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Wie meistens hat Marco Sturm ein breites Lachen und einen lockeren Spruch auf den Lippen, als ich ihm am Gründonnerstag im Trainingscenter der Florida Panthers nach dem Morning Skate seiner Mannschaft wieder einmal begegne. Er hat auch allen Grund dazu. Durch zwei wichtige Siege gegen direkte Konkurrenten haben sich die Boston Bruins (43-26-10) ihren Platz auf der ersten Wildcard der Eastern Conference gesichert. Somit ist davon auszugehen, dass die Qualifikation tatsächlich gelingen wird.

„Ehrlich gesagt, habe ich das nicht erwartet“, erläutert Sturm exklusiv gegenüber NHL.com/de. „Es gab vor der Saison viele offene Fragen, auch bei mir und den Trainern, für die alles neu war. Wir haben viele neue Spieler bekommen und es war ein kleiner Umbruch bei uns. Deswegen wusste man nicht, wo die Reise hingeht.“

Doch die Bruins zeigten bald, was in ihnen steckt und was in dieser Saison möglich sein könnte. „Spätestens ab Weihnachten hat man gesehen, dass in den Jungs mehr drin ist“, führt Sturm aus. „Für mich persönlich und für die Mannschaft ist es am schönsten, wenn man im März und April immer noch um die Playoffs kämpft. Das ist es, was ein Spieler braucht. Ich bin sehr froh, dass es geklappt hat.“

General Manager Don Sweeney war sofort von Sturm und dessen Arbeitsethos angetan. „Marco war vom ersten Tag an zuversichtlich. Ich habe immer auf seine Leidenschaft und seine Lehrtätigkeit verwiesen“, erzählt der GM von Boston. „Der gesamte Stab hat wirklich hart daran gearbeitet, Bereiche zu identifizieren, in denen wir uns weiter verbessern und unsere Spieler vorantreiben können. Bislang läuft es meiner Meinung nach gut, und wir sind stolz auf unsere Mannschaft.“

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Anfangs stützte sich Sturm eigenen Angaben zufolge auf seine Erfahrung als Spieler in Boston, um sich an seinen neuen Alltag zu gewöhnen. Der ehemalige NHL-Stürmer spielte fünf Jahre (2005–2010) bei den Bruins und bestritt in 14 Saisons insgesamt 938 Spiele in der Liga.

Sturm war aber auf diese Chance als Trainer optimal vorbereitet. Im Juli 2015 übernahm er als Bundestrainer die deutsche Nationalmannschaft und gewann als Höhepunkt mit der DEB-Auswahl bei den Olympischen Winterspielen 2018 sensationell die Silbermedaille, ehe er unmittelbar danach nach Nordamerika zurückkehrte. Bis 2022 war er Assistenztrainer unter Todd McLellan bei den Los Angeles Kings und in den drei vorangegangenen Spielzeiten (2022–25) Cheftrainer der Ontario Reign in der AHL.

Sieben Jahre lang lebte er während der Saison getrennt von seiner Familie in Kalifornien. Er verbrachte nur Teile des Jahres bei ihnen in ihrer Heimat Florida. Eine Zeit mit Entbehrungen, die sich jetzt gelohnt hat.

„Ich weiß, wie schwer es ist, Trainer in der NHL zu werden, und ich habe einiges dafür geopfert“, schildert Sturm, der der einzige aus Europa stammende NHL-Trainer ist. „Ich fühle mich zwar nicht mehr als Europäer, weil ich schon so lange hier bin, aber es macht mich trotzdem stolz, dass ich es als Europäer und Deutscher geschafft habe.“ 

Sturm arbeitete von Anfang an akribisch daran, das Beste aus seinem Kader herauszuholen. Er scheute sich nicht, seine Vision und die Art von Spielern, die er für sein System brauchte, laut zu äußern. Die Verpflichtung von Viktor Arvidsson im Rahmen des Transfers mit den Edmonton Oilers im Juli war etwas, worüber er mehr als glücklich war. Arvidsson spielte von 2021 bis 2024 für die Kings und kreuzte in dieser Zeit Sturms Wege.

„Er hat sich im Sommer sehr dafür eingesetzt, dass ich hierherkomme. Ich glaube, wir wollten beide, dass es funktioniert. Es war wirklich gut für mich und für ihn“, weiß Arvidsson. Der 32-jährige Stürmer ist in dieser Saison eine feste Größe in der ersten Sturmreihe der Bruins. Er beflügelt die zweite Reihe, die in Boston die Scorerliste anführt. Er hat in 67 Spielen 53 Punkte (24 Tore, 29 Vorlagen) erzielt und damit seine sechste Saison mit 20 oder mehr Toren erreicht. Genau diesen Einfluss hatte sich Sturm erhofft.

