Die NHL-Teams haben durch den späteren Beginn der Saison 2020/21 ihre unter Vertrag stehenden europäischen Spieler, insbesondere jüngeren Alters, teilweise an Mannschaften in Europa verliehen, um ihnen frühzeitig Spiel- und Trainingspraxis zu verschaffen. NHL.com/de wird in einer wöchentlichen Serie über einzelne dieser Spieler berichten, wie sie ihre Zeit bis zum Start der kommenden NHL-Saison überbrücken. In der heutigen Ausgabe: Marc Michaelis.
Marc Michaelis liebt die Wettkampfatmosphäre
Der Stürmer sieht die Zeit bei den Adlern aus Mannheim als ideale Vorbereitung auf das Trainingscamp der Canucks

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Die lange Zeit des Wartens ist vorbei. Seit ein paar Tagen geht es wieder um etwas, wenn Marc Michaelis auf dem Eis steht. Anfang November lief der von den Vancouver Canucks an die Adler Mannheim ausgeliehene Stürmer fürs Nationalteam beim Deutschland Cup 2020 auf. Seit Mitte dieses Monats nimmt er mit den Mannheimern am Magenta Sport Cup teil, der als Generalprobe für die kommende DEL-Saison dient.
"Die Wettkampfatmosphäre hat mir sehr gefehlt. Die Vorfreude, wieder ins Training und in den Spielbetrieb einzusteigen, war riesig. Es hat zwar alles gedauert in den vergangenen Wochen und auch Energie gekostet, aber alles in allem ist es toll, jetzt hier spielen zu können", sagte Michaelis in einem Gespräch mit NHL.com/de.
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Die Unsicherheit wegen der Coronavirus-Pandemie und die damit verbundene über Monate andauernde Unterbrechung des Spielbetriebs zehrte nach den Worten des 25 Jahre alten Angreifers an den Nerven. "Diese Situation war für uns alle komplett neu. Es gab diesmal nicht wie sonst ein konkretes Datum, auf das man hinarbeiten konnte. In der Regel ist es so, dass man den Weg bis zum Saisonbeginn ganz gezielt in kleinen Schritten geht. Das war diesmal unmöglich, weil der Start zunächst überhaupt nicht absehbar war und dann immer wieder nach hinten verschoben wurde", erläuterte er. "Aber das ist Vergangenheit. Ich finde es super, dass wir nun spielen und uns auf das Wesentliche konzentrieren können."
Den Magenta Sport Cup und das Training bei den Adler Mannheim betrachtet Michaelis als optimale Vorbereitung auf das Trainingscamp bei den Canucks, dessen Termin bislang aber noch nicht feststeht. "Man kann im Sommer so viel trainieren, wie man will. Wenn es losgeht mit dem Spielen, ist es noch mal eine Stufe anstrengender, weil man im Training den Wettkampf nicht wirklich 60 Minuten lang simulieren kann. Wenn ich zum Camp rübergehe, werden die meisten anderen in zehn Monaten kein einziges Spiel absolviert haben. Ich dagegen habe im Idealfall schon zehn bis zwölf Spiele hinter mir und bin deshalb hoffentlich in einer guten körperlichen und mentalen Verfassung, um mir meinen Platz in Vancouver zu erarbeiten", führte er aus.
Auch wenn der gebürtige Mannheimer den Aufenthalt in der Heimat genießt, soll er lediglich ein zeitlich begrenzter Zwischenstopp sein. "Ich habe einen One-Way-Vertrag für die nächste Saison bei den Canucks und den würde ich ungern sausen lassen, um stattdessen ein ganzes Jahr in Europa zu bleiben. Mein Traum ist es, in der NHL zu spielen. Das genießt die höchste Priorität für mich und darauf arbeite ich gezielt hin", betonte Michaelis.
Bei den Canucks verfolgt man das Gastspiel des Angreifers in Mannheim ganz genau. "Ich habe regelmäßig Kontakt mit den Athletik-Trainern, um immer auf dem neuesten Stand zu sein. Sie wollen wissen, wie es meinem Körper geht und wie es um die Fitness bestellt ist. Außerdem bekomme ich von den Assistant GMs oder den Assistant Coaches im Anschluss an meine Spiele eine Analyse geschickt, was ich gut gemacht habe und was ich verbessern kann", berichtete Michaelis.

