecht zusammen und kassierte fünf Gegentore in Folge. In der Offensive lief lange nicht viel zusammen, was auch daran lag, dass die Brüder Brady und Matthew Tkachuk den deutschen Superstar Leon Draisaitl auf Schritt und Tritt verfolgten. Stützle erzielte mit seinem vierten Turnier-Tor den Ehrentreffer.

In der Qualifikationsrunde für die K.o.-Phase stand die Pflichtaufgabe gegen Frankreich an - Deutschland bewältigte diese und gewann mit 5:1. Draisaitl (im Powerplay), Frederik Tiffels, JJ Peterka, Josh Samsanski (im Powerplay) und Nico Sturm (Empty Net) erzielten die Tore. Das bis dato eher harmlose Überzahlspiel holte sich ein wenig Selbstvertrauen. Hinten klafften aber auch gegen den leichtesten Turnier-Gegner immer wieder Lücken, was sich in 31 gegnerischen Torschüssen ausdrückte.

Im Viertelfinale hatte Deutschland mit der Slowakei das vermeintlich einfachste Los aller teilnehmenden Mannschaften, doch ein enttäuschender Aufritt endete in einer verdienten 2:6-Niederlage. Spielerisch waren die Slowaken zwar nicht besser, doch nutzten sie teils haarsträubende Fehler in der deutschen Verteidigung konsequent aus. Binnen 12:15 Minuten schockte die Slowakei Deutschland mit vier unbeantworteten Toren. Doch auch die Offensive lieferte nicht. Alleine im ersten Drittel hatten die Slowaken einen Torschuss-Vorteil von 18:5. Auch auf die beiden deutschen Treffer von Reichel und Tiffels fanden die Slowaken jeweils eine Antwort.

Das ausgegebene Ziel, ins Viertelfinale vorzustoßen, wurde auf dem Papier zwar erreicht, doch wäre mit diesem Kader und gegen diese Gegner mehr drin gewesen. Insbesondere das Wie ließ Spieler, Fans und Beobachter mit einem Gefühl der Enttäuschung zurück.

Warum also ist Deutschland ausgeschieden? NHL.com/de hat drei Hauptgründe herausgearbeitet…

Grund 1: Eine überforderte Defensive

17 Gegentore in fünf Spielen (durchschnittlich 3,4 Gegentore/Spiel) sprechen eine deutliche Sprache. Dass die Abwehr die Achillesferse des deutschen Teams ist, war zuvor bereits bekannt. Hinter NHL-Verteidiger Moritz Seider klaffte eine gähnende Qualitätslücke. Eine Flut an individuellen Fehlern, insbesondere vom Tandem um Jonas Müller und Kai Wissmann, kosteten schmerzhafte Gegentore. Warum Bundestrainer Harold Kreis dennoch stoisch daran festhielt und seine Pärchen nicht aufbrach, wird sein Geheimnis bleiben. Kreis war schon bei der Nominierung Wissmanns ein Risiko eingegangen, immerhin kehrte der Verteidiger der Eisbären Berlin erst kurz vor den Olympischen Spielen nach einer schweren und langen Verletzung (Achillessehnenriss) zurück und war praktisch ohne Spielpraxis (vier DEL-Spiele, 1-0-1). In einem fitten und formstarken Zustand führt an Wissmann in der Nationalmannschaft kein Weg vorbei - so aber tat der Bundestrainer weder seinem Spieler noch seinen Spielern einen Gefallen.

Als Alternative stand Korbinian Geibel bereit. Der 23-Jährige spielte bereits eine starke WM 2025 und hätte sich eine Chance verdient gehabt, blieb bei Olympia 2026 aber ohne einen einzigen Einsatz. Zwar war auch Geibel länger verletzt, absolvierte aber immerhin 25 DEL-Spiele für Berlin (4-3-7) und hätte aufgrund seiner Spielweise ein belebendes Element sein können. Führt man das Argument seiner vorausgegangenen Verletzung an, hätte es von vornherein Alternativen gegeben: Maksymilian Szuber, eigentlich ein eher defensiv ausgerichteter Verteidiger, ist der torgefährlichste Abwehrspieler bei den Tucson Roadrunners in der AHL und hätte wohl kaum Anpassungsschwierigkeiten an das kleinere Eis gehabt. In der DEL hatten sich mit Marcel Brandt (Straubing Tigers, 43 Spiele, 14-22-36) oder Leon Hüttl (ERC Ingolstadt, 44 Spiele, 4-20-24) eher offensivere Spielertypen aufgedrängt.

