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NHL.com/de diskutiert über das richtige Maß Herausforderung

Wie viel Druck braucht ein zukünftiger Champion? Unsere Autoren haben das im Writers' Room diskutiert.

von NHL.com/de @NHLde

Während der Saison 2019/20 wird das Team von NHL.com/de jeden Samstag in der Rubrik "Writers' Room" wichtige Themen der Liga diskutieren und analysieren. In dieser Ausgabe: Wie viel Druck braucht ein Champions-Team während der Saison?

Es ist eine gerne diskutierte Frage im Mannschaftssport: Wie viel Leistungsdruck braucht ein Team durchgehend, um in den entscheidenden Momenten einer Saison Bestleistungen bringen zu können? Der Widerstand, mit dem es ein Kader zu tun bekommt, kann dabei sehr unterschiedlich aussehen.

Einerseits fordert die sportliche Konkurrenz die Spieler natürlich immer bis zu einem gewissen Grad. Ist die eigene Mannschaft in der Hauptrunde den meisten Gegnern zu überlegen, fehlt ihr womöglich der notwendige Biss in den entscheidenden Wochen des Jahres.

Ist der Druck durch die Konkurrenz permanent zu groß, werden in der Frühphase einer Spielzeit möglicherweise zu viele Körner beim Kampf um eine gute Ausgangslage aufgebraucht. Das Team ist eventuell körperlich müde und mental erschöpft, wenn die größten Herausforderungen ins Haus stehen.

 

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Im Regelfall bekommen es Mannschaften im Laufe einer langen Runde auch immer mehr oder weniger intensiv mit verletzten Spielern zu tun. Sind es zu viele, dann leidet der gesamte Kader. Waren Akteure über längere Zeit ausgefallen, sind sie im Saisonendspurt vielleicht nicht in absoluter Top-Form.

Andererseits bietet das Verletzungspech von Stars, Spielern aus der zweiten Reihe vermehrt die Chance sich in Aktion zu zeigen, ihre Entwicklung durch zusätzliche Einsatzzeiten zu beschleunigen. Auch hier ist die Gretchenfrage: Wie viel Unbill ist förderlich, was ist zu viel?

Beispiele aus den vergangenen Jahren sind die St. Louis Blues und die Tampa Bay Lightning in 2018/19 sowie die Vegas Golden Knights und die Washington Capitals aus der Saison 2017/18.

Während die Blues sich zu Jahresbeginn 2019 noch am Tabellenende wiederfanden (nach 37 Saisonspielen hatte das Team erst 34 Punkte eingefahren, es folgten dann weitere 65 Punkte aus 45 Spielen), es am Ende aber zum Stanley Cup Champion brachten, scheiterte mit den Lightning der Überflieger der NHL-Hauptrunde (62-16-4, 128 Punkte) zum Auftakt der Stanley Cup Playoffs an den Columbus Blue Jackets.

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Im Jahr zuvor lieferten die Golden Knights (51-24-7, 109 Punkte) eine überraschend starke Premierensaison, spielten sich mit Euphorie und Leidenschaft bis in das Stanley Cup Finale, unterlagen dort aber, etwas müde und ausgelaugt wirkend, den Capitals (49-26-7, 105 Punkte). Diese wiederum hatten sich ihre Kräfte über die Monate hinweg offenkundig sehr gut eingeteilt und dominierten Vegas im Finale scheinbar nach Belieben.

Schaut man auf die laufende Spielzeit, dann bereitet die Situation bei den Pittsburgh Penguins Sorgen. Schon die gesamte Saison hinweg müssen die Penguins immer wieder auf wichtige Leistungsträger verzichten. Wochenlang fehlten bereits Kapitän Sidney Crosby oder auch Starstürmer Evgeni Malkin. In der Abwehr muss in Pittsburgh ebenfalls sehr häufig improvisiert werden. Ständig muss der Kader umgestellt werden. Der Kampf um einen Playoff-Platz droht hier wichtige Ressourcen zu verbrauchen, die im April zu KO-Runden-Beginn fehlen könnten.

Wie viel Druck und Anspannung ist also das richtige Maß für einen möglichst erfolgreichen Anlauf auf den Stanley Cup? Unsere Autoren haben das in dieser Woche diskutiert:

 

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Robin Patzwaldt: Ich denke, für diese Frage gibt es schlicht keine Patentlösung. Menschen reagieren unterschiedlich auf Druck, Rückschläge und Herausforderungen. Im Regelfall dürfte ein gesundes Mittelmaß hier die erfolgversprechendste Ausgangslage sein. Läuft eine Saison zu glatt, dann muss eine Mannschaft nie wirklich an ihr Limit gehen. Was man dann häufig erlebt: wenn es plötzlich dann doch einmal eng wird, steigt der Druck.  

