GettyImages-2280510142

Die Carolina Hurricanes stehen unmittelbar vor dem größten Erfolg des Franchise seit zwei Jahrzehnten. Nach dem 4:2-Erfolg in Spiel 5 des Stanley Cup Finales 2026 gegen die Vegas Golden Knights am Donnerstag in Raleigh fehlt dem Team von Trainer Rod Brind’Amour nur noch ein weiterer Sieg, um erstmals seit dem Stanley-Cup-Gewinn im Jahr 2006 wieder die begehrteste Trophäe des Eishockeys in die Höhe stemmen zu dürfen. Die Gelegenheit dazu bietet sich am Sonntagabend (8 p.m. ET; Mo. 2 Uhr MESZ) in der T-Mobile Arena von Las Vegas, wo die Hurricanes mit einer 3:2-Serienführung in Spiel 6 antreten.

Dass Carolina überhaupt in diese komfortable Ausgangsposition gelangt ist, hat vor allem mit einer Eigenschaft zu tun, die in den Playoffs oft den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmacht: Disziplin. Gerade in einer Finalserie, in der beide Mannschaften über enorme Qualität verfügen und die Leistungsunterschiede gering sind, entscheiden häufig Kleinigkeiten.

Brind’Amour betonte deshalb nach dem jüngsten Erfolg am Freitag im Pressegespräch erneut die Bedeutung von Ruhe und Kontrolle: „Das ist natürlich immer wichtig. In dieser Phase der Saison besonders. Jeder Fehler kann am Ende den Unterschied ausmachen.“

Die Hurricanes haben diese Lektion zuletzt verinnerlicht. Zwar ging Vegas in Spiel 5 nach einer frühen Strafzeit Carolinas zunächst in Führung, doch anschließend ließ sich das Team nicht aus dem Konzept bringen. Statt sich auf Nebenschauplätze einzulassen oder auf Provokationen zu reagieren, konzentrierte sich Carolina auf sein eigenes Spiel.

Ähnliches: Spielbericht: Hurricanes siegen souverän in Spiel 5

Auch Verteidiger Jalen Chatfield hob nach dem Sieg hervor, wie wichtig die Beherrschung der eigenen Emotionen sei. Beide Teams würden zwar mit großer Leidenschaft spielen, doch niemand wolle dauerhaft in Unterzahl agieren. Carolina habe davon profitiert, diszipliniert geblieben zu sein und die sich bietenden Chancen konsequent genutzt zu haben.

Brind’Amour sieht genau darin einen entscheidenden Faktor für Spiel 6: „Das ist ein Teil des Spiels, insbesondere in den Playoffs. Man darf es natürlich nicht übertreiben. Zuletzt haben wir das ganz gut hinbekommen.“

Spiel 5 als Blaupause für den möglichen Meisterabend

Der jüngste Erfolg in Raleigh lieferte eine nahezu perfekte Vorlage dafür, wie Carolina auch in Las Vegas auftreten möchte. Nach einem durchwachsenen ersten Drittel fanden die Hurricanes zunehmend zu ihrem Spiel und übernahmen die Kontrolle.

CAR@VGK: Hurricanes und Bussi übernehmen die Kontrolle in Spiel 5

Besonders beeindruckend war dabei die Reaktion auf die Schwierigkeiten der vergangenen Begegnungen. In den ersten vier Finalspielen hatte Carolina die zweiten Drittel deutlich verloren. Diesmal änderte sich das Bild grundlegend.

Andrei Svechnikov brachte die Hurricanes zunächst mit einem Powerplay-Tor in Führung, ehe Sebastian Aho wenig später auf 3:1 erhöhte. Im Schlussabschnitt legte Svechnikov mit seinem zweiten Treffer des Abends nach und sorgte für die Vorentscheidung.

Ein weiterer entscheidender Faktor war die Leistung von Brandon Bussi. Der Torhüter, der erst im Laufe der Serie zwischen die Pfosten rückte, gewann auch seinen zweiten Playoff-Einsatz und wehrte 23 von 25 Schüssen ab. Seine Ruhe beeindruckte selbst Brind’Amour.

„Ich fand, dass Bus eine enorme Gelassenheit ausgestrahlt hat. Er wirkte sehr ruhig und hat ein großartiges Spiel gemacht“, erklärte der Trainer.

