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Zurückschalten wird immer häufiger bestraft

In der laufenden Saison gab es schon acht Partien, in denen der Sieger zunächst mit mindestens drei Toren hinten lag

von Bernd Rösch @nhlde / NHL.com/de Chefautor

"Kommt, wir liegen schon so deutlich vorne, lasst uns doch einen Gang zurückschalten und für die kommenden Aufgaben etwas Kräfte schonen", diese rein fiktive Ansage, würde kein NHL-Spieler wagen auszusprechen. Bei welchem Spielstand in der wievielten Minute liegt eine Mannschaft uneinholbar vorne? Ein Vorsprung von fünf, vier, drei Toren im zweiten oder dritten Drittel sollte doch reichen, um am Ende das Eis als Sieger zu verlassen. Doch weit gefehlt!

In der laufenden Spielzeit gab es nicht nur ein, zwei oder drei Mal Aufholjagden zu bestaunen und zu bejubeln, sondern gleich deren acht, bei denen eine Mannschaft, die bereits mit drei oder mehr Toren hinten lag, das Spiel noch für sich entschied. Und die Frequenz mit der das unmöglich Erscheinende eintritt nimmt auch noch zu. An den ersten vier Spieltagen im Dezember gab es schon vier beeindruckende Comebacks.

 

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Am Dienstag gewannen die Calgary Flames mit 9:6-Toren in der Nationwide Arena gegen die Columbus Blue Jackets. Zum ersten Mal in ihrer 18-jährigen Franchisegeschichte verloren die Blue Jackets eine Partie, in der sie mindestens sechs Tore erzielt hatten. Doch es schmerzte nicht nur die hohe Niederlage an sich, sondern auch deren Zustandekommen. 

Nach 20 Minuten lagen die Blue Jackets bereits mit 3:1 vorne. Als dann auch noch Cam Atkinson nur 49 Sekunden nach der Pause auf 4:1 erhöhte, schien die Begegnung für die Hausherren gelaufen.

Video: CGY@CBJ: Flames übernehmen Spiel im 2. mit fünf Toren

Die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die Westkanadier zwischen der 22. und 35. Spielminute gleich fünfmal ins Schwarze trafen, wird die Blue Jackets noch länger beschäftigen. Einen ersten Erklärungsversuch unternahm Columbus' Dreifach-Torschütze Cam Atkinson: "Das war eines dieser Spiele, bei dem ich glaubte, dass wir ein gutes erstes Drittel hatten. Wir lehnten uns zurück und erlaubten ihnen zu spielen. Wir haben es ihnen wirklich leicht gemacht. Wenn man 4:1 vorne liegt, sollte man in der Lage sein das Spiel für sich zu entscheiden."

Columbus' Trainer John Tortorella kommentierte den Spielverlauf mit leichtem Sarkasmus: "Es war halt eines dieser Spiele. Aber beim Stande von 8:6 hatten wir immer noch eine wirklich gute Chance. Dann schießen sie das Neunte und nehmen uns den Wind aus den Segeln. Stellt euch vor, ich würde das wirklich sagen?"

 

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Dabei hätten die Blue Jackets gewarnt sein können, denn die Flames sind in dieser Saison ein Wiederholungstäter. Am 1. November empfingen sie die Colorado Avalanche im Scotiabank Saddledome und lagen nach 40 Minuten bereits mit 1:4 im Hintertreffen. Elias Lindholm läutete mit seinem Treffer nach 47 Sekunden im Schlussdrittel die Aufholjagd ein, die Michael Frolik mit dem 6:4 erfolgreich abschloss, so dass Colorados Powerplaytreffer zum 6:5-Endstand nur noch Ergebniskosmetik bedeutete.

Diese Begegnung war eine von zwei unter den erwähnten acht Partien, die das Heimteam drehen konnte. Ebenfalls ihre heimischen Fans erfreuten die Dallas Stars am 13. Oktober. Nachdem eine halbe Stunde absolviert war, lagen die Stars gegen die Anaheim Ducks mit 0:3 hinten. Nur 6 Minuten und 32 Sekunden brauchten die Texaner, um das Spiel zu ihren Gunsten auf 4:3 zu drehen. Radek Faksa stellte schließlich 88 Sekunden vor dem Ertönen der Schlusssirene den 5:3-Endstand her.

Gleich deren vier Treffer holten die Ducks am 2. Dezember in der Capital One Arena der US-Hauptstadt gegen die Washington Capitals auf. Nic Dowd hatte den amtierenden Stanley Cup Champion in der 34. Minute mit 5:1 in Front geschossen und es schien alles nach Plan zu verlaufen. Die Rechnung wurde aber ohne den Siegeswillen der Kalifornier gemacht, die noch zweimal vor der zweiten Pause zuschlugen und im dritten Durchgang weitere dreimal zum 6:5-Endstand trafen.

Video: ANA@WSH: Aberg bringt Ducks spät im 3. in Führung

Wie die Ducks verschenkten auch die Winnipeg Jets einmal eine hohe Führung und holten sich ein anderes Mal doch noch Punkte, obwohl sie vermeintlich aussichtslos zurücklagen. 

Am 16. Oktober unterlagen die Jets nach einem komfortablen 4:1 den Edmonton Oilers mit 4:5 nach Verlängerung. Am 2. Dezember zu Besuch im Madison Square Garden gegen die New York Rangers drehten die Jets den Spieß um und holten sich doch noch Punkte, obwohl sie vermeintlich aussichtslos zurücklagen. Mit drei Treffern im dritten Drittel egalisierten die Jets einen 0:3-Rückstand, retteten sich in die Overtime und ins Penaltyschießen, in dem sie sich den Zusatzzähler sicherten.

Die Köpfe nicht hängen, obwohl sie auswärts deutlich ins Hintertreffen geraten waren, ließen auch nicht die Buffalo Sabres gegen die Pittsburgh Penguins am 19. November und die Tampa Bay Lightning am 1. Dezember im Lokalderby bei den Florida Panthers (jeweils 5:4 OT nach 1:4).

Welche Erklärung gibt es dafür, dass immer häufiger größere Rückstände egalisiert werden können? Zum einen ist das Spiel insgesamt schneller geworden, zum anderen gibt es in der NHL mittlerweile so viele hochtalentierte, flinke Spieler, die im Alleingang eine Partie herumreißen können. In dieser Liga gilt eben: 'Wenn du glaubst, du hast gewonnen, hast du schon verloren!'

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