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Im Rahmen der Serie „Im Gespräch mit …“ wird NHL.com/de während der Saison 2023/24 exklusive Interviews mit ehemaligen NHL-Spielern aus dem DACH-Raum führen.

In der heutigen Ausgabe: Korbinian Holzer (aktuell Adler Mannheim; in der NHL aktiv von 2010 bis 2020)

Servus Korbinian! Die Adler Mannheim zählen alljährlich zu den Top-Favoriten für die DEL-Meisterschaft, stehen derzeit allerdings in ganz anderen Tabellenregionen. Wie konnte das passieren?
Es ist schwer, eine Sache herauszupicken, an der es liegt. Wir hatten einen guten Start in der Liga und in der Champions Hockey League, dann haben uns aber extrem viele Verletzungen hart getroffen und aus dem Tritt gebracht. Wir konnten das hohe Niveau nicht halten. In den letzten Wochen und Monaten treten wir gefühlt auf der Stelle. Ich möchte aber auch nicht alles schlechtreden: In der zweiten Saisonhälfte haben wir mit die meisten Punkte geholt. Die Saison geht jetzt in den Endspurt. Wir wissen, was die Stunde geschlagen hat. Wir wollen noch in die Top 6 rutschen und Schwung holen für die Playoffs.

Unter der Saison gab es einen Trainerwechsel, mit Dallas Eakins hat ein langjähriger NHL-Coach übernommen. Spürt man seine NHL-Vergangenheit in der Kabine?
Klar, man merkt bei Dallas, dass er aus der NHL kommt und lange dort gearbeitet hat. Alleine seine Professionalität, seine Analysen und wie er das Spiel sieht. Er ist ein Trainer auf NHL-Niveau. Es macht viel Spaß mit ihm.

Dallas Eakins 4.12

Die längste Zeit in deiner Karriere hast du in Nordamerika verbracht. Egal wo du gespielt hast, du warst immer für harte Hits bekannt. Inwiefern musstest du dein Spiel an die DEL anpassen?
Ich musste mich schon an verschiedene Sachen anpassen. In der einen oder anderen Situation agieren die Spieler in der DEL anders, sind vielleicht auch körperlich nicht so stabil. Auf dem großen Eis kommst du nicht mehr so leicht zu Checks wie in der NHL, denn die Wege sind jetzt länger und die Spieler haben mehr Zeit, die Scheibe zu spielen. Wenn sich eine Möglichkeit ergibt, dann fahre ich immer noch harte Checks, das macht Eishockey doch aus. Natürlich musste ich mich hier ein bisschen umstellen, in den Zweikämpfen vorsichtiger sein und darf manche Situationen nicht zu aggressiv angehen.

Es fällt auf, dass du auf dem Eis viel sprichst. War das schon zu AHL- und NHL-Zeiten so?
Ich finde es wichtig, auf dem Eis und während des Spiels viel zu reden. Ich spreche nach jedem Wechsel mit meinem Verteidiger-Partner über die Situationen, die gerade passiert sind. Es hilft enorm, diese Sachen schnell abzuarbeiten und im Moment zu bleiben. Auch im Spiel ist es wichtig, viel zu reden, denn damit haben deine Mitspieler sozusagen zusätzliche Augen und bekommen mit, was um sie herum passiert und welche zusätzlichen Optionen sie haben. Das musste ich erst lernen. Als junger Spieler bist du in dieser Hinsicht schüchterner. Viele Leute sagen, dass es leicht ist, zu reden, aber auch, dass das eine Fähigkeit ist, die du dir erst erarbeiten musst. Klar machst du auch mal einen falschen Call, trotzdem ist es wichtig, diese Hemmschwelle zu überwinden. Ich finde, es ist extrem wichtig, auf dem Eis zu reden, um dir und den anderen zu helfen.

