Seider

In Rahmen der European Player Media Tour 2026 führte NHL.com/de zahlreiche Interviews mit deutschsprachen NHL-Profis. In dieser Ausgabe: Moritz Seider von den Detroit Red Wings

Hallo Moritz! Was war der Höhepunkt deines Sommers?

Einfach die beiden Urlaube, die wir gemacht haben. Wir waren jeweils mit Freunden unterwegs und hatten danach aber noch ein paar Tage zu zweit, also nur meine Freundin und ich. Es hat Spaß gemacht, wir hatten eine tolle Zeit. Wir waren zusammen mit Tim Stützle und einem weiteren Spieler auf Mallorca. Zuletzt waren wir auf Aktivurlaub in Österreich mit viel Wandern und Radfahren, was echt schön war.

Du hast viel zusammen mit Tim Stützle trainiert. Ihr seid beide Top-Spieler in der NHL und begegnet Euch auf dem Eis als Gegenspieler. Wie war das gemeinsame Training?

Es war großartig. Ich denke, ohne Tim wäre ich nicht in der Lage, in der ich mich gerade befinde, einfach weil wir zwei Charaktere sind, die nicht Zweiter werden können. Es muss aber immer einen Zweiten geben. Das hilft uns dabei, auf ein höheres Level zu kommen, in jedem Aspekt, auf und neben dem Eis. Wir haben also eine gesunde Rivalität und haben einen Weg gefunden, auch mal einen zweiten Platz zu akzeptieren. Aber das motiviert uns, in anderen Bereichen dann noch härter zu arbeiten, um den anderen dort zu schlagen. Das ist unser Ding.

Tim ist ein Stürmer, Du ein Verteidiger - reibt er es dir nicht unter die Nase, wenn er mehr Tore schießt?

(Lacht) Nein. Damit haben wir schon vor langer Zeit aufgehört. Das liegt auch daran, dass so etwas oft recht schnell zurückkommt. Es gibt so viele Dinge, in denen wir uns messen können, da ist es leichter, die Klappe zu halten und den Sieg zu akzeptieren.

Schau dir Moritz Seiders schönste Tore der regulären Saison an

Viele bezeichnen dein Trainingsprogramm im Sommer als brutal. Wie würdest du es beschreiben?

Du musst dich selbst antreiben, um einen neuen Standard zu erreichen. Wenn du das nicht machst, dann fällst du zurück. Ich bin stolz darauf, mich in jeder Saison zu verbessern. Dafür musst du eben im Sommer hart arbeiten. Das kann manchmal schwer sein und du musst dich dafür quälen, aber ich gehe davon aus, dass meine Gegenspieler dasselbe machen. Also muss ich selbst immer einen Gang höherschalten.

Auf welche Bereiche konzentrierst du dich dabei am meisten?

Du musst dich in jedem Bereich steigern. Es ist schwierig, an Bereichen zu arbeiten, die während des Spiels passieren: Ja, du kannst deinen Schuss verbessern, was die Präzision und Härte angehen. Ja, du kannst noch ein bisschen geschmeidiger skaten. Das sind aber alles Dinge, die du ins Spiel transportieren und in Spielsituationen umsetzen musst. Diese kannst du über den Sommer aber kaum simulieren.

Bei der Wahl zur Norris Trophy wurdest du zuletzt Fünfter. Wie siehst du dein Spiel gerade?

Die Ausgangslage ist gut, aber ich möchte natürlich mehr erreichen. Als Fünfter sollte man nicht zufrieden sein, sonst läuft etwas falsch. Das Ziel ist, der Beste zu sein. Gerade bin ich da noch weit weg, was okay ist, aber hoffentlich kann ich durch die harte Arbeit ein Stück näherkommen.

Hast du das Gefühl, der beste Verteidiger in der NHL werden zu können?

Wenn du nicht daran glaubst, dann wird es nie passieren. Wenn du gegen die besten Spieler der Welt spielen willst, dann musst du selbst einer der besten werden. Das sollte definitiv die Einstellung sein. Manchmal ist es schwer, an sich selbst zu glauben, dann denkst du wieder, dass du es schaffen kannst - warum auch nicht? Diese Herangehensweise hat ein wenig Zeit gebraucht, aber ich hoffe natürlich, dass ich eines Tages dieser Spieler sein werde.

PHI@DET: Seider mit einem Tor und vier Assists

Wie bist du über den Sommer mit den Dingen im Umfeld der Detroit Red Wings umgegangen, die du nicht selbst kontrollieren kannst?

