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Bobby Orr und sein berühmtes Tor

Ein Foto des Bruins-Verteidigers als Überflieger ist das vielleicht berühmteste aller Zeiten für den Eishockeybereich

von Robin Patzwaldt / NHL.com/de Autor

Im Englischen gibt es das Sprichwort 'Ein Bild ist tausend Worte wert'. Daran angelehnt wollen wir bei NHL.com/de während der NHL Saison 2018/19 an jedem dritten Samstag im Monat ein berühmtes Eishockeyfoto aus den Archiven hervorholen und unseren Lesern näherbringen. Und zwar in über 1000 Wörtern.

In der ersten Ausgabe geht es um: 'Bobby Orr steigt in die Höhe.'

Im Jahre 1970 führte Bobby Orr mit seinen herausragenden Leistungen die Boston Bruins durch die Stanley Cup Playoffs. Unbestrittener Höhepunkt der Reise in Richtung Titel war dabei der 10. Mai, als Orr einen der bemerkenswertesten Treffer der Eishockeygeschichte markieren konnte, der seinem Team zudem den ersten Stanley Cup Titel seit 1941 sicherte, den 'Sweep' der Bruins über die St. Louis Blues im Finale endgültig sicherstellte.

Der Treffer zum Endstand von 4:3 entstand nach einem schönen Zuspiel von Derek Sanderson, als in der erforderlichen Verlängerung des vierten Spiels der Finalserie gerade einmal 40 Sekunden gespielt waren. Unvergessen ist das Tor von Orr bis in die Gegenwart zu einem wesentlichen Teil auch durch das berühmte Foto.

Fotograf Ray Lussier knipste den quer durch die Luft fliegenden Siegtorschützen, der seine Arme im Bewusstsein des Treffers jubelnd in die Höhe riss, gerade als er auch noch von Blues-Verteidiger Noel Picard ein Bein gestellt bekam.

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Das Resultat war eines der berühmtesten Sportfotos aller Zeiten, das nicht nur in der Hockey Hall of Fame in Toronto ausgestellt ist, sondern zudem in unzähligen Wohnungen von Sportfans auf aller Welt ein Zuhause gefunden hat.

Orr erinnerte sich noch Jahre später an diesen berühmten Augenblick: "Ich hatte etwas Glück in der Aktion. Derek hat mich herausragend angespielt, der Torhüter musste deshalb kurzfristig die Seite wechseln, dadurch seine Schoner zwangsläufig ein Stück weit öffnen. Ich habe alles versucht, die Scheibe irgendwie auf das Tor zu bekommen, was mir auch gelang. Als ich mich dann umsah, da sah ich bereits wie der Puck tatsächlich den Weg in das Tor fand. Also bin ich jubelnd abgesprungen."

Der Mann, der dieses berühmte Foto aufnahm, Lussier, war seinerzeit ein etablierter Sportfotograf in New England. Die mit dieser Aufnahme verbundene Geschichte, musste er im Laufe der Jahre schier unzählige Male erzählen, wie er selber im Nachgang zu diesem Ereignis immer wieder beteuerte.

Es war ein ungewöhnlich warmer Sonntag im Frühling des Jahres 1970. Im historischen Boston Garden hatte Johnny Bucyk mit seinem späten Treffer zum 3:3 in Spiel 4 des Stanley Cup Finales zwischen den Bruins und den Blues die Verlängerung erzwungen.

Damit erhielt Boston in der 'Sudden Death Overtime' die Gelegenheit, nachdem das Team in der Serie schon mit 3:0 Siegen führte, die große Chance den Stanley Cup vor den eigenen Fans zu erringen. Ein einziger Treffer trennte Boston zu diesem Zeitpunkt noch von dieser historischen Leistung.

Etliche Sportfotografen kauerten während des gesamten Spiels auf ihren Hockern vor den entsprechenden Gucklöchern in der Bande, hofften darauf einen gelungenen Schnappschuss vom Geschehen ergattern zu können. In allen vier Ecken des Spielfeldes steckte sie ihre Linsen in Richtung des Geschehens auf dem Eis.

Lussier hatte dabei zunächst in der östlichen Ecke gesessen und dort auf seine Chance gelauert. Als die Eismaschine das Eis für die anstehende Verlängerung vorbereitete, überlegte er sich, dass die Bruins wohl am besten von der West-Ecke aus zu fotografieren seien, sollte ihnen der entscheidende Siegtreffer in der folgenden Verlängerung gelingen. So wechselte er kurzentschlossen seine Position. Er profitierte dabei von der Tatsache, dass ein Kollege seinen Schemel dort in der Pause verlassen hatte.

