SPORT1_Rick_Goldmann

NHL.com/de blickt in seiner Serie "International Ice" jeden Samstag auf das Geschehen außerhalb Nordamerikas und berichtet über Themen oder Spieler aus den europäischen Ligen.

In dieser Ausgabe: Der TV-Experte Rick Goldmann begegnet seiner Vergangenheit bei den Ottawa Senators.
Als Rick Goldmann am vergangenen Mittwoch die NHL-Partie zwischen den Ottawa Senators und den Calgary Flames als TV-Experte bei Sport1 begleitete, war es ein Stück weit die Begegnung mit seiner eigenen Vergangenheit. 1999 bestritt der gebürtige Dingolfinger selbst ein Match im Trikot der Senators, die ihn zweieinhalb Jahre zuvor beim NHL Draft 1996 in der achten Runde an 212. Stelle gezogen hatten.
Weil das Internet und die Mobiltelefonie damals noch in den Kinderschuhen steckten, dauerte es allerdings, bis der Auserkorene die freudige Kunde erreichte. "Das lief alles ganz anders ab als heutzutage im digitalen Zeitalter. Ich wusste zunächst überhaupt nicht, dass ich gedrafted worden bin. Am nächsten Tag rief mich der damalige Bundestrainer George Kingston an. Ich dachte noch: Was wird der wohl jetzt im Sommer von mir wollen? Er überbrachte mir dann die Nachricht, dass mich die Ottawa Senators gezogen hatten und gratulierte mir", erzählte Goldmann im Gespräch mit NHL.com/de.
Nach drei Jahren in der DEL, wo er für die Adler Mannheim und die Kaufbeurer Adler aktiv war, wagte Goldmann zur Saison 1997/98 den Sprung nach Nordamerika. Nicht nur aus sportlicher Sicht sei es ein wichtiger Schritt in seinem Leben gewesen, sagte er rückblickend. "Ich bin dort als Person unheimlich gereift. Das lag daran, dass ich mit Anfang 20 weitgehend auf mich allein gestellt war. Das Auto anmelden, eine Wohnung finden und einrichten, um all diese Dinge musste ich mich selbst kümmern. Das hat mir für später sehr viel geholfen."
Zunächst kam Goldmann ausschließlich in den Klassen unterhalb der NHL zum Einsatz. Nach zwei Spielzeiten in den Minor Leagues erhielt der Verteidiger endlich die erhoffte Bewährungschance in der NHL. Die Senators beriefen ihn ins Aufgebot für das Heimspiel am 11. November 1999 gegen die Nashville Predators.

SPORT1_#HeimWM_Schwele_Goldmann

Die Vorfreude war groß bei Goldmann. Gleichzeitig stieg die Nervosität. "Ich war unheimlich aufgeregt. Das ging schon weit vor dem Spiel los. Am Flughafen habe ich meine Schläger auf dem Gepäckband vergessen. Zum Glück hatten die Senators gute Verbindungen, so dass ich sie noch rechtzeitig bekommen habe. Als ich zum Aufwärmen raus bin, habe ich gemerkt, dass ich wieder keinen Stock in der Hand hielt. Das Spiel selbst lief ganz gut für mich. Bis zur 52. Minute. Dann waren mehrere Bänder durch und meine NHL-Karriere vorbei", erinnerte er sich an jenen besonderen Tag und Einsatz, der nach 14 Shifts und 9:44 Minuten Eiszeit ein folgenschweres Ende nahm. Dass Ottawa die Begegnung mit 1:2 verlor, war bei all dem komplett Nebensache.
Zur Saison 2000/01 kehrte Goldmann für weitere sieben Spielzeiten in die DEL zurück. Dabei war er für die Moskitos Essen, den ERC Ingolstadt und die Iserlohn Roosters am Puck. 2007/08 ließ er seine aktive Laufbahn in der Zweiten Bundesliga beim EHC München ausklingen.
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Dem Eishockey blieb er jedoch auch nach seiner Profizeit treu. Seit 2008 ist er regelmäßig als Experte und Kommentator im Fernsehen im Einsatz. Bei den Fans genießt der inzwischen 44-Jährige in dieser Rolle längst Kultstatus.
Mit besonderem Interesse verfolgt Goldmann die Auftritte von Tim Stutzle bei den Senators. Was er zu sehen bekommt, begeistert ihn. "Er hat einen unbändigen Willen, eine große mentale Stärke und ist geil auf den Wettbewerb. Er will sich messen. Dazu besitzt er noch ein unglaubliches Offensivverständnis mit den entsprechenden technischen Fähigkeiten. Von seiner Qualität her bringt Tim alle Voraussetzungen mit, zu einem absoluten Topspieler in der NHL zu reifen, wenn er so weitermacht und von Verletzungen verschont bleibt", lautet das Urteil des Fachmanns über den NHL-Rookie.
Ottawa ist nach Ansicht von Goldmann ein ideales Pflaster für Stützle. "Die Senators haben eine sehr junge Mannschaft und befinden sich im Umbruch. Die Youngsters kriegen daher bewusst viel Eiszeit. Tim hat diese Situation genutzt und sich gleich etabliert. Er bekommt enorm viel Vertrauen und kann sich dadurch bestens entwickeln."

