Thomas Greiss

Thomas Greiss war nie ein Mann der großen Worte und diesem Motto blieb er auch am Mittwoch treu, als er das Ende seiner Karriere verkündete. Keine große Pressekonferenz oder Verlautbarungen, sondern er erklärt auf Nachfrage kurz und knapp, "bin offiziell im Ruhestand".

Ein paar Optionen zu einem neuen Vertrag in der NHL hätte es noch gegeben, nachdem die St. Louis Blues sein letztes Arbeitspapier für die Saison 2022/23 nicht erneuern wollten und Greiss damit am 1. Juli zum unrestricted Free Agent wurde. Letztendlich wollte er nicht erneut für ein Jahr mit der Familie umziehen. Gerade für seine mittlerweile schulpflichtige Tochter ist das eine große Herausforderung.

"Ich freue mich jetzt auf das nächste ruhigere Kapitel mit mehr Zeit für die Familie", erklärt Greiss in einem exklusiven Telefonat mit NHL.com/de am Mittwoch. "Es gab schon einige Überlegungen, aber im Endeffekt habe ich mir ein paar Angebote angeschaut, die mich nicht wirklich gereizt haben. Das führt dazu, dass ich bereit war, den Schritt zu machen und freue mich darauf, ein paar neue Dinge in meinem Leben zu tun. Unser Beruf bringt sehr viel Freiheiten mit sich, aber jetzt kann ich ein paar neue Herausforderungen angehen."

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Welche Herausforderungen das sein werden, davon hat Greiss noch keine klaren Vorstellungen. "Ich habe schon ein paar Ideen, aber nichts Konkretes", verrät er. "Ich habe mir letztes Jahr ein Motorrad gekauft und da habe ich vor kurzem einen Trip nach New Mexico für eine Woche gemacht. Daran anschließend möchte ich mir noch ein paar weitere Bundesstaaten wie Colorado und Idaho in naher Zukunft anschauen."

Aber auch das Eishockey wird weiter im Leben von Greiss einen Schwerpunkt haben. "Ich werde dem Eishockey schon verbunden bleiben und eventuell mit der einen oder anderen Mannschaft etwas machen", sagt er. "Aber im Moment möchte ich etwas Abstand gewinnen und den Rest auf mich zukommen lassen."

Über die Juniorenabteilungen seines Heimatklubs EV Füssen und später bei den Kölner Haien startete Greiss seine Laufbahn, ehe er im NHL Draft 2004 von den San Jose Sharks in der 3. Runde an insgesamt 94. Stelle ausgewählt wurde. Im Sommer 2006 wagte er den Sprung über den großen Teich ins Farmteam der Sharks, die ihn mit seinem ersten NHL-Vertrag ausstatteten.

"Den Draft hatte ich gar nicht verfolgt und erst einen Tag später erfahren, dass ich gedraftet wurde", blickt Greiss zurück. "Ich habe mich zwar davor eingeschrieben, aber hatte keine große Hoffnung, dass es funktionieren könnte. Deswegen hatte ich auch keine Pläne in die USA zu gehen. Zwei Jahre später haben mir die Sharks einen Vertrag angeboten und dann habe ich mir gedacht, ja mei, du kannst ja mal in die USA gehen und dir alles anschauen. Es war ein kleines Abenteuer und ich wollte einfach nur schauen, was passiert."

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Viel ist passiert, denn Greiss legte nach ein paar Anlaufschwierigkeiten eine beeindruckende NHL-Karriere hin. Er ist der erste in Deutschland geborene Torhüter, der mindestens 100 NHL-Spiele bestritten hat. Er führt die Liste der gespielten Spiele seiner Landsleute an und ist hinter Philipp Grubauer von den Seattle Kraken der zweitbeste Torhüter in Bezug auf den Gegentorschnitt (GAA), die Fangquote und den Shutouts.

Als Vorreiter für den knapp sechs Jahre jüngeren Grubauer sieht Greiss sich aber nicht. "Grubi hätte es wahrscheinlich auch ohne mich geschafft", wiegelt er ab. "Er ist ein super Torhüter und hat eine großartige Karriere. Er macht weiter und wird am Ende wesentlich erfolgreicher wie ich sein, aber falls ein paar Kinder wegen mir zum Eishockey gekommen sind, dann ist das super, denn Eishockey ist so ein hervorragender Sport und ich kann nur jedem empfehlen das Spiel zu spielen."