"Ich beschloss mich zumindest so lange dort aufzuhalten bis der Kollege seinen Platz zurückfordern würde", erläuterte der Glückliche später. Denn in der Tat ging es dann sehr schnell. Nicht nur die 13.909 Zuschauer befanden sich noch nicht wieder alle auf ihren Plätzen, als Orr für die Entscheidung sorgte, sein Kollege hatte sich ebenfalls noch nicht wieder auf dem angestammten Platz eingefunden.

Ruck-zuck war die herausragende Szene für Lussier im Kasten. Der Siegtorschütze ging in der Pose eines fliegenden Supermann in die Eishockeygeschichtsbücher ein und mit ihm das berühmte Foto und sein Fotograf.

Pech für den Kollegen, der eigentlich auf diesem Hocker sein Glück hätte versuchen dürfen. Er tauchte erst unmittelbar danach mit einem Kaltgetränk in seiner Hand wieder in der West-Ecke des Spielfeldes auf. Doch da war es für das Foto des gefeierten Siegtorschützen bereits zu spät.

"Ich habe ihm schlicht gesagt, dass er seine Position jetzt wieder einnehmen könne, ich hätte alles was ich bräuchte", scherze der Glückspilz noch Jahre später über den vielleicht glücklichsten Foto-Moment seines Lebens.
Als Lussier in seiner Redaktion eintraf, gab er gegenüber seinem Chef direkt an, dass er sich sicher sei ein paar gelungene Aufnahmen vom Siegtorschützen im Kasten zu haben und begab sich umgehend in die Dunkelkammer, um den Film aus der Kamera zu entwickeln.

Rasch deuteten die Finger aller Verantwortlichen auf diese eine Aufnahme zur Veröffentlichung. "Das hier. Zieh es ab. Ganz groß", war der einhellige Tenor in der Runde.

"Ich hätte das Foto niemals bekommen, wenn der andere Fotograf nicht zu spät aus der Pause zurückgekommen wäre", war sich Lussier stets der glücklichen Umstände des Zustandekommens bewusst.

Als sich die Bruins im Juni 1990 auf Einladung von Orr zum 20-jährigen Jubiläum ihres Triumphs wieder zusammenfanden, da wurde auch Lussier dazu eingeladen. Er durfte mit Spielern und deren Familien gemeinsam an der Feierlichkeit teilnehmen. Zu sehr war dieser Titel inzwischen mit dem historischen Foto verknüpft, als das man hätte ihn dabei übergehen können.

Am Telefon fragte ihn Orr seinerzeit ob er ihm die Ehre erweisen würde ebenfalls zu kommen. Die Antwort war klar: "Ja, selbstverständlich."

Beim Treffen selber bestand Orr darauf, ein Foto mit Fotografen zu machen, das beide zwanzig Jahre nach diesem magischen Eishockeymoment gemeinsam zeigt.

Knapp ein Jahr später verstarb Lussier im Jahr 1991 im Alter von nur 59 Jahren. Doch sein historisches Foto hat ihn ein Stück weit unsterblich gemacht. Das Ergebnis seiner Arbeit in diesem einen Moment lässt die Augen unzähliger Eishockeyfans bis in die Gegenwart erstrahlen. Kann es eine schönere Hinterlassenschaft geben?

 

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Nicht nur wegen dieses Tores und Fotos hat sich Orr ebenfalls einen Platz in den Geschichtsbüchern des Eishockeys und speziell in jenen der Bruins gesichert. Innerhalb von vier Jahren, von 1966 bis 1970, entwickelte sich Boston von einem Punktelieferanten als Tabellenletzter zu einem Champion. Die Art wie Orr seine Position als Verteidiger interpretierte und auf dem Eis umsetzte, sollte das moderne Eishockey bis in die heutige Zeit hinein beeinflussen.

Orr war ein Verteidiger der punktete wie ein Topstürmer, der passen konnte und ein Auge für seine Mitspieler hatte wie ein Spielmacher und in der Defensive so kompakt stand und die Laufwege zumachte wie ein reiner Abwehrspezialist. Manch ein Kritiker war dazumal der Meinung, dass Orr ineffektiv verteidigt. Insgesamt acht Mal in Folge wurde Bobby Orr als bester Verteidiger der NHL ausgezeichnet. Eine Leistung die Bände spricht und beweist, dass das Foto von Lussier nur die Krönung des Rückblicks auf seine einzigartige Karriere ist.

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