Du hast die NHL im Sommer 2020, also vor dreieinhalb Jahren, verlassen. Was vermisst du am meisten?
Es ist die beste Liga der Welt! Alleine das Niveau in der Liga – etwas Besseres gibt es nicht. Es hat mir unglaublich viel Spaß gemacht, aufs Eis zu gehen. Als ich als Kind auf der Straße mit Tennisbällen gespielt habe, oder später auch auf der Playstation, da habe ich davon geträumt, in der NHL zu spielen. Diesen Traum durfte ich zum Glück lange leben. Der Lifestyle ist super, die siehst viele Städte und Stadien, die du sonst wohl niemals sehen würdest. Auch die Erlebnisse in den Stanley Cup Playoffs waren besonders. Es war ein Privileg, das alles erleben zu dürfen. Ich vermisse das auch. Ich durfte es zehn Jahre mitmachen und bin dankbar für jede einzelne Sekunde.

Deine bisherige Karriere hat dich unter anderem an Orte wie Toronto, Anaheim, San Diego und Nashville geführt. Wo hat es dir am besten gefallen und warum?
Ich glaube, dass alle Orte ihre Vorzüge hatten. Toronto war dadurch, dass es meine erste Station war und sie mich gedraftet hatten, etwas ganz Besonderes. Meine Tochter ist dort geboren, ich habe viele neue Freunde kennengelernt und werde somit immer eine spezielle Verbindung haben. Die Maple Leafs sind eine unfassbare Organisation mit einem brutalen Flair. San Diego war für mich die schönste Stadt in Kalifornien. Es war ein Erlebnis und eine tolle Erfahrung. Genauso wie in Anaheim war der Lifestyle unglaublich, du konntest jeden Tag mit Flip-Flops ins Training gehen. Auch an Weihnachten war es warm, was gewöhnungsbedürftig ist, wenn du selbst aus Bayern kommst (lacht). In Nashville war ich leider nur sehr kurz, dann kam die Coronavirus-Pandemie. Es ist ein spezieller Ort, der von Country-Musik geprägt ist, was für eine unglaublich coole Atmosphäre in der Stadt und im Stadion sorgt. Es war eine tolle Stimmung und hat auch dort extrem viel Spaß gemacht.

Du hast 206 NHL-Spiele bestritten. An welches erinnerst du dich am liebsten?
An das Allererste: Es ist etwas ganz Besonderes, wenn du ein NHL-Trikot anziehen darfst. Damals war es sogar ein „Hockey Hall of Fame“-Spiel mit Spielern und Funktionären, die geehrt wurden. Ich habe das Trikot, das ich damals getragen habe, zu Hause in einem Rahmen hängen. Von der NHL habe ich auch den Spielberichtsbogen gerahmt bekommen. Das sind Sachen, die man nie wieder vergisst. Was auch hängen geblieben ist, ist mein erstes Tor im Spiel gegen die Washington Capitals. Den Puck habe ich auch gerahmt zu Hause. Hinzu kommt noch mein erstes Playoff-Spiel. Das sind so meine Top-3-Momente.

Du warst nie ein Scorer (6 Tore, 21 Assists, 27 Scorerpunkte), sondern ein zuverlässiger Stay-at-Home-Verteidiger. Muss man als ein solcher Spielertyp jeden Tag härter arbeiten als andere, um seinen Kaderplatz zu verteidigen?
Härter arbeiten glaube ich nicht. Es gilt für alle, dass du dich mit Konstanz, Einsatz und harter Arbeit zeigen musst. In meiner Rolle, ich war nicht immer Stammspieler, hatte ich natürlich den Anspruch, dass jeder Tag mein bester Tag ist. Wenn es nicht läuft, dann wusste ich, dass ich auch schnell austauschbar bin. Es gibt viele Leute, die auf deinen Platz warten, du musst also deine Leistung bringen und die Dinge kontrollieren, die du kontrollieren kannst, um deinen Platz so lange wie möglich zu verteidigen.