Die Probleme in der Defensive wirkten sich im Übrigen auch auf das Offensivspiel aus, denn im Aufbau kamen viele Pässe nicht an, was den eigenen Angriff torpedierte. Gleichzeitig war man - übrigens wie schon bei der letzten WM - sehr anfällig im Unterzahl (66,7 Prozent Erfolgsquote).

Grund 2: Überspielte Superstars

Insgesamt acht NHL-Profis im deutschen Kader hatten hohe Erwartungen geschürt. Zu Recht, denn mit Leon Draisaitl (Edmonton Oilers), Tim Stützle (Ottawa Senators) und Moritz Seider (Detroit Red Wings) waren nicht irgendwelche Spieler dabei, sondern echte Superstars der gesamten Liga, die Schlüsselrollen in ihren Teams ausfüllen und die Gesichter ihrer Franchise sind.

Entsprechend oft, wohl aber zu oft wurden eben diese Jungs aufs Eis geschickt. Gefühlt agierte Deutschland die meiste Zeit mit anderthalb Reihen: Draisaitl neben Tiffels und Lukas Reichel oder Josh Samanski - oder Draisaitl neben Tim Stützle und JJ Peterka. Einerseits war das deutsche Spiel damit ausrechenbar. Andererseits fehlte genau diesen Top-Spielern hinten raus wohl die Kraft, um Spiele zu entscheiden. Vier Spiele in fünf Tagen, darunter zwei Back-to-Backs mit so viel Eiszeit gehen an keinem Profi spurlos vorbei. Zumal diese in allen Situationen (5-gegen-5, Powerplay, Penalty Killing) rausgeschickt wurden.

Hinzu kommt: Der Rest der Mannschaft schien sich entweder auf die genannten Spieler zu verlassen oder erhielt schlichtweg zu wenig Eiszeit, um in einen Rhythmus zu kommen. In jedem Fall führte diese Herangehensweise zu einer Dysbalance, die auch dazu geführt haben könnte, dass Deutschland nicht wie eine geschlossene Mannschaft auftrat.

Grund 3: Zu wenig Secondary Scoring

Elf von 14 deutschen Toren bei den Olympischen Spielen 2026 wurden von NHL-Exporten erzielt: Stützle (vier), Draisaitl, Reichel (je zwei), Peterka, Samanski und Sturm (je eins) trugen also die Hauptlast.

Unterstützung in Form von Secondary Scoring blieb dagegen fast aus. Für die einzigen drei Treffer von Nicht-NHLern sorgten Tiffels (zwei) und Lukas Kälble (eins). Eigentlich gefährliche Offensivspieler wie Marc Michaelis (fünf Spiele, 0-0-0), Dominik Kahun (fünf Spiele, 0-1-1) oder Wojciech Stachowiak (zwei Spiele, 0-1-1) blieben überraschend torlos. Am Drittreihen-Duo Michaelis/Kahun wurde eisern festgehalten, statt diese in einer anderen Kombination auszuprobieren. Stachowiak, der mit seinem Tempo immer Lücken aufreißen kann und das kleinere Eis ebenfalls aus den AHL von den Syracuse Crunch kennt, wurde nach dem Lettland-Spiel nicht wieder eingesetzt und saß als Healthy Scratch auf der Tribüne. Justin Schütz, ein Techniker und Scorer in der DEL, fand sich in den letzten beiden Partien zwar als 13. Stürmer im Spieltagsaufgebot wieder, erhielt aber keine Eiszeit. Nico Sturm, ein zweifacher Stanley Cup Champion und Faceoff-Experte von den Minnesota Wild, der auch für Deutschland bei Weltmeisterschaften schon in einer Top-6-Rolle wirkte und sogar im Powerplay aufgestellt wurde, versauerte in der vierten Reihe und erhielt kaum Einsatzzeit.

Das Trainerteam muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Reihen nicht aufgebrochen oder gar neue Zusammenstellungen gewagt zu haben. Entsprechend eindimensional war das deutsche Spiel. Obwohl in zahlreichen Interviews immer wieder betont wurde, geradliniger spielen zu wollen, blieb man zu verspielt, suchte immer wieder den Extra-Pass, statt den Abschluss und verschleppte das Tempo, statt in den gefährlichen Bereich vors Tor zu ziehen. Taktische Umstellungen blieben aus, immer wieder probierte es Deutschland mit denselben Lösungsansätzen, die nicht aufgehen sollten.

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