So erging es nicht nur den Lightning im vergangenen Frühjahr in der NHL, das musste auch der FC Bayern München in der Fußball-Bundesliga schon häufiger feststellen. Bei rund 20 Punkten Vorsprung in der Liga, war der Klub dann in der UEFA Champions League im Frühjahr schneller einmal ausgeschieden, als ihm lieb war. Die Problematik rund um die Verletzungen ist ebenfalls nicht pauschal zu lösen.

Natürlich ist es kein Drama, wenn bei einer Mannschaft der eine oder andere Leistungsträger für ein paar Wochen ausfällt. Es kommt jedoch zudem immer auf das Timing an. In der Regel sagt man ja, dass ein Spieler genauso lange braucht, um wieder in Top-Form zu kommen, wie er zuvor verletzt ausgefallen war. Rücken diese Ausfallzeiten also zu nah an die entscheidenden Wochen des Jahres heran, dann wird es kritisch. Durch das Playoff-System ist in der NHL alles möglich.

Sich souverän für die Endrunde zu qualifizieren, ohne bereits alle Karten offenlegen zu müssen, ist aus meiner Sicht die erfolgsversprechende Herangehensweise. Aber Ausnahmen bestätigen, wie immer, die Regel.

Christian Treptow: Wie viel Druck braucht ein Champion? Auf diese Frage gibt es auch aus meiner Sicht keine Universalantwort. Der Stanley Cup-Sieger der vergangenen Saison hätte eigentlich Tampa Bay Lightning heißen sollen. Doch für die beste Mannschaft der Vorrunde war schon früh Schluss. Offenbar hatten Steven Stamkos und Co. zu viel Druck.

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Die St. Louis Blues hatten dagegen überhaupt keinen Druck. Niemand hat von den Blues irgendetwas erwartet. Und vielleicht war das gerade das Geheimnis des Erfolgs: kein Druck. Derzeit scheinen die Blues dem Druck als Titelverteidiger stand halten zu können. Ob sie das aber auch in den Playoffs aufs Eis bringen können, muss man abwarten.

Eine große Mannschaft erkennt man daran, dass sie in engen Situationen die richtigen Entscheidungen trifft, dem Druck standhält, als Champion aus dem Wettbewerb hervorgeht und dann diese Leistung auch in der kommenden Saison bestätigt.

Natürlich ist das wiederum von vielen Faktoren abhängig. Verletzungen können jedes noch so gefestigte Team aus der Bahn werfen. Leistungsträger vom Kaliber eines Sidney Crosby sind über einen längeren Zeitraum kaum zu ersetzen. In solchen Situationen zeigt sich dann, wie die Spieler, die diese Rolle ausfüllen, diesem Druck standhalten.

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Bernd Rösch: Druck in der Form, einer Erwartungshaltung gerecht werden zu müssen, ist meiner Meinung nach eher leistungshemmend. Der Druck, unbedingt gewinnen zu müssen wie in einem entscheidenden Spiel in den Stanley Cup Playoffs oder in jenen Partien, die man für sich entscheiden muss, um überhaupt den Playoffzug zu erreichen, kann hingegen leistungsfördernd sein.

Gestandene Eishockeyprofis kennen solche Situationen, in denen sie mit dem Rücken zur Wand stehen zu Genüge, und sie wissen damit umzugehen. Wichtig ist hierbei jedoch, dass die Chemie in der Mannschaft stimmt, alle an einem Strang ziehen und nicht nur wenige die Last auf ihren Schultern tragen.

Stellt sich der Erfolg unter solchen Umständen ein, kann sich eine Eigendynamik entwickeln, die das Team über sich hinauswachsen lässt. Die letzten Körner werden freigesetzt und die Grenzen der physischen und psychischen Leistungsfähigkeit erhöhen sich.

Stefan Herget: Also mir wird in dieser Frage immer von außen zu viel hineininterpretiert. Man sollte die Spieler einfach spielen lassen, denn wir sind im Sport, wo es natürlich um persönlichen Erfolg und Leistung geht, aber eben auch nur das.

Es gibt ganz andere, weniger beachtete Bereiche im Leben, wo Menschen Druck erfahren, der elementar für ihr Leben ist. Es ist natürlich tragisch, wenn Sportler mit dem öffentlichen Interesse, dem sie unterliegen, nicht mehr klarkommen und psychisch erkranken. Das kommt aber auch daher, weil immer der Mensch im Vordergrund stehen sollte und nicht der Sportler als Maschine, wie es häufig der Fall ist.

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