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Wenn bei den Olympischen Winterspielen Milano Cortina 2026 über Eishockey gesprochen wird, richten sich die Scheinwerfer meist auf die NHL-Superstars. Auf die Magier mit dem Puck, die Torjäger, die Spielentscheider. Namen wie Connor McDavid oder Leon Draisaitl fallen dann, Highlight-Videos laufen in Dauerschleife. Doch Turniere gewinnt man nicht allein mit Glanz und Glamour. Man gewinnt sie mit Struktur, Disziplin – und mit Spielern wie Nico Sturm.

Der Stürmer, der im NHL-Alltag für die Minnesota Wild aktiv ist, wird für die deutsche Mannschaft bei den Winterspielen 2026 eine Rolle einnehmen, die sich nicht immer in Schlagzeilen oder auf der Anzeigetafel widerspiegelt. Aber eine, ohne die Erfolg kaum möglich ist.

Der Mann für die unbequemen Minuten

Sturm weiß, was auf ihn zukommt. Jeder Wechsel kann gegen absolute Weltklasse gehen, jeder Fehler sofort bestraft werden. Gerade in Unterzahl, wenn die gegnerischen Powerplay-Formationen ihre ganze Kreativität entfalten, wird der Angreifer gefordert sein.

Dass selbst vermeintliche Außenseiter mit NHL-Qualität anrücken, hat er längst verinnerlicht. Unterschätzen? Verboten. „Auf jeden Fall. Das werden alles große Herausforderungen für uns“, sagt er nach dem Training in Mailand am Mittwoch. „Wir dürfen keinen Gegner unterschätzen“, betont er mit Blick auf die kommenden Tage. „Unsere Herangehensweise wird in allen Spielen ähnlich sein. Wir müssen von Beginn an alles geben und unser Spiel klar und mit Härte vortragen.“

Klar, hart, kompromisslos – das sind die Vokabeln, die sein Spiel seit Jahren beschreiben. Sturm arbeitet in den Ecken, gewinnt wichtige Bullys, wirft sich in Schüsse und hilft seinem Team in Unterzahl. Aufgaben, die wehtun, die Kraft kosten und die doch häufig nur im Trainerraum in ihrer ganzen Bedeutung gewürdigt werden.

MIN@ANA: Sturm zielt aufs kurze Eck und stellt auf 5:1 für Minnesota

Bundestrainer Harold Kreis findet dafür ein starkes Bild. „Nico ist das Rückgrat unserer Mannschaft“, sagt er. „Er ist extrem wichtig für uns. Er ist taktisch immer voll mit dabei und führt seine Aufgaben toll aus. Auf ihn kann man sich stets verlassen. Im Unterzahlspiel ist er natürlich herausragend. Und auch am Bullypunkt ist er Extraklasse“, lobt der Coach der DEB-Auswahl seinen Schützling.

Keine Zeit zum Anlaufen

Olympische Turniere verzeihen keinen Fehlstart. Anders als bei einer Weltmeisterschaft mit längerem Vorrundenmodus entscheidet oft schon eine kurze Phase über Wohl und Wehe. Sturm weiß das und spricht es auch deutlich an.

„Ja, das ist eben keine Weltmeisterschaft hier, wo du deutlich mehr Spiele hast“, erklärt er. „Auf dem Papier sind die Rollen in allen angesetzten Gruppenspielen klar verteilt. Das haben wir auch mit dem Team intern angesprochen. Wir müssen von Anfang an voll da sein und mit dem nötigen Biss zu Werke gehen.“

Ein gefährlicher Gedanke wäre es, sich von Papierform oder großen Namen leiten zu lassen. „Es wäre ein Fehler zu denken, dass wir die ersten beiden Gegner dominieren werden, nur weil wir vielleicht auf dem Papier ein wenig stärker besetzt sind.“

Sturm betont immer wieder, wofür die deutsche Auswahl stehen will. Nicht für verspielte Finesse, sondern für Geradlinigkeit. „Wir wissen, dass wir, obwohl wir diesmal sehr viele extrem talentierte Spieler mit dabei haben, der Grundstock unseres Spiels einfach ist. Wir müssen willig sein, unser Spiel einfach und klar zu halten. Es macht keinen Sinn, wenn wir in Schönspielerei sterben wollen.“

Zur Not, so formuliert er es später noch einmal, müsse eben ein „dreckiger Sieg“ her. Eine Aussage, die perfekt zu einem Spieler passt, der seine Karriere auf Arbeit und Detailtreue aufgebaut hat.

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Vorbereitung im Schnelldurchlauf

Viel Zeit, um als Mannschaft zusammenzuwachsen, bleibt bei Olympischen Spielen traditionell nicht. Auch diesmal war der Kalender eng getaktet. Training, Meetings, Video – alles musste komprimiert werden.

„Das ist aus meiner Sicht noch schwer einzuschätzen“, sagt Sturm über den aktuellen Stand. „Aber das geht bestimmt den anderen Mannschaften hier ähnlich. Wir sind bereit für den Start, denke ich. Und es gibt auch keinen großen Grund mehr, großartig zu grübeln.“

Die Abläufe sind klar, die Vorbereitung abgeschlossen. „Wir haben die wenige Zeit optimal genutzt. Wir haben Besprechungen gehabt und Videostudien durchgeführt und wir haben gemeinsam auf dem Eis gearbeitet. Mehr können wir nicht machen.“

Es ist eine nüchterne, professionelle Sichtweise. Keine Ausreden, kein Hadern, sondern die Konzentration auf das, was beeinflussbar ist. Genau diese Haltung ist es, die Kreis an seinem Stürmer so schätzt.

Ein Olympisches Gefühl

Bei aller Fokussierung auf den Sport geht das besondere Flair der Spiele aber auch an einem erfahrenen Profi wie Sturm nicht vorbei. Das Leben im Olympischen Dorf, die Begegnungen mit Athletinnen und Athleten anderer Disziplinen – das ist neu, selbst für jemanden, der in der NHL schon vieles erlebt hat.

„Das Olympische Dorf ist schon cool, muss ich sagen“, erzählt er. „Es ist ein wenig schade, dass nicht alle Sportler dort sind. Einige Sportarten sind ja nicht hier vor Ort. Hier vermisst man auch etwas den Schnee. Aber hier mit den anderen Athleten zu sein, gemeinsam zu essen und sich zu unterhalten, das ist klasse und macht viel Freude.“

Diese Gemeinschaft sei etwas völlig anderes als der Ligaalltag. „Diese Gemeinschaft aller Sportler, das ist schon einzigartig hier.“

MIN@CHI: Sturm fälscht zum Ausgleich ab

Ein bisschen Zeit für den Blick über den eigenen Tellerrand hat er sich bereits genommen. „Ich war gestern beim Fraueneishockey USA gegen Kanada. Das war toll. Ansonsten war zeitlich leider noch nichts möglich. Unser Terminplan ist halt sehr eng.“

Bald wird auch für Sturm selbst der Ernst beginnen. Am Donnerstag geht es zum Auftakt gegen Dänemark (21 Uhr MEZ). Dann zählen gewonnene Zweikämpfe, geblockte Schüsse und erfolgreiche Unterzahlwechsel mehr als jedes Selfie im Dorf. Vielleicht wird sein Name nicht jeden Abend ganz oben stehen. Aber wenn Deutschland weit kommen will, wird das Rückgrat halten müssen.

Und dafür ist Nico Sturm da.

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