Head coach Rod Brind'Amour of the Carolina Hurricanes speaks with his team during the third period against the Vegas Golden Knights in Game One of the 2026 Stanley Cup Final at Lenovo Center on June 02, 2026 in Raleigh, North Carolina. (Photo by Jared C. Tilton/Getty Images)

Trainer Rod Brind’Amour kennt diesen schmalen Grat zwischen Vorfreude und Gefahr. Vor 20 Jahren stand er als Kapitän der Carolina Hurricanes vor der Chance, den Stanley Cup zu gewinnen. Nun steht er wieder an dieser Schwelle. Diesmal nicht in Schlittschuhen, sondern als Trainer einer Mannschaft, die am Sonntag (8 p.m. ET; Mo. 2 Uhr MESZ) in Spiel 6 des Stanley Cup Finales 2026 bei den Vegas Golden Knights den ersten Titel des Franchise seit 2006 perfekt machen kann.

Nostalgie spielt dabei nur eine Nebenrolle. Brind’Amour erinnerte sich vor dem Abflug nach Nevada kaum an konkrete Worte von damals, sehr wohl aber an den Kern der Botschaft. „Ich weiß nicht mehr viel von vor 20 Jahren, außer dass es eine aufregende Zeit war“, erklärte er. „Das ist es jetzt auch. Man will diese Chance nutzen, also müssen wir unser bestes Gesicht zeigen. Das ist im Grunde die Botschaft.“

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Normalität als Auftrag

Genau deshalb fiel in Carolinas Kabine immer wieder ein Wort, das im Angesicht des Stanley Cups beinahe absurd klingt: Normalität. Natürlich ist an einem möglichen Clinching Game in der Finalserie nichts gewöhnlich. Der Cup wird im Gebäude sein. Familien reisen an. Freunde fragen nach Tickets. Jeder Blick über das Spiel hinaus öffnet eine Tür, durch die Ablenkung eindringen kann. Für Brind’Amour besteht die Aufgabe darin, diese Tür so lange wie möglich geschlossen zu halten.

„Es ist offensichtlich nicht normal im traditionellen Sinn“, sagte der Coach. „Aber es geht darum, seinen Job zu erledigen. Es gibt zusätzliche Ablenkungen und all das, was oben draufkommt. Aber wir müssen uns auf die Normalität des Spiels konzentrieren, was das bedeutet und wie man es spielt.“ Diese Nüchternheit ist keine Floskel. Sie ist ein Schutzmechanismus.

Justin Williams kennt die andere Seite. Der frühere Hurricanes-Stürmer gehörte 2006 zu jener Mannschaft, die gegen die Edmonton Oilers eine 3:1-Führung im Finale zunächst nicht nutzen konnte. Spiel 5 ging in der Verlängerung verloren, Spiel 6 wurde in Edmonton zur klaren Niederlage. Williams warnte deshalb davor, dass geplante Feiern, Reisefragen und die Aussicht auf den Moment nach der Schlusssirene den Fokus verschieben können. Sein Rat war simpel: Routine beibehalten, alles Organisatorische delegieren, nicht vorausgreifen.

Der schwerste Schritt

Die Hurricanes haben in dieser Postseason jede ihrer ersten drei Serien beim ersten Versuch beendet. Doch ein Finale folgt anderen Gesetzen. Der Gegner spielt nicht nur um ein weiteres Spiel, sondern gegen das Ende seiner Saison. Vegas weiß, wie man gewinnt, und wird auf eigenem Eis kaum freiwillig Platz für Carolinas Krönung machen. Brind’Amour benannte das ohne Pathos. „Jedes Spiel, das wir gespielt haben, war extrem schwer, und dieses ist nicht anders“, sagte er. „Wir müssen einfach sicherstellen, dass wir unser Bestes geben. Das gibt uns eine Chance.“

Auch Jackson Blake übersetzte diese Haltung in die Sprache der Kabine. Wer den Moment zu groß macht, riskiert, nicht mehr wie gewohnt zu spielen. „Man muss es definitiv so sehen, dass man es gewinnen muss“, erklärte Blake. „Aber man will es auch wie ein weiteres Playoff-Spiel betrachten. Wir müssen bei dem bleiben, was wir tun, und bei den Dingen, die uns erfolgreich machen.“ Für Carolina bedeutet das 60 Minuten Identität statt 60 Minuten Träumerei.

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Zwischen Traum und Kontrolle

Andrei Svechnikov machte deutlich, wie schwer diese Balance tatsächlich ist. Der Gedanke an den Cup verschwindet nicht, nur weil ein Spieler ihn verdrängen will. „Ehrlich gesagt versuche ich, nicht daran zu denken“, erklärte Svechnikov. „Es kommt dir in den Kopf, wenn du allein bist, wenn du schlafen gehst. Dann kannst du vielleicht eine Stunde oder anderthalb nicht einschlafen.“ Genau darin liegt die menschliche Dimension dieser Ausgangslage. Alle wissen, wie nah sie sind. Alle wissen aber auch, wie gefährlich dieses Wissen werden kann.

Das Gegenmittel klingt fast banal. Svechnikov spielt Videospiele, verbringt Zeit mit seiner Familie und hält an den Abläufen fest, die ihn durch 82 Hauptrundenspiele und die Playoffs getragen haben. Gleichzeitig ist die Bedeutung des Moments in der Kabine nicht erklärungsbedürftig. „Ich glaube nicht, dass es überhaupt eine Botschaft ist“, sagte Svechnikov. „Jeder versteht, wie wichtig das für uns ist. Es kann eine einmalige Chance im Leben sein.“

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Vegas als letzte Prüfung

Diese Chance führt nun nach Las Vegas, in eine Halle, in der die Golden Knights ihren eigenen Cup-Traum nicht enden lassen wollen. Blake verwies darauf, dass Brind’Amour genau diese Schwierigkeit betont habe. Eine Saison zu beenden, sei in jeder Runde schwer. In dieser Runde wird daraus eine Prüfung unter maximalem Druck. Vegas wird alles geben. Carolina muss bereit sein, ohne sich vom Bild des Pokals im Hintergrund ablenken zu lassen.

Damit bleibt der Auftrag erstaunlich klein für einen so großen Moment. Die Hurricanes müssen nicht den Stanley Cup feiern, bevor sie ihn berühren dürfen. Sie müssen ein Auswärtsspiel gewinnen. Der Cup mag im Gebäude stehen, doch für Carolina zählt zuerst der nächste Wechsel, der nächste Puck an der Bande, die nächste Entscheidung. Erst wenn diese Normalität besteht, kann aus Brind’Amours Botschaft mehr werden als ein Mantra. Dann wird aus Normalität vielleicht der größte Moment.

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