NHL DE 1993

Die NHL-Saison 1992/93 liegt 30 Jahre zurück. NHL.com/de nimmt dies zum Anlass, in einer Serie an eine denkwürdige Spielzeit in der langen Ligageschichte zu erinnern.

In dieser Ausgabe: Die sportliche Geburtsstunde vieler Eishockeystars aus Europa
Heutzutage ist es ganz normal, dass Spieler aus dem DACH-Raum, wie Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers oder Roman Josi, Kapitän der Nashville Predators, zu den Aushängeschildern der NHL gehören. Das war nicht immer so. Einen Wendepunkt hin zu mehr Internationalität in der Liga bildete die Saison 1992/93. Zum einen erlebten namhafte Europäer, die bis heute als Eishockeylegenden bekannt sind, ihren großen Durchbruch, zum anderen war der NHL Draft 1992 die Geburtsstunde vieler zukünftiger Stars, die vor allem aus Osteuropa kamen.

FLA@NSH: Josi versenkt Puck im 2. Drittel

Die Entwicklung von einst beeindruckte auch Uwe Krupp, den heutigen Trainer des DEL-Klubs Kölner Haie, der seinerzeit in der NHL für die New York Islanders spielte. "Damals wurde deutlich, dass es in Europa gute Spieler gibt. Sie zeigten, dass sie in der NHL nicht nur bestehen konnten, sondern absolute Leistungsträger in ihren Teams waren", sagte er im Gespräch mit NHL.com/de. "Ich bin mir sicher, dass der europäische Einfluss der NHL gutgetan hat. Was wir heute in der besten Liga der Welt sehen, ist eine beeindruckende Mischung der Spielkulturen."
Etliche in Europa geborene und ausgebildete Spieler stellten 1992/93 neue Karrierehöchstwerte auf und sorgten überall für Aufsehen. Das Torjägerduell zwischen Alexander Mogilny (Buffalo Sabres) und Teemu Selanne (Winnipeg Jets), die am Ende der Hauptrunde beide 76 Treffer vorzuweisen hatten, faszinierte die Massen. Beide waren in jenem Jahr unglaublich: Mogilny, der talentierte russische Stürmer, und Selanne, der alle finnischen Ligen dominiert hatte, bevor er als NHL-Rookie vor 30 Jahren die Rekorde für Liganeulinge reihenweise übertraf.
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Pavel Bure, der bei den Vancouver Canucks seine erste von zwei Saisons in direkter Folge mit jeweils 60 Toren absolvierte, sorgte ebenfalls für Furore. Sergei Fedorov (87 Punkte), Jaromir Jagr (94) und Mats Sundin (114) erzielten in dieser Saison jeweils die beste Offensivausbeute im Schnitt pro Spiel in ihrer bisherigen Laufbahn.

jagr 1990

Das steigende Interesse an den europäischen Eishockeytalenten wurde zudem durch die Tatsache befeuert, dass Schweden in den Jahren 1992 und 1994 olympisches Gold gewann. Mit jedem Erfolg weckten die Ausnahmetalente aus Skandinavien mehr Begehrlichkeiten bei den NHL-Scouts.
Ein weiterer wichtiger Faktor in Bezug auf den sich ausbreitenden Einfluss europäischer Spieler war der NHL Draft 1992. Zwei Jahre zuvor war der Eiserne Vorhang gefallen. Davor war es für ein NHL-Team nahezu unmöglich, Spieler aus dem Ostblock aufzunehmen. Das änderte sich 1992 grundlegend.
Nach der Auflösung der Sowjetunion und der Tschechoslowakei wurde der NHL Draft in Montreal von osteuropäischen Talenten regelrecht überschwemmt. Die ersten Anzeichen einer Veränderung hatte es bereits beim NHL Draft 1991 gegeben, als der General Manager der New York Rangers, Neil Smith, mit der Wahl des Russen Alex Kovalev an Nummer 15 für Aufsehen sorgte. Es war ein kalkulierter Schachzug von Smith, der sich seit seiner Zeit im Front Office der Detroit Red Wings stets intensiv um diesen Spieler bemüht hatte.
"Wir waren der Zeit damit ein wenig voraus", betonte Smith gegenüber NHL.com. Die Verpflichtung von Kovalev war nicht der einzige Coup von Smith hinsichtlich eines osteuropäischen Spielers. 1989 war es ihm bereits gelungen, Sergei Fedorov nach Detroit zu lotsen. "Ich habe schon Leute geholt, bevor der Eiserne Vorhang gefallen ist. Ich habe aber zugleich geahnt, dass früher oder später die Grenzen aufgehen würden", so Smith.

Russian Five Column

Als das große Transferhindernis innerhalb kürzester Zeit verschwand, waren die Auswirkungen enorm. Die beiden jüngsten Teams der Liga, die Tampa Bay Lightning und die Ottawa Senators, sicherten sich beim NHL Draft 1992 an Position eins und zwei die Dienste des tschechischen Verteidigers Roman Hamrlik bzw. des russischen Centers Alexei Yashin. Von da an ging es Schlag auf Schlag.
"Jeder hat gemerkt, dass wir solche Spieler früher und einfacher als in der Vergangenheit holen können, selbst wenn es ab und zu noch Fragezeichen hinter der Ausarbeitung von Vereinbarungen mit ihren vorherigen Teams gab", sagte Jack Ferreira, seinerzeit General Manager der San Jose Sharks.
Allein in der ersten Runde des NHL Drafts 1992 stammten elf der ersten 21 Spieler aus der Tschechoslowakei oder Russland. Neun weitere Osteuropäer fanden in der zweiten Runde einen Klub. Am Ende wurden 41 Russen und 20 Tschechoslowaken gedrafted. Hinzu kamen fünf Spieler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Lettland, Belarus und der Ukraine. Unter diesen waren Akteure, wie Darius Kasparaitis, Sergei Gonchar oder Martin Straka.
Diese Tendenz gefiel nicht jedem. "Nach zwei Dritteln der ersten Runde buhten die Fans vor Ort im Montreal Forum, weil so viele Europäer und Russen genommen wurden", rief der damalige GM der Winnipeg Jets, Mike Smith, in Erinnerung. "Doch das war ein Draft, bei dem jeder gerne europäische Spieler auswählte, weil man gemerkt hatte, dass sie hier eine gute Rolle spielen können."

Paul DiPietro 1990

Die Internationalisierung nahm in den Folgejahren weiter Fahrt auf. Davon profitierten zunehmend auch Akteure aus der Schweiz, Deutschland und Österreich. Waren es vor 30 Jahren laut Quanthockey.com mit dem Schweizer Paul DiPietro (Montreal Canadiens), den Deutschen Krupp (Islanders) und Olaf Kölzig (Washington Capitals) sowie dem Österreicher Dominic Lavoie (Senators und Boston Bruins) gerade mal vier Spieler aus dem DACH-Raum, umfasste deren Riege in der Saison 2021/22 stolze 23 Akteure (13 Schweizer, acht Deutsche und zwei Österreicher). Darunter befanden sich zahlreiche Stamm- und Führungsspieler.
Auch das war vor 30 Jahren noch anders. 1992/93 kam Kölzig nur auf einen Einsatz in der regulären Saison. Bei Lavoie waren es vier. DiPietro lief immerhin 29-mal für den späteren Stanley Cup Champion aus Montreal auf. Lediglich Krupp gehörte mit 80 Einsätzen zum Stammpersonal der Islanders.