OTT@EDM: Stützles Schuss verkürzt auf 2:3 im 2.

Generell freut sich der TV-Experte über die positiven Eindrücke, die die Akteure aus Deutschland in der jüngsten Vergangenheit in den USA und Kanada hinterlassen haben. "Bei den Trainern in Nordamerika ist durch Leon Draisaitl, Tim Stützle, Philipp Grubauer oder Moritz Seider die Aufmerksamkeit für deutsche Spieler noch größer geworden", meinte Goldmann. Obwohl sich die Nachwuchsarbeit im deutschen Eishockey enorm verbessert habe, dürfe man jetzt aber nicht davon ausgehen, dass jedes Jahr automatisch zwei NHL-Spieler hinzukämen. Draisaitl, Stützle und auch Seider seien absolute Ausnahmetalente.
In Seider, der derzeit von den Detroit Red Wings an das schwedische Spitzenteam Rögle BK ausgeliehen ist, sieht Goldmann den nächsten deutschen NHL-Star. "Er wird nächste Saison für Furore sorgen in der NHL, das ist für mich hundertprozentig klar. Das Eishockey, das er letztes Jahr in der AHL in Grand Rapids gezeigt hat, war schon gut. Dieses Jahr hat er sein Level in Schweden noch einmal gesteigert, gerade was den harten Körpereinsatz, seine Übersicht und sein Offensivspiel betrifft. Das ist alles auf so hohem Niveau, dass er Top-4-Verteidiger bei den Red Wings sein kann", sagte er.
Der nächste Höhepunkt in seiner Tätigkeit als TV-Experte wartet in knapp zwei Monaten auf Goldmann. Vom 21. Mai bis 6. Juni wird er für Sport1 bei der IIHF-Weltmeisterschaft 2021 in Riga/Lettland am Mikrofon sein und gespannt mitverfolgen, wie sich die Nationalmannschaft schlägt und welcher Spieler aus der deutschen NHL-Riege auflaufen kann.
Gerade mit den Weltmeisterschaften verbinde er ganz besondere Erlebnisse, berichtete Goldmann. "Zu den absoluten Highlights zählten natürlich die Einsätze bei den Eishockey-Heim-Weltmeisterschaften 2010 und 2017. Das Halbfinalspiel der deutschen Mannschaft 2010 und die komplette Stimmung 2017 waren grandios. Aber auch 2013 und 2018, als die Schweiz im Endspiel stand und am Ende jeweils Zweiter wurde, waren bemerkenswert. Die Rivalität, die sonst zwischen Deutschland und der Schweiz im Eishockey herrscht, hatte ich vollkommen ausgeblendet. Ich habe voll mit den Schweizern mitgefiebert. Das waren richtige Gänsehautmomente."