Offensichtlich stand unser Team in den Schlagzeilen, was gut und schlecht sein kann. Auf jeden Fall hat es die Aufmerksamkeit von unserer Arbeit abgelenkt. Die Herausforderung ist, das zu akzeptieren und den Fokus auf die Dinge zu richten, die du kontrollieren kannst und das sind das Sommertraining, die Ernährung, der Schlaf und meine Beziehungen zu meinen Teamkollegen. Alles andere kann ich nicht kontrollieren. Das Gute als Spieler ist, dass du dich um gewisse Dinge nicht kümmern musst. So einfach ist das.

Wie eng stehst du mit Dylan Larkin in Kontakt und wie hilfreich wäre eine Entscheidung, bevor das Training Camp startet?

Zuletzt habe ich ihm zum Geburtstag gratuliert. Schon alleine aus Respekt zu ihm, gibt es über die Medien nichts über ihn zu sagen. Was ich sagen kann, ist, dass er seine Gründe hat. Gleichzeitig sind wir eine bessere Mannschaft, wenn er in unserer Aufstellung steht. Sollte ein neuer Führungsspieler kommen, wird es spannend sein, andere Lösungen zu finden. Diese Entscheidungen trifft aber der neue GM.

Wie siehst du deine Rolle aus der Perspektive der Detroit Red Wings, was Führungsaufgaben angeht?

Ich habe das Gefühl, dass wir in der neuen Saison Jungs haben werden, die in unangenehme Situationen gebracht werden, weil sie noch jung sind und schon Rollen übernehmen müssen, die sie vielleicht noch nicht übernommen hätten. Ich sehe meine Aufgabe darin, sicherzustellen, dass sich jeder Einzelne wohlfühlt und akzeptiert, dass es ein wenig unangenehm werden könnte. Ich möchte ihnen ein gutes Gefühl geben und ihr Selbstvertrauen stärken, um da raus zu gehen und die Arbeit zu erledigen. Ich habe über die Jahre gelernt, dass es egal ist, was andere über dich denken und dass gewisse Dinge einfach angesprochen werden müssen.

Du hast 410 NHL-Spiele in Folge absolviert? Wie hast du es geschafft, nie ein Spiel zu verpassen?

Ich weiß auch nicht. Ich bin einfach stolz darauf, zur Verfügung zu stehen. Natürlich brauchst du auch ein bisschen Glück mit größeren Verletzungen. So eine Serie geht aber auch Hand in Hand mit der Arbeit in der Sommerpause, über die wir schon gesprochen haben. Vielleicht bringst du dich auch dadurch in Situationen, in denen dein Toleranzlevel ein bisschen höher ist als bei anderen, oder du kannst mehr einstecken als andere. Manchmal geht es einfach darum, wie sehr du etwas wirklich willst. Ich denke, ich kann voller Stolz laut aussprechen, dass ich es unbedingt möchte! Es gibt nicht viele Dinge, die mich davon abhalten könnten, da rauszugehen.

Der deutscherVerteidiger ist ein Teil der starken Sport-Kultur in Detroit

Mit Brent Burns ist ein anderer Verteidiger nur noch 58 Spiele davon entfernt, die Iron-Man-Serie von Phil Kessel für die meisten Spiele in Folge aller Zeiten zu übertrumpfen…

Ich weiß, wie viel Arbeit ich reinstecken musste, um auf etwas über 400 Spiele in Folge zu kommen. Da kann ich mir kaum vorstellen, was er durchgemacht hat. Es ist beeindruckend zu sehen, dass er noch immer auf einem hohen Level spielt. Es macht Spaß, ihm zuzuschauen. Ich habe den höchsten Respekt vor jedem Spieler, der kein Spiel verpasst und immer zur Verfügung steht.

Tim Stützle kommt im Dezember mit den Ottawa Senators nach Düsseldorf. Nächstes Jahr spielt JJ Peterka mit den Boston Bruins in München und Leon Draisaitl mit den Edmonton Oilers in Köln. Wie sehr hoffst du auf ein Spiel mit den Detroit Red Wings auf deutschem Boden?

Als wir davon erfahren haben, dass die beiden (JJ und Leon) wieder nach Deutschland kommen, wurde sich über mich lustig gemacht, denn sie waren in den letzten Jahren ja schon einmal dort. Es zeigt, wie sehr die Liga dahintersteht. Natürlich willst du, dass dein eigenes Team nach Hause kommt und du etwas von unseren Traditionen zeigen kannst. Vor uns liegen spannende Zeiten. Hoffentlich können wir das Spiel in Deutschland größer machen. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, und ich freue mich für unsere Jungs. Natürlich möchte ich auch selbst mal ein paar Spiele in Deutschland spielen.