Greiss erreichte in 368 Spielen der regulären Saison (323 Starts) für die St. Louis Blues, Detroit Red Wings, New York Islanders, Pittsburgh Penguins, Phoenix Coyotes und Sharks eine Bilanz von 162-130-37 mit einem GAA von 2,77, einer Fangquote von 91,1 Prozent und 16 Shutouts sowie eine Bilanz von 7-8 mit einem GAA von 2,43, einer Fangquote von 92,2 Prozent und einem Shutout in 17 Spielen der Stanley Cup Playoffs (14 Starts).

In der abgelaufenen Saison für die Blues verbuchte Greiss in 21 Spielen (16 Starts) eine Bilanz von 7-10-0 mit einem Gegentorschnitt von 3,64, einer Fangquote von 89,6 Prozent und einem Shutout.

Seine besten Spielzeiten hatte er bei den Islanders, wo er in der regulären Saison eine Bilanz von 101-60-17 mit einer GAA von 2,70, einer Fangquote von 91,5 Prozent und zehn Shutouts und in den Playoffs 7-8 mit einer GAA von 2,41, einer Fangquote von 92,1 Prozent und einem Shutout erzielte.

Greiss übernahm die Rolle des Starters, als sich Jaroslav Halak am 8. März 2016 eine Unterkörperverletzung zuzog, und verhalf den Islanders mit einem Sechs-Spiele-Sieg gegen die Florida Panthers in der ersten Runde der Eastern Conference zum ersten Mal seit 1993 zum Gewinn einer Playoff-Runde. Greiss ließ in den letzten drei Spielen lediglich vier Tore zu, während er in Spiel 5 großartige 47 und im entscheidenden Spiel 6 weitere 41 Saves verbuchte. Später vertrat er das Team Europa beim World Cup of Hockey 2016 und gewann mit der Mannschaft überraschend Silber.

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"Das Jahr mit den Islanders, als wir in der ersten Playoff-Runde gewonnen haben und natürlich der Gewinn der Jennings Trophy waren besondere Jahre", resümiert Greiss. "Es war überhaupt ein schöner Ort für mich zu spielen. Ein gutes Umfeld und es hat mir gut gefallen, dort zu leben. Das war sicher eines der Highlights für mich."

"Sportlich hat es bei den Islanders für mich am besten funktioniert. Aber jeder Ort, wo ich war, hat großartige Sachen für mich gehabt. In Phoenix war es schön zu leben oder mein erstes NHL-Spiel mit den San Jose Sharks war besonders. In Kalifornien lässt es sich aushalten und es gibt einiges zu tun. Da habe ich einige schöne Ausflüge gemacht, bin zum Beispiel öfters zum Lake Tahoe hochgefahren. In Detroit habe ich wieder ein paar Jungs getroffen, mit denen ich vorher in San Jose gespielt hatte. Jede Station hat etwas Gutes gehabt."

TG

Auch die zwei Teilnahmen an den Olympischen Spielen 2006 in Turin und 2010 in Vancouver mit der deutschen Nationalmannschaft sind ihm in guter Erinnerung geblieben. "Wenn man Sportler nach den Olympischen Spielen fragt, dann ich das mit das Größte und ich durfte zweimal dabei sein", freut er sich. "Das ist was Spezielles. Und der World Cup of Hockey 2016 war ein großartiges Event, das die NHL und die NHLPA gut organisiert und aufgezogen haben. Nicht nur wegen unseres zweiten Platzes war ich froh, dass ich da dabei sein konnte."

In der Saison 2018/19 gewann Greiss zusammen mit Robin Lehner bei den Islanders die William M. Jennings Trophy, die "an den/die Torhüter verliehen wird, die mindestens 25 Spiele für das Team mit den wenigsten Gegentoren bestritten haben." Er erzielte eine Bilanz von 23-14-2 mit einem GAA von 2,28, einer Fangquote von 92,7 Prozent und fünf Shutouts. Er war der erste Gewinn einer NHL-Trophäe für einen in Deutschland geborenen Spieler überhaupt.

Deutschland wird weiter ein Anlaufziel für Greiss sein, schon wegen seiner Familie, aber leben wird er mit seiner amerikanischen Frau und Tochter zukünftig in den USA. "Wir sind zurzeit noch in St. Louis das Haus ausräumen und dann fliege ich irgendwann nach Deutschland", verdeutlicht er. "Danach wird es uns wahrscheinlich in Richtung Florida oder Colorado verschlagen. Das steht aber noch nicht fest."
Einen sehnlichen Wunsch hat Greiss aber schon. "Es wäre auch nach der langen Zeit mal wieder schön, Weihnachten mit der Familie im Allgäu zu verbringen."