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Während in der NHL die reguläre Saison 2019/20 seit dem 12. März aufgrund der Bedenken im Zusammenhang mit dem Coronavirus pausiert, liefert NHL.com/de weiterhin eigene Storys. Heute: Was wäre passiert, wenn… - in dieser Serie spekulieren wir darüber, was geschehen wäre, wenn es wichtige Ereignisse in der NHL-Geschichte so nicht gegeben hätte.

Es ist eine alte Weisheit, dass man mit einer guten Offensive zwar Spiele gewinnt, aber nur mit einer guten Defensive einen Titel holt. Die Verteidigung steht und fällt in der Regel mit einem starken Torwart. Woran man den erkennt? Er gibt seinem Team bei jedem Einsatz die Chance, das Spiel zu gewinnen. Er strahlt die nötige Ruhe und Souveränität aus und hält auch mal die eigentlich unhaltbaren Schüsse.
Patrick Roy war so ein Torhüter. Für "St. Patrick", geboren am 5. Oktober 1965 in Quebec City, 1984 im NHL Draft in der dritten Runde an 51. Stelle von den Montreal Canadiens gezogen, lief in den ersten Jahren alles nach Maß. Bereits in der Spielzeit 1985/86 wurde er Torwart Nummer eins bei den Canadiens. In dieser Saison gewann er auch den Stanley Cup und holte sich die Conn Smythe Trophy als wertvollster Spieler der Playoffs.

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In den folgenden Jahren erweiterte Roy im Trikot der Habs seine Trophäensammlung kontinuierlich. 1993 bejubelte er zum zweiten Mal den Gewinn des Stanley Cups. Ihm und den Canadiens hätten vermutlich noch mehr gemeinsame Erfolge ins Haus gestanden, wäre da nicht der 2. Dezember 1995 gewesen. An diesem Tag hatte Roy einen seiner seltenen schwachen Abende erwischt. Montreal verlor das Heimspiel gegen die Detroit Red Wings mit 1:11. Roy musste bei 26 Schüssen neunmal hinter sich greifen, die eigenen Fans überschütteten ihn mit Hohn und Spott.
Doch erst Mitte des zweiten Drittels erlöste ihn Coach Mario Tremblay. Dieser hatte sich zu Spielerzeiten ein Zimmer mit Roy geteilt. Doch so richtig warm wurden die beiden nicht miteinander. Und so raunte der Torwart bei seiner Auswechslung - für ihn kam Pat Jablonski - Canadiens-Präsident Ronald Corey zu, dass dies sein letztes Spiel für Montreal gewesen sei.
Einen Tag später wurde Roy vom Verein suspendiert. Am Nikolaustag wurde er Teil eines der einseitigsten Trades in der NHL-Geschichte. Die Canadiens schickten ihn und Kapitän Mike Keane zu den Colorado Avalanche und bekamen dafür Torwart Jocelyn Thibault sowie die Stürmer Martin Rucinsky und Andrei Kovalenko. Eine Rolle mag dabei gespielt haben, dass Montreals General Manager Rejean Houle erst 40 Tage im Amt war.
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Es war jedenfalls ein großer Fehler der Canadiens, dass sie ihren Weltklasse-Keeper ziehen ließen. Man hätte lieber noch einmal das Gespräch mit ihm suchen sollen. Denn Thibault war zwar ein solider NHL-Torwart, das Format von Roy besaß er jedoch nicht. Letzterer gewann 1996 mit Colorado prompt den Stanley Cup. 2001 holte er mit den Avalanche erneut den Titel. In all den Jahren stellte er für das Team aus Denver seine Klasse unter Beweis und erinnerte Verantwortliche und Fans in Montreal daran, wen sie da verloren hatten.
Mit Roy zwischen den Pfosten wären die Canadiens mit hoher Wahrscheinlichkeit noch öfter auf dem Stanley Cup verewigt, als sie es ohnehin schon sind. Nehmen wir zum Beispiel die Stanley Cup Playoffs 1996. Da trafen die Canadiens in der ersten Runde in der Eastern Conference auf die New York Rangers. Sie gewannen die ersten beiden Spiele im Madison Square Garden, verloren dann aber die nächsten vier Partien in Folge. Das wäre mit Roy im Tor sicherlich nicht passiert. Und auch die weiteren Gegner im Osten wären für eine Mannschaft, zu der damals in der Offensive Pierre Turgeon, Vincent Damphousse, Saku Koivu und Valeri Bure sowie in der Verteidigung Patrice Brisebois, Vladimir Malakhov, Lyle Odelein und Stephane Quintal zählten, auf dem Weg ins Stanley Cup Finale schlagbar gewesen.

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Ein Jahr später wären die Canadiens nicht nur an Nummer acht gesetzt in die Playoffs eingezogen. Ein paar Teams mehr hätten sie mit einem Roy in Bestform in der regulären Saison sicherlich hinter sich gelassen. Und auch die 1:4-Niederlage in der Auftaktserie gegen die New Jersey Devils wäre ihnen erspart geblieben. Gleiches gilt für das Aus in der zweiten Playoffrunde 1998, als sie sang- und klanglos mit 0:4 gegen die Buffalo Sabres den Kürzeren zogen, sowie die drei Jahre ohne Playoffs, die danach folgten.
Auf der anderen Seite hätten sich die Avalanche, für die am 6. Dezember 1995 Nikolaus, Weihnachten und Ostern auf einen Tag fielen, in Sachen Siegesparade noch gedulden müssen. Ja, die Mannschaft war gut. Aber für den Titelgewinn ist ein Ausnahmetorwart unerlässlich. Genau den bekamen sie mit Roy dazu.
Was der Trade in Montreal anrichtete, zeigt ein Blick in die Statistik: Seit Roys Abgang haben die Canadiens den Stanley Cup kein einziges Mal mehr gewonnen. Wäre er geblieben, hätten die Fans des Traditionsklubs bestimmt noch ein paar Mal jubeln dürfen. Am Ende seiner Karriere nach der Saison 2002/03 hatte Roy dreimal die Vezina Trophy als bester Torwart, fünfmal die William M. Jennings Trophy, dreimal die Conn Smythe Trophy und viermal den Stanley Cup gewonnen. Elfmal wurde er für das NHL All-Star Game nominiert.
Inzwischen haben Roy und die Canadiens Frieden geschlossen. Am 22. November 2008 wurde seine Rückennummer 33 unters Hallendach gezogen.