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Wenn nur eine Reihe punktet

Den Boston Bruins fehlt es an Tiefe. Marchand, Bergeron und Pastrnak sind auf sich allein gestellt

von Bernd Rösch / NHL.com/de Chefautor

Wo müsste eine Mannschaft in der Tabelle stehen, die über das sechstbeste Unterzahlspiel (83,3%) aller Teams in der Eastern Conference verfügt, die ligaweit drittbeste Powerplayeffizienz (30,2%) vorweist und die meisten Überzahltreffer (16) erzielen konnte? Wo würden Sie ein Team einordnen, das die häufigsten Torschüsse (579) abgegeben, die zehntmeisten Tore (48) geschossen hat und sich bei den gewonnenen Bullys (53,7%) zusammen mit zwei anderen Teams den ersten Platz teilt? Zieht man nur die Spiele seit dem 1. Januar in Betracht, dann erfüllen die Boston Bruins alle diese Kriterien. Im gleichen Zeitraum verlor das Traditionsteam jedoch zehn von 16 Partien (6-8-2) und ist mit einer Ausbeute von 14 Punkten vor den Tampa Bay Lightning (4-9-2) das zweitschlechteste Team im Osten.

Wie ist das möglich?

Immer wieder wird davon gesprochen wie wichtig die Tiefe eines Kaders ist. Am Beispiel der Bruins wird deutlich, dass es eben nicht nur Gerede ist. Dass sich Boston überhaupt noch Hoffnungen auf einen Playoffplatz machen kann, liegt vor allem an ihrer ersten Sturmformation mit Brad Marchand, Patrice Bergeron und David Pastrnak.

 Video: BOS@WSH: Marchand schießt sein zweites PPG des Abends

Marchand konnte in den vergangenen fünf Partien jeweils punkten und brachte es dabei auf sechs Tore und vier Assists. Mit 13 Toren und 24 Scorerpunkten ist er seit dem Jahreswechsel der erfolgreichste Stürmer der Liga. Ob bei 5-gegen-5, bei nummerischer Überlegenheit auf dem Eis oder bei Unterzahl, Marchand liefert. Der 28-jährige Linksaußen war 2017 an neun Powerplaytreffern (4 Tore, 5 Assists) und an vier Shorthandern (3 Tore, 1 Assist) - Ligabestwert - beteiligt gewesen.

Pastrnak ist mit 22 Toren und 22 Assists bei den unter 21-jährigen Stürmern in der NHL der viertbeste Scorer und der dritterfolgreichste Torschütze. Kein anderer Flügelstürmer konnte in diesem Kalenderjahr mehr Tore vorbereiten (15 Assists) als der junge Tscheche. Und dann wäre da auch noch Bergeron, der nach einem schwachen Saisonstart, bis zum Jahreswechsel hatte es Bostons Center Nummer 1 in 36 Spielen auf sieben Tore und fünf Assists gebracht, plötzlich wieder punktet. Sechs Tore und elf Assists gingen in den vergangenen 16 Partien auf das Konto des dreifachen Frank J. Selke Trophy Gewinners.

Video: DET@BOS: Pastrnak zieht zum OT Siegtreffer ab

Von den weiteren Reihen der Bruins kam dagegen in diesem Jahr denkbar wenig. 22 von Bostons letzten 48 Treffern gingen auf das Konto der Topformation, Ein David Backes, der als Unrestricted Free Agent einen 5-Jahres Vertrag unterschrieben hatte, wurde im Sommer noch als riesige Verstärkung gehandelt. Doch der ehemalige Teamkapitän der St. Louis Blues bleibt unter den Erwartungen. Seit mittlerweile zwölf Spielen leidet er an Ladehemmung. Seine letzten zwei Tore erzielte er am 7. und 8. Januar gegen die Florida Panthers und Carolina Hurricanes. Anschließend kam der 32-Jährige nur noch zu einem Assist. Backes wird auch seinem Ruf als klasse 2-Wege Spieler in Boston nicht gerecht. Mit -12 weist er den drittschlechtesten +/-Wert im Kader der Bruins aus.

Nach dem 4-3 Auswärtserfolg bei den Lightning zeigte sich Bostons (Ex-)Cheftrainer Claude Julien zuversichtlich und hatte sogar noch ein Lob für seine zweite Sturmformation mit Backes und den beiden Torschützen David Krejci und Frank Varano parat: "Sie waren gut und bekamen im zweiten Drittel einen Lauf." Julien hegte nach der Partie die Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden würde, doch es folgten zwei bittere Niederlagen gegen die Washington Capitals (3-5) und Toronto Maple Leafs (5-6), in denen erneut nur die erste Reihe überzeugen konnte.

Nach der Heimpartie gegen Toronto wirkte Julien angeschlagen: "Man ist unzufrieden, wenn man ein solches Spiel verliert. Diese Partie war für uns extrem wichtig und wir haben sie verloren. Was sollen wir daraus Positives mitnehmen? Vielleicht, dass wir zurückgekommen sind als wir 1-4 hinten lagen. Sie haben nicht aufgegeben. Klar ist es gut, wenn man zurückkämpft, doch am Ende zählt nur der Sieg und wir haben letztendlich nur einen Weg gefunden, wie man verliert."

Am Dienstag zog Bostons Management die Reißleine und enthob Julien, der zehn Spielzeiten lang die Geschicke hinter der Bande der Bruins leitete, seines Amtes. Auf seinen Nachfolger warten schwere Zeiten. Wo kann er ansetzen? An den Special Teams der Bruins gab es zuletzt wenig auszusetzen und für einen großen Umbau des Kaders ist es in dieser Saison schon zu spät. Wird er es schaffen, den Spielern in der zweiten, dritten und vierten Formation wieder Selbstvertrauen zu geben und das letzte aus ihnen herauszuholen? Die anstehenden Partien könnten schon einen ersten Hinweis darauf geben.

Die Bruins treffen am kommenden Donnerstag im heimischen TD Garden auf die San Jose Sharks (19:00 Uhr ET).

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