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An Thomas Greiss scheiden sich die Geister. In sportlicher Hinsicht wusste der Torhüter der Detroit Red Wings in dieser Saison zu überzeugen. Privat machte der 35-jährige Allgäuer dagegen zum wiederholten Male mit einem Kommentar in den sozialen Medien von sich reden, der von der Netzgemeinde äußerst kontrovers diskutiert wurde und der jetzt zur Ausbootung aus der deutschen Nationalmannschaft führte.

Unter allen NHL-Torhütern mit mehr als fünf Einsätzen belegt Greiss im Zeitraum vom 30. März bis 8. Mai hinter Semyon Varlamov von den New York Islanders (5-4-1; Fangquote 94,7 %, Gegentorschnitt 1,61, 4 Shutouts) den zweiten Platz. Die Werte des Füsseners sind mit 6-1-4, 94,6 Prozent und 1,65 sowie zwei Shutouts nur unwesentlich schlechter, wenn nicht in Anbetracht der mehr absolvierten Spiele (13 zu 10) und gespielten Minuten (764:51 zu 596:40) sogar besser.

TBL@DET: Greiss verbucht Shutout gegen Lightning

Am Freitag schloss Greiss, sollte er im letzten Spiel der Red Wings gegen die Columbus Blue Jackets am Samstag nicht zum Einsatz kommen, mit einem 5:2-Sieg und 24 Saves bei zwei Gegentoren seine Saison 2020/21 ab. Zuvor hatte er zwei Shutouts in Folge hingelegt, die einzigen von Detroit in dieser Saison. Die gegentorlose Zeit von Greiss begann am 22. April im dritten Drittel gegen die Dallas Stars (7:3-Sieg) und endete nach 138:31 Minuten, als Gavin Bayreuther in der Partie am Freitag sein erstes NHL-Tor seit 2018 für die Blue Jackets erzielte.
Greiss hat eine neun Spiele andauernde Punkteserie (6-0-3) und damit seine längste Serie ohne Niederlage in der regulären Spielzeit am Laufen. Vom 3. Januar bis 9. März 2016 hatte er eine 7-0-2-Bilanz bei den New York Islanders verzeichnet.
Über seine eigenen Leistungen verliert Greiss in der Regel nicht viele Worte. Anzeichen von Selbstüberschätzung oder Überheblichkeit findet man bei ihm überhaupt nicht. Im Gegenteil: In seinen Interviews klingt immer wieder Demut an, dass er in einigen Szenen auch Glück gehabt habe, als der Gegner das leere Tor nicht getroffen habe oder der Puck in die richtige Richtung gesprungen sei.
Dazu passt ins Bild, dass Greiss und seine Frau im vergangenen Frühjahr zu Beginn der COVID-19-Pandemie über Instagram ihre Hilfe anboten.

"Bitte geht nicht mit leerem Magen schlafen und macht euch keine Gedanken über den Verzicht", teilte Greiss in dem Post damals mit. "Habt keine Angst und schämt euch nicht. Schickt mir einfach eine private Nachricht. Wir teilen gerne unsere Lebensmittel oder sonstige Vorräte mit euch. Wir stecken alle gemeinsam in dieser Sache. Seid freundlich zueinander. Dies ist nur vorübergehend und [wir] werden das gemeinsam durchstehen."
Greiss lebt seit 2006 in den USA und ist mit der US-Amerikanerin Brittney, ihres Zeichens Miss South Dakota 2014, verheiratet. Er wird sehr wahrscheinlich auch nach seinem Karriereende nicht mehr nach Deutschland zurückkehren und in den USA bleiben. So sehr ist er mittlerweile dort verwurzelt.
Zuletzt stand Greiss bei der Heim-Weltmeisterschaft 2017 im Tor der deutschen Nationalmannschaft und hatte damals mit einem "Gefällt mir" zu einem alten Instagram-Post im zurückliegenden Präsidentschafts-Wahlkampf für Diskussionen gesorgt. Die Medien stürzten sich auf das Thema. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) drückte mit Nachdruck seinen Unmut darüber aus. Greiss entschuldigte sich schließlich.
Jetzt stünde Greiss aufgrund der verpassten Qualifikation der Red Wings für die Stanley Cup Playoffs theoretisch wieder für einen WM-Einsatz zur Verfügung. In der Form der vergangenen Wochen wäre er zweifellos eine Verstärkung für die deutsche Nationalmannschaft. Doch dazu wird es nicht kommen. Kürzlich gab es Kontakt der DEB-Verantwortlichen zu Greiss und General Manager Steve Yzerman von den Red Wings. Sie teilten beiden mit, dass der Verband auf die Nominierung des Torhüters für die IIHF Weltmeisterschaft 2021 in Lettland verzichten wird.

DET@CBJ: Greiss verbucht Shutout gegen Blue Jackets

Der Auslöser für diese Entscheidung war folgender: Im Februar hatte Greiss mit einer Beileidsbekundung auf Instagram für einen verstorbenen und umstrittenen US-Radiomoderator erneut heftige Irritationen in Deutschland ausgelöst. Wegen der Nichtberücksichtigung durch den DEB entbrannte andererseits eine Diskussion über die Meinungsfreiheit. Was drückt ein "Like" oder Post aus und was eben nicht unbedingt? Sogar in der Bundespressekonferenz wurde der Fall Greiss diskutiert.
Der Sportdirektor des DEB, Christian Künast, machte dennoch deutlich, dass die Tür zur deutschen Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft in Lettland und wohl auch darüber hinaus für Greiss zu ist. Solange die aktuelle sportliche Leitung die Verantwortung habe, werde keine Einladung mehr an Greiss erfolgen.
Erleichtert hat dem DEB diese Entscheidung, dass es in der DEL genug gute Torhüter gibt, die auf internationalem Niveau ihren Mann stehen können und weniger Aufmerksamkeit abseits vom Eis auf sich ziehen.
Nach einem schwierigen Beginn ist Greiss in Detroit angekommen. Vom Saisonstart bis zum 29. März waren seine Zahlen mäßig. Nur zwei Siege (2-14-4) aus 21 Spielen, eine Fangquote von 88,5 Prozent und ein Gegentorschnitt von 3,51 pro Spiel waren ein Indikator für die Anfangsschwierigkeiten bei dem Ziel, ein starker Rückhalt für das im Neuaufbau befindliche Team zu sein. Mittlerweile hat sich das geändert. Greiss sollte daher auch in der Saison 2021/22 ein zentraler Baustein der Red Wings bleiben. Mit dem jungen Verteidiger Moritz Seider dürfte dann ein weiterer deutscher Spieler nach Detroit kommen.
Vielleicht schreiben beide gemeinsam viele sportliche Schlagzeilen, indem sie die Defensive der Red Wings weiter stabilisieren und der Mannschaft zu einer neuen Blütezeit verhelfen. Seider soll jedoch im Gegensatz zu Greiss bei der Weltmeisterschaft in Riga den Bundesadler auf der Brust tragen.