Auch offensiv läuft bei Carolina vieles zusammen. Svechnikov traf doppelt, Aho meldete sich nach längerer Torflaute zurück und Nikolaj Ehlers sammelte bereits zum zweiten Mal in Folge drei Scorerpunkte. Der Däne führt mittlerweile alle Spieler der Finalserie mit acht Punkten an und stellte damit den Franchise-Rekord für die meisten Punkte in einem Stanley Cup Finale ein.

Ähnliches: Ehlers: „Ich werde sicher in die Schweiz zurückkehren“

Hinzu kommt die bemerkenswerte Form von Kapitän Jordan Staal. Der 37-Jährige traf in Spiel 5 bereits zum fünften Mal in Folge und stellte damit einen NHL-Rekord für Stanley-Cup-Finalserien ein. Noch nie zuvor gelang einem Spieler ein Treffer in sechs aufeinanderfolgenden Finalpartien. Ausgerechnet im möglicherweise entscheidenden Spiel könnte Staal also erneut Geschichte schreiben.

Die größte Herausforderung beginnt jetzt

Trotz aller Euphorie weiß man in Carolina genau, dass der schwerste Schritt erst noch bevorsteht. Die Erfahrung aus vergangenen Jahren und insbesondere aus dem Titelgewinn 2006 zeigt, wie schwierig es sein kann, eine Serie tatsächlich zu beenden.

„Darüber haben wir auch schon gesprochen“, sagte Brind’Amour. „Der letzte Sieg ist immer der schwerste. Alles wird intensiver, daher muss man sein Bestes geben, wenn man erfolgreich sein will.“

Carolina und Vegas bereit für Spiel 6 am 14. Juni

Die Herausforderung beschränkt sich dabei nicht nur auf das Geschehen auf dem Eis. Mit der realistischen Chance auf den Stanley Cup wachsen auch die Ablenkungen. Familienmitglieder planen Reisen, Ticketanfragen häufen sich und die öffentliche Aufmerksamkeit erreicht ihren Höhepunkt.

Brind’Amour bleibt dennoch gelassen: „Man muss die Ruhe bewahren. Das sind angenehme Probleme. Die zweitägige Pause hilft uns dabei sicherlich, den Fokus neu zu setzen.“

Verteidiger Sean Walker sieht die Situation ähnlich. Für ihn besteht die wichtigste Aufgabe darin, nicht zu weit vorauszudenken. „Es ist schon verrückt“, sagte er. „Aber es ist eben nur ein Sieg Abstand. Wir werden mit derselben Einstellung nach Vegas reisen, die uns die gesamten Playoffs begleitet hat.“

Auch innerhalb der Mannschaft wird bewusst versucht, die äußeren Einflüsse auszublenden. Walker sprach von einer eng verbundenen Gruppe, die sich ausschließlich auf ihre eigenen Abläufe konzentrieren wolle. Die Ergebnisse würden dann von selbst folgen.

Diese Haltung könnte in Las Vegas besonders wichtig werden. Die Golden Knights stehen mit dem Rücken zur Wand und werden alles daransetzen, ihre Saison zu verlängern. Vor heimischem Publikum dürfte die Atmosphäre entsprechend aufgeheizt sein. Carolina wird deshalb nicht nur spielerisch, sondern auch mental gefordert werden.

Jordan Staal fasste die Ausgangslage treffend zusammen: „Es fühlt sich großartig an. Es ist ein guter Zeitpunkt, heiß zu laufen. Aber die vierte Partie zu gewinnen, ist immer die schwerste.“ Genau diese Erkenntnis prägt auch die Herangehensweise der Hurricanes für Sonntag. Niemand in der Organisation geht davon aus, dass Vegas ihnen den Titel kampflos überlassen wird. Vielmehr erwartet Carolina das vielleicht härteste Spiel der gesamten Saison. „Ihre Rücken stehen zur Wand“, sagte Staal. „Es wird alles brauchen, was wir haben. Das ist die Realität.“

Sollte es den Hurricanes jedoch gelingen, dieselbe Disziplin, Ruhe und Geschlossenheit wie in Spiel 5 auf das Eis zu bringen, dann könnte am Sonntagabend in Las Vegas ein Kreis geschlossen werden. Zwanzig Jahre nach dem bislang einzigen Stanley-Cup-Gewinn des Franchise steht Carolina nur noch einen Sieg davon entfernt, erneut Eishockey-Geschichte zu schreiben. Die Chance ist greifbar. Jetzt gilt es für die Hurricanes, den letzten und schwersten Schritt zu gehen.

Verwandte Inhalte