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Der Linksschütze ist sich bewusst, dass er alles in die Waagschale werfen muss, um sich einen Platz im NHL-Kader der Canucks zu sichern. Im Camp geht es nach seinen Worten zunächst einmal darum, besser zu sein als andere und sich dadurch ins Team zu spielen. Sollte ihm das gelingen, warten weitere Herausforderungen auf ihn. "Ich glaube, die größte wird sein, konstant gute Leistungen zu bringen. Im College-Bereich hat man 36 bis maximal 45 Spiele im Jahr. In der Regel macht man zwei Spiele pro Woche. Zwischendurch hat man genügend Zeit, um sich zu erholen. In der NHL dagegen ist man oft dreimal kurz hintereinander im Einsatz. Dieses hohe Pensum zu bewältigen und dabei immer ans Limit zu gehen, wird sicherlich nicht einfach werden", sagte er.
Aber das sei noch Zukunftsmusik. Zunächst gehe es ausschließlich darum, irgendjemand im Lineup der Canucks den Job zu klauen. "Eine meiner Stärken ist, dass ich vielseitig einsetzbar bin. Grundsätzlich denke ich jedoch, dass ich als Mittelstürmer langfristig die größeren Möglichkeiten habe, mich in der NHL zu etablieren. Sollte es wie erhofft mit dem Sprung ins Team klappen, werde ich aber natürlich den Platz einnehmen, den ich bekomme und versuchen, mich dort zu bewähren", so Michaelis.
Dass die Späher aus der NHL auf Michaelis aufmerksam geworden sind, liegt zum einen an seinen starken Auftritten im College-Bereich und zum anderen an seinen guten Vorstellungen im Kreis der deutschen Nationalmannschaft. In den vergangenen vier Jahren bestritt er 148 Spiele für die Auswahl der Minnesota State University im Bereich der NCAA und sammelte 162 Scorerpunkte (71 Tore, 91 Assists). Bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2019 verbuchte Michaelis fünf Punkte (drei Tore, zwei Assists) in 13 Partien. Beim Deutschland Cup 2020 bestritt er alle drei Begegnungen. Dabei erzielte er zwei Tore und bereitete zwei Treffer vor.
"Die Spiele und die Turniere mit der Nationalmannschaft haben mir als College-Spieler enorm geholfen. Die Scouts konnten sehen, wie ich mich gegen Profis schlage und welches Potenzial ich habe, um in der NHL erfolgreich zu sein", sagte Michaelis. Die Nationalmannschaft sei generell ein hervorragendes Sprungbrett. Spieler aus Deutschland hätten bei internationalen Turnieren die Chance, entdeckt zu werden. Und sie könnten Kontakte knüpfen, die später zu Angeboten aus Nordamerika führten.
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Als Michaelis vor ein paar Jahren in die USA zum Studium aufbrach, tat er das nicht mit dem Hintergedanken, im Anschluss eine NHL-Karriere anzupeilen. "Ich bin aufs College nach Nordamerika gegangen, damit ich später mal ein gestandener DEL-Spieler werde. Trotz guter Statistiken in der DNL bei den Jungadlern hatte ich das Gefühl, dass meine Leistung noch nicht ausreicht, um es gleich in die DEL zu schaffen. Deswegen wollte ich diesen Extraschritt ans College gehen, um vier Jahre auf hohem Niveau zu spielen und mich weiterentwickeln. Die Möglichkeit mit der NHL hat sich erst nach meinem ersten Jahr in Minnesota aufgetan, nachdem ich dort durch gute Leistungen aufgefallen bin", schilderte er seine Beweggründe.
Die Zeit als College-Spieler in Minnesota genoss Michaelis in vollen Zügen. "Man kann sich gar nicht vorstellen, wie es hier beim Eishockey zugeht. Die Begeisterung ist wirklich krass. Die High-School-Meisterschaft, bei der U18-Teams am Start sind, wird vor 18.000 Zuschauern ausgetragen. Die Arenen sind ausverkauft", erzählte er. "Auch an der Uni war es der Wahnsinn. Zu unseren Spielen kamen regelmäßig 5000 bis 6000 Zuschauer, die ganze Stadt kannte einen. Das waren wirklich tolle Erfahrungen, die ich in Minnesota gemacht habe."

















