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Eingraviert sind die Vegas Golden Knights auf dem Stanley Cup zwar noch nicht, doch ließen sie in den letzten Tagen keine Möglichkeit aus, den Heiligen Gral des Eishockeys zu küssen, umarmen und in die Luft zu stemmen. Historisch ist der schnelle Erfolg der zweitjüngsten NHL-Franchise schon jetzt. Erste Vergleiche mit vergangenen Champions sind schnell gezogen.

Der Schmerz als Grundlage für den Erfolg

Was die Meisterschaft der Golden Knights so besonders macht? Vegas schaffte es bereits in der sechsten Saison ihres Bestehens, den Stanley Cup zu gewinnen. Eigner Bill Foley hielt damit sein Versprechen. Zur Erinnerung: Im Jahr 2017 hatte er vor dem NHL-Debüt prophezeit, in sechs Jahren den Titel zu gewinnen. Die Golden Knights kamen also sehr schnell zum ultimativen Erfolg - andere Klubs brauchten wesentlich länger oder warten bis heute.

Der Stanley Cup Sieg 2023 hatte sich angedeutet: Vegas qualifizierte sich in fünf von sechs Saisons für die Stanley Cup Playoffs, drang zuvor bereits einmal ins Stanley Cup Finale vor und erreichte zusätzlich zweimal das Western Conference Finale. Diese unbezahlbare Playoff-Erfahrung sollte sich nun auszahlen: Das Team war speziell infolge des schmerzhaften Ausscheidens nach der regulären Saison 2021/22 nun bereit, den ganz großen Wurf zu schaffen.

FLA@VGK, Sp5: Die Mannschaft feiert mit dem Cup

"It hurts to win": Schmerzhafte Erfahrungen als Entwicklungsschritt

Genau das erinnert an die Meisterschaft der Colorado Avalanche im Jahr zuvor: Auch die Avalanche musste 2016/17 einen herben Rückschlag hinnehmen und war das schlechteste Team der gesamten NHL. Es folgten vier Jahre Playoffs in Folge, in denen Colorado wichtige Erfahrungen sammelte. Im fünften Jahr war es dann soweit: Die Avalanche kam ins Rollen und war nicht mehr aufzuhalten - auch nicht vom so erfahrenen Tampa Bay Lightning, der zuvor zwei Titel in Folge geholt hatte.

Womit wir gleich beim nächsten schmerzhaften Beispiel wären, denn auch Tampa musste zunächst das Tal der Tränen durchschreiten, bevor sie in den süßen Genuss des Triumphs kamen: 2018 erreichte der Lightning das Eastern Conference Finale, in der regulären Saison 2018/19 gewannen sie die Presidents' Trophy als bestes Team der Hauptrunde und galten als ultimativer Favorit.

Doch es kam alles anders: In der 1. Runde wurde das Team aus West-Florida vom krachenden Außenseiter Columbus Blue Jackets sogar gesweept. Diese Demütigung aber gab den entscheidenden Push: Ausgerechnet in den Covid-Jahren 2020 und 2021 kürte sich der Lightning gleich zweimal hintereinander zum Stanley Cup Champion.

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Somit dienen gleich die letzten vier Meisterschaften als Musterbeispiel dafür, dass negative Erfahrungen etwas Positives für die Zukunft sein können. Ob das auch eine Rolle für das Motto der Golden Knights bei ihrem Stanley-Cup-Run gespielt hat? Vegas hatte sich "It hurts to win", also "Es tut weh, zu gewinnen" auf die T-Shirts gedruckt. Sicherlich auch ein Ausdruck für die notwendige Bereitschaft, Schüsse zu blocken, Checks zu setzen und zu kassieren und hart zu arbeiten. Vielleicht aber war auch eine psychologische Seite des Schmerzes gemeint.

Kurioserweise tauchte seit 14 Jahren kein Stanley Cup Champion mehr unter den Top-3-Teams mit den meisten Blocks auf (Durchschnittswerte). Zuletzt waren das die Pittsburgh Penguins im Jahr 2009. Daran nahmen sich die Golden Knights jetzt wohl ein Beispiel, denn 2023 blockte kein anderes Playoff-Team mehr Schüsse als Vegas (19,94 Blocks/ 60 Minuten).

Offensive oder Defensive: Was gewinnt Titel?

Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Meisterschaften, heißt es in einem viel zitierten Spruch. Demnach müsste auch eine sattelfeste Abwehr das Rückgrat eines Championship-Teams bilden. Vegas hatte mit durchschnittlich 2,59 Gegentoren pro Spiel die viertbeste Defensive unter allen Playoff-Teams. Ein Muster, das sich auch bei den letzten vier Titeln bestätigte: Tampa Bay hatte 2020 die drittbeste (2,28 Gegentore/Spiel) und 2021 die beste (1,96 Gegentore/Spiel) und Colorado 2022 die drittbeste Defensive (2,75 Gegentore/Spiel).

Die Golden Knights glänzten allerdings insbesondere mit ihrer Offensive, die für unglaubliche 4,0 Tore/Spiel in den Playoffs sorgte (1.). Eine weitere Gemeinsamkeit mit der Avalanche im Jahr zuvor, die mit 4,25 Toren/Spiel ebenfalls die Top-Offensive stellte. Bei den drei Titeln zwischen 2019 und 2021 dagegen tauchte die Offensive der Champions nicht unter den Top 3 auf - dafür stellten die Washington Capitals mit 3,58 Toren/Spiel wieder den Top-Wert. 2017 (3,06 Tore/Spiel, 1.) und 2016 (3,04 Tore/Spiel, 2.) waren die Pittsburgh Penguins mit ihrem Sturm überaus erfolgreich. Es braucht am Ende also doch beides: Defensive und Offensive.

Why PIT will win Cup

Die Magie des Champions

Champions und deren Schlüssel zum Erfolg sind also gar nicht so leicht miteinander zu vergleichen. Die St. Louis Blues waren 2019 eine körperliche Dampfwalze, die ihre Gegner zermürbten, die Colorado Avalanche war 2022 zu schnell für seine Gegner, die Los Angeles Kings wurden 2014 von ihrem Zwei-Wege-Center Anze Kopitar getragen, während die Dallas Stars im Jahr 1999 keinen einzigen Spieler unter den Top-10-Scorern in der regulären Saison hatten.

Es ist und bleibt also eine gewisse Magie auf dem Weg zum Stanley Cup Sieg. Alles muss passen. Es braucht eine perfekte Saison. Diese haben die Vegas Golden Knights gespielt: Sie hatten Tiefe, Superstar-Power, Geschwindigkeit, Physis und eben die Bereitschaft, Schmerzen für den Erfolg in Kauf zu nehmen.