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Als das NHL-Franchise der Quebec Nordiques im Sommer 1995 die Zelte in der ostkanadischen Stadt abbrach und in der zirka 3200 Kilometer südwestlich befindlichen US-amerikanischen Metropole Denver als Colorado Avalanche aufschlug, konnte niemand erahnen, wie gut es gleich im ersten Jahr am neuen Ort laufen würde.

Andererseits ging die Entwicklung vom schlechtesten Team der Liga seit 1992 aufgrund mehrerer Faktoren steil nach oben. Einer davon war die Auswahl von Eric Lindros beim NHL Draft 1991 durch Quebec. Doch dieser weigerte sich vehement für das Team aufzulaufen, so dass er ein Jahr später zu einem hohen Preis zu den Philadelphia Flyers getradet wurde. So kamen unter anderem Spieler wie Peter Forsberg und Mike Ricci zum Franchise. Zur Saison 1994/95 wurde auch der deutsche Verteidiger Uwe Krupp ohne sein Einverständnis von den New York Islanders nach Quebec transferiert.

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"Wir waren eine besondere Mannschaft", stellte Krupp in einem exklusiven Gespräch mit NHL.com/de klar. "Schon die Gruppe, die aus Quebec gekommen ist. Wir waren ein verschworener Haufen. Ich weiß noch, dass wir in Denver alle gemeinsam beim Makler auf Immobiliensuche waren und dann freundschaftlich die Appartements aufgeteilt haben. Da sind wir schon zusammengewachsen und haben immer auf die Gruppe und nicht auf uns persönlich geschaut."
Ein weiterer Eckpfeiler kam nach dem Umzug nach Denver dazu, als die Avalanche im Dezember 1995 Torhüter Patrick Roy von den Montreal Canadiens verpflichteten. Colorado gewann in der regulären Saison mit 104 Punkten die Pacific Division und wurde Zweiter in der Western Conference. In den Stanley Cup Playoffs bezwang das Team die Vancouver Canucks, Chicago Blackhawks und Detroit Red Wings jeweils in sechs Spielen und zog ins Stanley Cup Finale gegen die Florida Panthers ein.
Krupp, der sich im sechsten Saisonspiel das Kreuzband riss und erst zu den Playoffs zurückkehrte, lief dort zur Hochform auf. Bis zum Finale hatte er in 18 Spielen zwei Tore und elf Assists verbucht. Gegen Florida gewannen die Avalanche Spiel 1 mit 3:1. Krupp erzielte in der 32. Minute mit seinem dritten Playoff-Treffer den Endstand. Spiel 2 ging mit 8:1 an Colorado, mit einem Assist von Krupp beim 7:1. Spiel 3 in Florida gewannen die Gäste mit 3:2, womit sie kurz vor dem Triumph standen. Den sollten sie in Spiel 4 dank Krupp perfekt machen.
Den 56. Torschuss auf sein Gehäuse bei 4:31 Minuten in der dritten Verlängerung musste John Vanbiesbrouck, der Torhüter der Panthers, an diesem 10. Juni 1996 passieren lassen. Krupp hatte unvergessen von der Blauen Linie in der Nähe der Bande zu seinem fünften Torschuss im Spiel angesetzt und der Puck schlug beim Stand von 0:0 an Freund und Feind vorbei im Netz ein.
"Ich hatte das Gefühl, dass ich unheimlich viel Zeit hatte, zu schießen", schilderte Krupp die Szene. "Das war sehr ungewöhnlich, gerade für so eine Serie in den Finals, wo man meistens nicht viel Platz hat. Ich hatte die Zeit, mir das Ding zurechtzulegen und mein Gewicht zu verlagern. Das war kein überhasteter Schuss, sondern sehr überlegt. Der geht aber nur rein, wenn du jemand vor dem Tor hast, der dem Torhüter die Sicht nimmt, in diesem Fall Adam Deadmarsh. Das war genauso wichtig, wie der Schuss selbst."
Trotzdem bleibt der Stanley Cup Sieg 1996 der Avalanche aufgrund des erfolgreichen Schusses unweigerlich mit dem Namen Krupp verbunden, der als erster Deutscher in der NHL die Meisterschaft gewinnen konnte. Nicht zuletzt war es auch der erste Titelgewinn des 1972 gegründeten Franchise, das 1979 aus der WHL (World Hockey Association) in die NHL wechselte. Krupp selbst erinnerte sich vor allem an den Moment des Triumphes, als er realisiert hatte, dass es vorbei war.

Unvergessliche Momente: Uwe Krupp

"Beim Gewinn des Stanley Cup in der Overtime war viel Dramatik und Emotionen drin", erzählte Krupp. "Wenn du das Ding gewinnst, kommt über alle eine große Erleichterung. Es ist ja nicht nur Freude, sondern die ganze Anspannung fällt von einem ab. Wenn man über zweieinhalb Monate fast jeden zweiten Tag spielt, ist das ein ganzer Haufen Holz, der da zusammenkommt. Das war eine riesige Sache, eine Top-Mannschaft. Dieser Moment, als es feststand, war unerreicht."
Der Erfolg war kein Zufall, wovon Krupp überzeugt ist und auch die weitere Entwicklung in den Jahren danach bezeugte, weil Colorado bis 2004 stets zum Favoritenkreis zählte und 2001 einen weiteren Stanley Cup gewann.
"Es war keine Mannschaft, die aus dem Nichts kam, sondern wir haben uns stetig verbessert und waren viele gute Spieler. General Manager Pierre Lacroix hat das Team durch geschickte Trades gezielt verstärkt", ist Krupp überzeugt. "Ich denke da an Patrick Roy, Claude Lemieux und im Jahr davor an Sylvain Lefebvre und mich, also einige Neuzugänge, die neben den Stars Joe Sakic und Peter Forsberg wichtige Rollen hatten."
Die Euphorie in Denver und im gesamten Bundesstaat Colorado kannte keine Grenzen, als NHL-Commissioner Gary Bettman den Stanley Cup an Kapitän Joe Sakic überreichte. Es war die erste Meisterschaft eines Teams aus Colorado im professionellen Sport und deswegen etwas ganz Besonderes für alle sportbegeisterten Einwohner. In der vollbesetzten McNichols Sports Arena hatten 12.000 Zuschauer die Liveübertragung von ESPN aus Miami verfolgt. Anschließend feierten die Fans überall und machten die Nacht zum Tag. Die Polizei hatte Berichten zufolge ihre redliche Mühe alles unter Kontrolle zu halten.
Die Avalanche kehrten einen Tag später aus Florida zurück. Bei der Parade am 12. Juni, also zwei Tage nach dem Triumph, säumten 450.000 Fans die Straßen und versammelten sich zu einer ausschweifenden Party im Civic Center Park. Es war mit Abstand die größte Versammlung in Denver aller Zeiten.
Zu den Mannschaftskollegen des Siegerteams der Avalanche hat Krupp bis heute noch regelmäßig Kontakt. Erst im Februar 2021 gab es anlässlich des NHL Outdoor Game in Lake Tahoe zwischen den Avalanche und den Vegas Golden Knights eine Zoom-Konferenz des damaligen Teams.
"So etwas bindet ja", betont Krupp. "Wenn du zusammen den Stanley Cup holst, ist das schon etwas Besonderes und nicht so wie bei Gelegenheitsbekanntschaften, sondern fast wie eine Familienanbindung. Mit allem was dazugehört."