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„Wir sind in unserer Entscheidungsfindung vielleicht ein wenig fragil", sagte Leon Draisaitl nach der Schlusssirene. Der Satz trifft den Kern der Oilers-Krise präziser als jede Statistik es könnte.

Die nackten Zahlen des jüngsten Auswärtstrips der Edmonton Oilers durch Kalifornien unterstreichen das. In drei aufeinanderfolgenden Spielen erzielte die Mannschaft beeindruckende 17 Tore, trat die Heimreise aber dennoch mit nur einem einzigen Sieg und einer mageren Ausbeute von zwei Punkten an. Die jüngste 4:5-Niederlage am Samstag gegen die San Jose Sharks bildete den vorläufigen Tiefpunkt. Für Edmonton war es bereits die fünfte Pleite in den vergangenen sechs Auftritten.

Frustration in Dauerschleife

Nach 61 absolvierten Saisonspielen sucht der amtierende Western-Conference-Champion weiterhin nach seiner defensiven Identität. Das fehlende Gleichgewicht zwischen Angriff und Abwehr wird zunehmend zum Problem. Die andauernde und zermürbende Gegentorflut hinterlässt merklich Spuren bei den Akteuren. „Es klingt wie eine kaputte Schallplatte, aber wir geben einfach zu viele Tore her“, fasste Draisaitl die Gemütslage treffend zusammen. Der deutsche Stürmer betonte nachdrücklich, dass es enorm schwer sei, jeden Abend fünf oder sechs Tore schießen zu müssen, um überhaupt eine Chance auf den Sieg zu haben.

Hochmut vor dem Fall

Ein Hauptgrund für die Enttäuschung in San Jose war ein katastrophaler Start in die Begegnung. Trainer Kris Knoblauch legte den Finger schonungslos in die Wunde und analysierte die Anfangsphase sowie die mentale Einstellung seiner Truppe kritisch. Der Trainer verwies auf den dominanten 8:1-Erfolg gegen die Los Angeles Kings am

Donnerstag, der zu einer trügerischen Sicherheit geführt hatte. Man fühle sich extrem gut und denke, dass man alles im Griff habe. Doch die Realität sah anders aus.

„Ich denke, in den ersten zehn Minuten waren sie die bessere Mannschaft“, räumte Knoblauch unumwunden ein. Diese fehlende Präsenz bestraften die Hausherren sofort. Macklin Celebrini nutzte eine unübersichtliche Situation, als Oilers-Schlussmann Connor Ingram seinen Schläger verloren hatte, zur frühen Führung (9.). Nur wenige Minuten später erhöhte Michael Misa im Powerplay auf 2:0, als er den Puck durch die Beine von Ingram beförderte (12.). Die Oilers rannten von Beginn an einem Rückstand hinterher.

EDM@SJS: Celebrini gelingt das erste Tor des Tages

Wenn das Fundament bröckelt

Die Defensivschwächen ziehen sich aktuell wie ein roter Faden durch alle Mannschaftsteile und offenbaren tieferliegende strukturelle Probleme im eigenen Spieldrittel. „Ich denke, jeder trifft im Moment die falschen Entscheidungen“, analysierte Draisaitl die kollektiven Aussetzer schonungslos. Der Angreifer bemängelte die vielen Konter und Scheibenverluste, die die Oilers zuließen.

Auch Darnell Nurse fand klare Worte für die fehlende Stabilität in der Rückwärtsbewegung. Der erfahrene Verteidiger forderte, dass die Mannschaft die klaren Chancen des Gegners minimieren müsse. Nur durch ein konstanteres Abwehrverhalten könne man den eigenen Torhütern die nötige Unterstützung bieten. Es gehe darum, die Schüsse auf das eigene Gehäuse berechenbarer zu machen. Man könne genau diese Dinge als Mannschaft selbst kontrollieren.

Schatten über den Meilensteinen

Die anhaltenden Defensivsorgen überlagern derzeit sogar historische individuelle Meisterleistungen. Connor McDavid bereitete gegen die Sharks drei Treffer vor und erreichte damit einen besonderen Meilenstein in seiner ohnehin beeindruckenden Laufbahn. In seinem 773. Einsatz in der NHL verbuchte der Kapitän zum 60. Mal drei Vorlagen in einer einzigen Partie. Lediglich drei Legenden der Ligageschichte erreichten diese Marke in weniger Spielen. Wayne Gretzky benötigte dafür 352 Partien, Mario Lemieux schaffte es in 507 Einsätzen und Bobby Orr brauchte 634 Begegnungen.

Im Schlussabschnitt bewiesen die Oilers Moral und kamen durch Treffer von Trent Frederic und Jake Walman zweimal zum Ausgleich. Doch solche glänzenden Statistiken und offensiven Kraftakte verblassen völlig vor dem Hintergrund der strukturellen Abwehrprobleme. Die individuelle Brillanz im Angriff reicht schlichtweg nicht aus, um die gravierenden Lücken auszugleichen. Sobald Edmonton sich herangekämpft hatte, schlugen die Hausherren durch Shakir Mukhamadullin (50.) sofort wieder zu.

Die Zeit drängt

Für die Oilers geht es nun darum, dringend verlässliche Lösungen zu finden. Knoblauch verdeutlichte die angespannte Situation mit einer simplen sportlichen Rechnung. „Wenn man in dieser Liga drei Tore schießt, gewinnt man meistens. Bei vier Toren sollte man gewinnen. Man sollte nicht gezwungen sein, fünf oder sechs Tore zu schießen, um ein Eishockeyspiel zu gewinnen.“

Auf die Frage, wann sich das Defensivproblem endlich löst, fand Draisaitl keine beruhigende Antwort. „Ich weiß es nicht", sagte der Deutsche. „Man muss es einfach tun." 61 Spiele nach Saisonbeginn, im Kampf um die Playoff-Plätze, klingt dieser Satz weniger wie Zuversicht und mehr wie eine Deadline.

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