Was für einen Empfang wird Tim im Dezember in Düsseldorf erhalten?

Es ist nahe zu seinem Heimatort (Viersen). Für ihn wird es also etwas ganz Besonderes werden. Ich hoffe, er kann es voll genießen, denn er ist ein Spieler, der sich selbst immer viel Druck macht, insbesondere bei solch großen Events. Viele Fans werden für ihn jubeln. Ich hoffe, dass das auch von den Zuschauern in Nordamerika gesehen wird. Ich denke, er ist immer noch ein unterschätzter Spieler, der offensiv und defensiv gut spielt und ein echter Kämpfer ist.

OTT Tim Stutzle

Wie ist es für einen deutschen Spieler zu sehen, dass die NHL so viele reguläre Saisonspiele nach Deutschland bringt?

Das ist unglaublich! Es zeigt, dass die Liga etwas in diesem Land sieht. Nicht nur aufgrund der Bevölkerung, sondern auch aufgrund des Hypes, den es gerade um Hockey gibt. Die Möglichkeit, dass Familie, Freunde und Fans zur Prime Time zuschauen können, wird einen großen Einschlag haben. Dass es jetzt jedes Jahr Spiele in Deutschland geben wird, wird dabei helfen, dass sich auch Kinder in diesen Sport verlieben werden. Das ist enorm wichtig.

Wann würdest du die neue Saison als Erfolg bezeichnen?

Ganz offensichtlich gibt es viele Leute, die an unserer Mannschaft zweifeln und uns nicht gerade sehr weit oben in der Tabelle sehen. Das sollte uns antreiben und motivieren, um es allen zu zeigen. Die aktuellen Umstände bringen unser Team vielleicht noch enger zusammen und könnten ein Feuer entzünden. Wir müssen diese Herausforderung annehmen. Vielleicht haben uns nicht alle auf dem Radar, das kann aber auch etwas Positives sein, denn wir können alle überraschen.

Motivieren dich diese Zweifler auch persönlich?

Mit Sicherheit. Nicht nur, weil ich unser Trikot mit so viel Stolz trage und für dieses Franchise spiele, aber auch weil ich weiß, wie viel Arbeit wir in der Sommerpause reinstecken, um besser zu werden. Es gibt kein schöneres Gefühl, als wenn andere an dir zweifeln. Das ist die Geschichte meiner gesamten Karriere. Wenn sich das auf unsere Mannschaft überträgt, dann könnte uns das kaum besser motivieren.

Wenn du sagst, dass es die Geschichte deiner Karriere ist, auf was genau spielst du an?

Ich wurde mit Draft-Videos konfrontiert und es gab so viel Lärm darum, dass mich Steve (der frühere General Manager Steve Yzerman) gepickt hat. Für mich war das pure Motivation, um zu zeigen, was für ein Charakter ich bin und was für ein Spieler ich werden kann. Für mich persönlich ist es befriedigend, dass gewisse Leute jetzt anders darüber denken. Es ist der Beruf von Journalisten, Überschriften zu generieren - jetzt müssen sie die eine oder andere umschreiben. Das ist ein befriedigendes Gefühl.

Wie realistisch ist für Euch eine Qualifikation für die Stanley Cup Playoffs in der kommenden Saison?

Wir müssen einen guten Start haben und die Störgeräusche rund um unsere Mannschaft abstellen. Letzteres können wir kaum kontrollieren, aber Siege könnten dabei helfen. Das sollte unser oberstes Ziel sein. Wir müssen als Team zusammenkommen, voll konzentriert sein und einen guten Start haben. Wenn wir das schaffen, können wir weiter nach vorne schauen.

Ist eine 84-Spiele-Saison eine neue Herausforderung für dich?

Ich sehe eher die Chance auf ein kürzeres Training Camp mit weniger Testspielen. Dadurch geht die Action viel schneller wieder los. Pflichtspiele sind doch das, was wir am meisten lieben. Vielleicht werden wir ein paar mehr Back-to-Back-Spiele haben, dafür trainieren wir auch weniger. Das ist ein guter Mix. Wohl jeder würde akzeptieren, zwei Spiele mehr und dafür weniger Trainingseinheiten zu haben. Ich bin da voll dabei.

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