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Nico Sturm befindet sich in einer herausragenden Form. Das Highlight: Beim 8:2 seiner Minnesota Wild gegen die Montreal Canadiens am 24. Januar gelangen ihm ein Tor und zwei Assists, sodass er danach zum "First Star" ernannt wurde.

Der 26-Jährige steht in der laufenden Spielzeit bei acht Toren sowie acht Assists und traf zuletzt am Mittwoch beim 5:0 gegen die Chicago Blackhawks. Im Interview zieht der Deutsche eine Bilanz.
Hallo Nico, war das Spiel gegen Montreal, bei dem du zum "First Star" ernannt wurdest, das schönste deiner bisherigen Karriere?
"Für mich persönlich natürlich schon. In der Rolle, die ich hier in der Mannschaft spiele, gibt es nicht allzu oft Abende mit so vielen Scorer-Punkten. Ich mache viele Sachen, die nicht unbedingt auf der Scoring-Liste auftauchen. In einer erfolgreichen Mannschaft können nicht alle Spieler ständig scoren und im Powerplay spielen. Man braucht auch Spieler, die andere Rollen ausfüllen. Unsere Reihe macht das sehr gut. Das Unterzahlspiel ist für mich ebenfalls ein wichtiger Faktor. Jeder weiß: Wenn man nicht so viel Eiszeit hat und im Powerplay nicht auf dem Eis steht, ist es schwierig zu scoren. Gerade deshalb tun solche Abende wie gegen Montreal besonders gut."

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Wie bewertest du den Saisonverlauf von den Minnesota Wild insgesamt?
"Wir sind sehr stark in die Saison gestartet. Ab Mitte Dezember hatten wir leider eine Serie mit fünf Niederlagen in Folge. Wir hatten allerdings auch sehr viele Verletzte und COVID-Erkrankte. In einer Partie fehlten uns neun Spieler. Zudem haben wir aufgrund der Spielausfälle nur unregelmäßig gespielt. Wir kamen dadurch aus dem Rhythmus. Nach dem Winter Classic Game gegen die St. Louis Blues, das wir leider verloren hatten, haben wir uns allerdings gut gefangen."
Welche Mannschaft würdest du in dieser Saison zu den Favoriten auf den Stanley Cup zählen?

"Ich denke, das sind dieselben Mannschaften wie sonst auch. Tampa Bay Lightning ist als Titelverteidiger wieder oben mit dabei. Die Colorado Avalanche und die Vegas Golden Knights sind bei uns im Westen ebenfalls sehr stark. Und dann wollen auch wir oben mit dabei sein."
Minnesota tat sich in den Stanley Cup Playoffs zuletzt meist schwer. Vergangene Saison seid Ihr zwar nur knapp mit 3:4 an den Vegas Golden Knights gescheitert, allerdings war auch in vier der vorherigen fünf Spielzeiten in der 1. Runde Endstadion. Einmal hat sich die Mannschaft gar nicht erst qualifiziert. Sind Playoffs eine völlig andere Herausforderung als Spiele der regulären Saison?
"Ich kann nicht viel über die Zeit sagen, in der ich noch nicht hier gewesen bin. Im letzten Jahr hatten wir gegen Vegas ein Spiel 7, das man gewinnen oder eben auch verlieren kann. Bis spät in das zweite Drittel stand das Spiel auf Messers Schneide. Ich denke, wir haben einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Aber nun geht es erst einmal darum, dass wir uns überhaupt für die Playoffs qualifizieren. Die Central Division beinhaltet viele gute Mannschaften, sodass es sehr eng zugeht."
Du standst am 1. Januar beim Discover NHL Winter Classic 2022 gegen die St. Louis Blues auf dem Eis. Wie hat es sich angefühlt, in einem großen Baseball-Stadion bei Temperaturen von minus 21 Grad zu spielen?
"Die Atmosphäre drumherum war schön. Meine Familie und ein paar Freunde waren ebenfalls im Stadion. Die Temperaturen waren allerdings grenzwertig. Ich weiß nicht, ob ich bei solchen Temperaturen noch einmal spielen möchte. Ich habe die Kälte ganz besonders an meinen Fingerspitzen und den Fußzehen gespürt. Das war nicht angenehm. Ich glaube auch nicht, dass jeder Check zu Ende gefahren wurde. Es war kein allzu körperbetontes Spiel. Trotzdem war das eine einmalige Erfahrung."