In der NHL wird großen Wert auf Krafttraining gelegt. Wird in Deutschland anders trainiert als in Nordamerika?
Ich glaube, das hat sich in den letzten Jahren ein bisschen gewandelt und sich dem Training in Nordamerika angepasst. Früher im Nachwuchs gab es noch viele Langstreckenläufe und Langhanteltraining. Mittlerweile hat es sich in Deutschland so entwickelt, dass es auch hier mehr funktionelles Krafttraining gibt. Es ist nicht mehr so stupide wie früher und viel individueller auf die einzelnen Spieler zugeschnitten, auch, um Verletzungen vorzubeugen.

Verfolgst du die NHL auch heute noch? Wem drückst du die Daumen?
Ich schaue schon immer wieder rein, ja. Wir haben hier bei den Adlern die Möglichkeit, in der Kabine Highlights anzuschauen. Ich verfolge die Deutschen ein bisschen mehr: Leon, Mo und Timmy (Leon Draisaitl, Moritz Seider und Tim Stützle) stehen als ehemalige Mannheimer hier natürlich im Fokus, das ist klar. Ich selbst habe kein spezielles NHL-Team, sondern schaue auf meine Ex-Klubs, welche Entwicklung sie nehmen und wie sich die Spieler schlagen, mit denen ich selbst noch zusammengespielt habe. Das ist schon cool zu sehen und zu verfolgen und macht mir viel Spaß. Wenn ich mal die Chance habe, ein Spiel live zu sehen, dann bleibe ich auch mal nachts wach.

NSH@OTT: Stutzle trifft gegen Juuse Saros

Wie siehst du die neuen deutschen Superstars in der NHL?
Ich muss sagen, dass sich Edmonton extrem gut gefangen hat. Leon ist Leon, er spielt eine sehr gute Saison. Vielleicht hat er sich bezüglich seiner persönlichen Statistiken etwas zurückgenommen, dafür sind die Oilers jetzt als Mannschaft erfolgreicher. Wenn sich die Last auf mehrere Schultern verteilt, dann hilft das. Leon ist immer noch ein Unterschiedsspieler und bildet zusammen mit Connor McDavid das wohl beste Eishockey-Duo der Welt. Ottawa ist leider ein wenig hinter den Erwartungen. Mo spielt sein Ding runter, es ist der Wahnsinn, was für eine Rolle er in Detroit spielt, das mit Patrick Kane noch im Rennen um die Playoffs ist. Grubi (Philipp Grubauer) kann hoffentlich bald wieder spielen und ist dann auch ein Top-Torhüter. JJ (JJ Peterka) punktet in Buffalo konstant gut, es macht auch Spaß, ihn zu verfolgen. Ich hoffe, dass bald mal wieder ein Deutscher den Stanley Cup gewinnt.

Die besten Momente von All-Star Leon Draisaitl

Du spielst deine dritte Saison in Mannheim, am Saisonende läuft dein Vertrag aus. Wie sehen deine Pläne aus? Es gäbe da ein paar charmante Szenarios, etwa eine Rückkehr zur DEG oder ein Wechsel in deine Geburtsstadt München...
Ich bin in einem Alter (er wird am 16. Februar 36 Jahre alt, Anm.d.Red.), in dem ich relativ entspannt an diese Sache herangehe. Mir geht es erstmal darum, dass wir mit den Adlern das Schiff wieder in ruhigeres Fahrwasser bekommen, denn wir wollen noch eine gute Runde spielen. Mit einem Auge schaut man klar auch in die Zukunft. Ich bin ein Verfechter von der Einstellung, dass man seine Leistung bringt, dann ergibt sich der Rest von selbst. Es gibt diverse Möglichkeiten. Ich muss sehen, wie lange ich noch spielen kann. Auch meine Familie spielt bei der Entscheidungsfindung eine Rolle. Düsseldorf wäre charmant, weil ich meine Karriere dort gestartet habe. Vielleicht zieht es mich auch in die Heimat. Oder ich bleibe in Mannheim. Ich lasse mich überraschen.