„Er hat sich wirklich gut geschlagen. Die erste Saison ist nicht einfach“, schwärmt Arvidsson über Sturm. „Im ersten Jahr in der Liga ist es nicht einfach, Cheftrainer zu werden. Ich finde, er hat großartige Arbeit geleistet, und er ist sehr strukturiert. Er weiß, wie wir spielen wollen, und er hat eine Vision. Er hat wirklich versucht, diese in Videos und im Training umzusetzen – das war wirklich gut für unsere Mannschaft.“

DAL@BOS: Arvidsson gelingt zum fünften Mal in seiner NHL-Karriere ein Hattrick

Doch welche Spieler haben Sturm selbst am meisten überrascht? „Das ist schwierig, denn bei uns gibt es einige, die ihr bestes Jahr haben“, teilt er mit. „Ich gehe einfach mal weg von meinen Superstars wie Pastrnak. Das sind einfach Weltklassespieler. Ich denke aber an die jungen Spieler, die ich reingebracht habe. Sie geben mir alles und spielen mittlerweile auch in der ersten Reihe. Das sind für mich die schönsten Überraschungen in dieser Saison, vielleicht nicht die größten.“

Sturm hat Spielern eine Chance gegeben, die vor seiner Ankunft nicht zum Kern der Mannschaft gehörten. Jonathan Aspirot zum Beispiel verbrachte sechs Jahre in der AHL, ohne sein NHL-Debüt absolviert zu haben, bevor er Ende Oktober aus dem Farmteam in die NHL kam. Der 26-jährige Verteidiger ist geblieben und hat sich einen Platz in der ersten Verteidigerpaarung an der Seite von Charlie McAvoy gesichert. Im Januar verlängerten die Bruins Aspirots Vertrag um zwei Jahre.

LAK@BOS: McAvoy taucht in der Overtime frei vor dem Tor auf und trifft mit einem Rückhandschuss

Sturms Botschaft an Aspirot war stets dieselbe: an sich selbst zu glauben, auf seine Fähigkeiten zu vertrauen und jeden Abend sein Bestes zu geben. Es half auch, dass Aspirot sich schnell an Sturms Spielstil anpassen konnte.

„Ich versuche einfach, mein Spiel so einfach wie möglich zu halten und in jedem Wechsel hart zu arbeiten. Die Lücke schnell zu schließen“, betont Aspirot. „Ich finde, er war dieses Jahr großartig. Er war unglaublich für uns. Ich habe die Zusammenarbeit mit ihm wirklich genossen … Es ist dieses Jahr viel passiert. Ich bin total begeistert von dem, was in dieser Saison passiert ist. Ich bin einfach super dankbar.“

In Sturms Welt ist nichts selbstverständlich, das haben seine Spieler gelernt. Aspirot startete nicht in der ersten Paarung und auch Fraser Minten begann die Saison nicht als Center der ersten Reihe, in der er jetzt spielt. Der 21-jährige Stürmer fiel Sturm im Trainingslager auf und hat sich zu einem verantwortungsbewussten Zwei-Wege-Spieler entwickelt. Minten sei klug, sagte Sturm, und stelle gute Fragen. Das, zusammen mit seiner Arbeitsmoral und seiner Leistung, habe den Rookie an die Seite von David Pastrnak gebracht – und ins Powerplay sowie in die Unterzahl.

BOS@BUF: Pastrnak erzielt per Direktabnahme im rechten Faceoffkreis das 1:0

„Wir spielen gerne für Marco. Er ist wirklich gut darin, mir bei allem zu helfen, wann immer ein Fehler passiert oder so etwas“, ist Minten begeistert. „Er coacht mich einfach durch. Ich glaube, wenn man sein System spielen kann, belohnt er einen mit Chancen. Ich habe einfach versucht, das zu tun, und bisher lief es großartig.“

Es war eine Teamleistung, die die Bruins dorthin gebracht hat, wo sie heute stehen, und das weiß Sturm. Genau so hat er es sich vorgestellt. Zu Beginn der Saison gab es zwar Anlaufschwierigkeiten, doch die anschließende Zustimmung und der Glaube an das Konzept waren der Motor der Mannschaft.

„Diese Jungs machen es mir leicht, weil ich weiß, dass sie jeden Abend alles geben. Es ist nie wirklich eine Frage des Einsatzes – niemals“, macht Sturm klar. „Es war eine Menge. Man hat ein neues Team, ein neues System, neue Trainer, ein neues Management. Es ist viel los. Ich spüre aber, dass ich mich in jeder Situation immer wohler fühle. Das ist also eine gute Sache.“

Doch könnte der Weg der Bruins in dieser Saison noch weit gehen, da es in der Eastern Conference keine eindeutigen Favoriten gibt? „Darüber denke ich gerade gar nicht nach“, verdeutlicht Sturm. „Für mich ist wichtig, dass wir die Leistungen, die wir seit Weihnachten, im Januar, Februar und März gezeigt haben, weiterbringen. Wir wollen alles geben, um die Playoffs zu erreichen, und dann schauen wir weiter.“

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