vancouver-2-040323

In den Katakomben der Rogers Arena zierten schwarze Vorhänge das Bild vor der Gästekabine, in der die Los Angeles Kings am Sonntag einen 4:1-Sieg feierten. Eine Szene, die ins Bild passte, denn auch die Vancouver Canucks waren über weite Strecken der Saison eine Baustelle. Zum dritten Mal in Folge hat das Team aus British Columbia die Stanley Cup Playoffs verpasst. NHL.com/de erklärt, warum.

Trainerabgang mit kuriosen Szenen
In den letzten acht Jahren schaffte es Vancouver nur einmal in die Playoffs (Saison 2019/20). Entsprechend angespannt war die Stimmung in der laufenden Saison, die bereits denkbar schlecht begann: Die Canucks starteten mit sieben Niederlagen (0-5-2, 18:30 Tore) in die Spielzeit 2022/23 und konnten auch in der Folge nur vier der ersten 16 Partien gewinnen (4-9-3).
Nach einem frustrierenden Start ins Kalenderjahr 2023, Vancouver hatte vom 1. bis 21. Januar nur vier von 20 möglichen Punkten geholt (2-8-0), zogen die Canucks die Reißleine und trennten sich von dem bei den Fans so beliebten Trainer Bruce Boudreau. So kam es zu einer kuriosen Szene: Boudreau, dessen Trennung bereits vor seinem letzten Spiel gegen die Edmonton Oilers (2:4) feststand, wurde in der Rogers Arena mit lauten Sprechchören ("Bruce There It Is") lautstark gefeiert. Beim 68-Jährigen kullerten daraufhin die Tränen.
Als neuen Coach präsentierten die Canucks Rick Tocchet (58), der zuvor vier Jahre lang die Arizona Coyotes (2017-2021) trainiert hatte. Er brachte mehr Stabilität in eine verunsicherte Mannschaft und stabilisierte insbesondere die Defensive.
Das schlug sich in den Statistiken nieder: In den 46 Spielen unter Boudreau rangierte Vancouver auf Rang 27, hatte eine 18-25-3-Bilanz und verbuchte 42,4 Prozent der möglichen Punkte mit 3,28 Toren/Spiel, 3,96 Gegentoren/Spiel, 23,6 Prozent Erfolgsquote im Powerplay sowie 65,9 Prozent im Penalty-Killing.
Nach dem Trainerwechsel stand Tocchet bis dato in 30 Spielen in der Verantwortung. Seine Bilanz beträgt 16-10-4. Er holte also 58,1 Prozent der Punkte mit dem Team, was in diesem Zeitraum Rang 17 bedeutet hätte. Zwar hatten die Canucks unter Tocchet ein schlechteres Powerplay (21,1 Prozent), zeigten sich dafür aber teils stark verbessert bei geschossenen (3,47) und kassierten Toren (3,27) sowie im zuvor desolaten Unterzahlspiel (77,4 Prozent).

LAK 4, VAN 1

Probleme in der Defensive
Auf die gesamte Saison gesehen, stimmte die Leistung insbesondere in der eigenen Pacific Division (14-7-1). Dafür war die Bilanz gegen Teams aus der Eastern Conference (10-20-2; Atlantic Division: 5-11-0; Metropolitan Division: 5-9-2) sehr schwach.
Offensiv-Werte wie 3,36 Tore pro Spiel (11.) oder 22,6 Prozent in Überzahl (10.) waren durchaus solide. Der Schuh drückte eher hinten, denn 3,68 Gegentore/Spiel bedeuten die vierschlechteste Defensive in der NHL sowie 70,7 Prozent Penalty-Killing das schlechteste Unterzahlspiel der Liga.
Das hing wiederum mit viel Verletzungspech in der Abwehr zusammen: Oliver Ekman Larson konnte nur 54, Luke Schenn lediglich 55 und Ethan Bear bloß 55 Spiele absolvieren. Schwerwiegend war ferner die lange Ausfallzeit von Stammtorwart Thatcher Demko, der verletzungsbedingt ganze29-mal zwischen den Pfosten stehen konnte.
Wirklich nachhaltig überzeugen konnte keiner der vier Torhüter: Demko (29 Starts, 89,4 Prozent Fangquote), Collin Delia (15 Starts, 88,3 Prozent), Spencer Martin (27 Starts, 87,1 Prozent) und Arturs Silovs (5 Starts, 90,8 Prozent) waren keine Unterschiedsspieler.
Im Sturm blieben Akteure wie Brock Boeser (17-36-53) und Conor Garland (14-27-41), um die sich immer wieder Trade-Gerüchte rankten, hinter den Erwartungen zurück. Es fehlte auch an Secondary Scoring aus der Tiefe, um ernsthaft um einen Playoff-Platz mitspielen zu können. Umso schmerzhafter war der lange Ausfall von Stürmer Tanner Pearson (nur 14 Spiele).

CGY 5, VAN 4 - F/OT

Aufwärtstrend macht Hoffnung
Hoffnung macht Vancouver, dass der Trend unter Tocchet klar nach oben zeigt. Selbst der Abgang des Franchise-Spielers und Kapitäns Bo Horvat (jetzt New York Islanders) machte den Canucks überraschend wenig aus (14-9-4 seit dem Wechsel). Der im Austausch akquirierte Stürmer Anthony Beauvillier (27 Spiele, 8-10-18) deutete sein Potenzial bereits an. Mit dem vor der NHL Trade Deadline verpflichteten Filip Hronek (vier Spiele, 0-1-1) konnte zudem ein hochinteressanter Zwei-Wege-Verteidiger gewonnen werden, der an Vancouvers blauer Linie eine Führungsrolle übernehmen dürfte.
Durch Transfers erhielten die Canucks mit Aatu Raty (20) und Vitali Kravtsov (23) zwei talentierte Angreifer, die den jungen Kern um Schlüsselspieler wie Offensivverteidiger Jack Hughes (23) und Nummer-1-Center Elias Pettersson (24) verstärken. Wertvolle NHL-Erfahrung konnten in dieser Saison auch Vasili Podkolzin (21), Nils Aman (23), Aidan McDonough (23), Jack Rathbone (23) oder Akito Hirose (23) sammeln.
Vancouver wird über den Sommer weiterhin einer Baustelle gleichen, denn es gilt an vielen Stellschrauben zu drehen. Ob wieder mehr Ruhe bei den Canucks einkehrt, wird vor allem daran liegen, ob Tocchet die Defensive aufpolieren kann.

vancouver-040323