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Während in der NHL die reguläre Saison 2019/20 seit dem 12. März aufgrund der Bedenken im Zusammenhang mit dem Coronavirus pausiert, liefert NHL.com/de weiterhin eigene Storys. In einer Serie erinnern wir an jedem Dienstag an besonders erinnerungswürdige Spiele und Ereignisse auf der internationalen Ebene. In dieser Folge: Der begeisternde Auftritt des Team Europa beim World Cup of Hockey 2016.

Am 17. September 2016 startete die dritte Auflage des World Cup of Hockey nach 1996 und 2004. Im Gegensatz zu den beiden Wettbewerben zuvor, die an mehreren Spielorten in Europa und Nordamerika ausgetragen wurden, ging das Turnier des Jahres 2016 im Air Canada Centre, der heutigen Scotiabank Arena, von Toronto über die Bühne.
Acht Teams nahmen an dem gemeinsam von der NHL und der Spielergewerkschaft NHLPA ausgerichtetem Turnier teil. Neben den großen sechs Eishockey-Nationen Kanada, USA, Russland, Finnland, Schweden und Tschechien gab es im Teilnehmerfeld zudem zwei ungewöhnlich zusammengesetzte Kader: Das Team Nordamerika, eine Auswahl der besten U23-Nachwuchsspieler aus Übersee, und das Team Europa, welches sich in der kanadischen Metropole völlig unerwartet zur großen Turnierüberraschung mausern sollte.
Die als krasser Außenseiter angereiste Europa-Vertretung war ein scheinbar wilder Zusammenschluss von Spielern aus europäischen Ländern, die mit keiner eigenen Mannschaft vertreten waren. Mit dabei waren dementsprechend auch die namhaftesten Kufencracks aus Deutschland, Österreich und der Schweiz: Torhüter Thomas Greiss und Philipp Grubauer, die Verteidiger Christian Ehrhoff, Dennis Seidenberg, Roman Josi, Mark Streit und Luca Sbisa, sowie die Stürmer Thomas Vanek, Leon Draisaitl, Tobias Rieder und Nino Niederreiter.

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Team Europa wurde aufgrund einiger Vorbereitungsspiele, in denen es enttäuschende Vorstellungen bot, nur geringe Chancen auf einen sportlichen Erfolg eingeräumt. Dem von Trainer Ralph Krueger betreutem Kader gelangen in der Vorrunde des Turniers beinahe sensationelle Siege gegen die von der Mehrheit der Experten stärker eingeschätzten Tschechen (3:2 n.V.) und US-Amerikaner (3:0). Nur gegen den späteren Finalgegner Kanada (1:4) zog Europa in der Gruppenphase den Kürzeren.
Es entwickelte sich in dieser ersten Phase des Turniers ein unglaublicher Teamgeist, der den Underdog letztendlich bis in die Finalserie gegen den großen Favoriten Team Kanada spülen sollte. Und das bei einem durchgängig hochklassig besetzten internationalen Wettstreit, bei dem 169 der 184 Profis ihr Geld in der NHL verdienten.
"Wir sind quasi ein Allstar-Team vom europäischen Rest", sagte Ehrhoff damals scherzend. Seine persönliche Situation war durchaus schwierig. Er war während des World Cups ebenso wie Teamkamerad Seidenberg ohne Verein und wollte deshalb die große Bühne des Welteishockeys zur Eigenwerbung nutzen, was ihm auch gelang.
Ehrhoff schloss sich nach dem Turnier den Kölner Haien in die DEL an, während Seidenberg nach den Erfolgen beim World Cup of Hockey sogar seinen NHL-Traum fortsetzen konnte. Er unterschrieb einen Vertrag bei den New York Islanders.
"Eines der besten Turniere der Welt, die besten Spieler der NHL an einem Ort, und wir stehen in den Finals - unsere Geschichte geht weiter", schwärmte Stürmer Tomas Tatar nach dem sensationellen Sieg im Halbfinale gegen Schweden.
Überhaupt stand sein Siegtreffer gegen die Skandinavier in der vierten Minute der Overtime symbolisch. Der körperlich eher klein gebaute Tatar setzte sich an der rechten Bande gegen den 20 Zentimeter größeren Victor Hedman durch, lief entschlossen vor das Tor, wo er einen Pass von Mats Zuccarello im zweiten Versuch erfolgreich über die Linie drückte. Es war das entscheidende 3:2 für den Außenseiter.
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Das umjubelte Siegtor wurde von einem Slowaken erzielt und von einem Norweger sowie einem Slowenen vorbereitet. Die Verteidiger, die bei dieser Szene auf dem Eis standen, waren ein Deutscher (Seidenberg) und ein Schweizer (Josi). Den Kasten hütete mit Jaroslav Halak ein Slowake. Mit einer klassischen Nationalmannschaft hatte das nichts gemeinsam und doch war der Zusammenhalt so groß, dass sie sportlich verblüfften.
In den Partien um den Turniersieg setzte sich Kanada mit zwei hart erkämpften Erfolgen (2:1 und 3:1) am 28. und 30. September in einer 'Best of 3'-Serie jeweils knapp gegen Team Europa durch.
43 Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit im zweiten Finalspiel erzielte Brad Marchand bei Unterzahl den in der Halle frenetisch gefeierten Siegtreffer für die Kanadier, die erst zwei Minuten zuvor durch Patrice Bergeron zum 1:1 ausgeglichen hatten.
Der slowakische Verteidiger Zdeno Chara von den Boston Bruins hatte im ersten Drittel das 1:0 für die aufopferungsvoll kämpfende Europa-Auswahl erzielt. In der Folgezeit ließ sein Landsmann Halak mit insgesamt 32 Paraden die Favoriten aus Kanada fast verzweifeln. Am Ende reichte es für die aufopferungsvoll kämpfenden Europäer doch nicht zu einem dritten, alles entscheidenden Finalspiel.
Der Respekt aller Eishockeyfreunde war ihnen, mit Spielern aus acht Ländern, auch so sicher. Ein wild zusammengewürfelter Kader mit Aktiven aus den nicht gerade als Eishockeymächten bekannten Nationen Deutschland, Slowakei, Schweiz, Österreich, Frankreich, Norwegen, Dänemark und Slowenien, von dem hatte niemand ernsthaft erwartet, dass er dem großen Favoriten Paroli bieten könnte. Die Mannschaft von Coach Krueger bewies jedermann das Gegenteil.

kruger team europe

Die Kanadier mussten alles in die Waagschale werfen um ihrem Selbstverständnis als Mutterland des Eishockeys und als weltbeste Eishockey-Mannschaft letztendlich gerecht zu werden.
Dass es für Team Europa gegen die Gastgeber, welche immerhin 2010 und 2014 jeweils Gold bei Olympischen Winterspielen geholt und zudem die vergangenen beiden IIHF-Weltmeisterschaften gewonnen hatten, nicht zur ganz großen Sensation reichte, nahm der Auswahl des Außenseiters nichts von seinem Charme. Ganz im Gegenteil!
Die kanadischen Spieler wie Sidney Crosby, Jonathan Toews, Steven Stamkos oder auch Drew Doughty und Carey Price gehörten schließlich schon damals zur absoluten Elite des Welteishockeys. Gegen sie knapp zu verlieren, war alles andere als eine Schande. Rückblickend war und ist Kruegers bunter Haufen der heimliche Sieger der dritten Auflage des Word Cup of Hockey.