WinterClassicField

Der Schweizer Kevin Fiala hat gesagt, Ihr wärt wie eine große Familie. Würdest du ihm zustimmen?
"Ja, das würde ich auch sagen. Die Stimmung ist sehr gut und sogar mit das Beste, was ich in den letzten Jahren erlebt habe. Jeder kommt gerne in das Eisstadion zum Training. Auch die ganz jungen Spieler, die bei uns sind oder einen Call-up aus der NHL bekommen, fühlen sich, so glaube ich jedenfalls, gleich wohl. Ich kann die Stimmung in den Kabinen anderer Mannschaften nicht bewerten. Aber ich denke, dass das nicht überall so ist."
Stichwort Call-up: Der Österreicher Marco Rossi wurde im Januar kurzzeitig für zwei Spiele von der AHL in die NHL berufen. Wie war dein Eindruck von ihm?
"Man hat bereits im Trainingscamp gemerkt, dass er ein sehr talentierter Spieler ist, gerade von der Stocktechnik und vom Abschluss her. Es ist für mich überhaupt keine Frage, dass er eine gute Karriere in der NHL haben wird. Ich denke, er durchläuft den typischen Prozess eines jungen Spielers. Er ist nicht allzu groß und könnte noch ein paar Kilo Gewicht draufpacken. In der NHL ist ein Center gerade physisch sehr gefordert. Man spielt gegen Leute, die viel Erfahrung haben und genau wissen, wann und wie sie ihren Körper einzusetzen haben. Das lernt man mit der Zeit. Aber er wird in seine Aufgabe hineinwachsen, ganz sicher."
Du hast selber in der Saison 2019/20 in der AHL 55 Spiele für Iowa Wild absolviert, ehe du dich in der NHL durchsetzen konntest. Wie groß ist der Unterschied zwischen den beiden Ligen?
"Grundsätzlich gibt es in der AHL viele Spieler, die auch in der NHL spielen könnten. Aber die Kaderplätze sind eben begrenzt. Und die Aufgaben können sich unterscheiden. Wenn jemand in der AHL in der ersten Reihe spielt, bedeutet es nicht, dass derjenige auch in der NHL in der ersten Reihe spielt. Möglicherweise spielt man in der NHL in der dritten oder vierten Reihe. Das Anforderungsprofil ist dann ein ganz anderes. Man muss Unterzahl spielen, muss Forechecking spielen, alle Checks zu Ende fahren, Schüsse blocken und das Spiel einfach halten. Ich glaube, das ist für einige Spieler sehr schwierig."

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Und wie sehr unterscheiden sich die beiden Ligen qualitativ?
"Das sind eben zwei unterschiedliche Ligen. Der größte Unterschied ist, dass man in der NHL weniger Zeit hat. Wenn man die Scheibe bekommt, zum Beispiel an der Bande, ist sofort ein Gegenspieler da. Die Verteidiger wissen genau, wo sie sich zu positionieren haben. Dadurch gibt es in der NHL auch nur wenig klare Torchancen. Wenn ich an meine Tore zurückdenke, fielen diese bis auf sehr wenige Ausnahmen immer im Umkreis von zwei, drei Metern um das Tor herum. Oft waren es abgefälschte Schüsse oder Rebounds. Man muss ein echter Skill-Player sein, um richtig schöne Tore zu erzielen und den Puck zum Beispiel von außen in den Torwinkel zu befördern. Die meisten Tore fallen anders. Daher müssen junge Spieler, die in die NHL kommen, oft ihren Spielstil umstellen."