Lukas Reichel sieht sich in einem Lernprozess

Wer die Statistiken der Rockford IceHogs in der AHL studiert, dann fällt einem deutschen Eishockeyfan sofort ein Name ins Auge. Lukas Reichel führt mit sieben Treffern aus 15 Spielen die Torschützenliste des Teams an. Hinzukommen fünf Assists zu stolzen zwölf Punkten. Rein die Zahlen betrachtet gibt es Nachholbedarf bei der Plus-Minus-Statistik, wo eine minus sieben zu Buche steht.

Der in Nürnberg geborene und bei den StarBulls Rosenheim und Eisbären Berlin groß gewordene 19-jährige Stürmer wollte in seinem ersten Jahr in Nordamerika gleich den Sprung in den Kader der Chicago Blackhawks schaffen, nachdem diese ihn im NHL Draft 2020 an insgesamt 17. Stelle in der ersten Runde drafteten. Doch beim letzten Cut im Trainingscamp Anfang Oktober erwischte es ihm.
"Ich war eigentlich nicht enttäuscht", bekennt Reichel im exklusiven Interview mit NHL.com/de am vergangenen Wochenende. "Klar war es mein Ziel im Trainingscamp das NHL-Team zu schaffen. Sie haben mit mir geredet und gesagt, dass sie mit mir nicht rushen wollen, wie sie es zuvor mit anderen Draft Picks getan haben. Manchmal ist das besser. Vom Körperlichen bin ich vielleicht auch noch nicht so weit, aber daran arbeite ich. Ich nehme das Ganze als Motivation."
Reichel ging die Sache im Farmteam der AHL zurecht durchaus selbstbewusst an, denn er weiß, was er leisten kann. Trotzdem hatte er nach seinen Jahren in Deutschland ein paar Anpassungsschwierigkeiten.

Lukas Reichels beste Szenen mit den Eisbären Berlin

"Am Anfang hatte ich ein paar Probleme mit dem kleineren Eis", räumt er ein. "Es ist ein bisschen ein anderes Spiel, man muss öfters die Scheibe chippen. Mittlerweile komme ich damit ganz gut klar."
Die Herausforderung, sich in der AHL zu beweisen und durchzusetzen, nimmt er offen an. "Ich versuche von Spiel zu Spiel zu denken und immer mein Bestes zu geben. Hier in Rockford sind super Jungs, die mir von Anfang an helfen. Wir haben auch NHL-Erfahrung in der Mannschaft mit Brett Connolly, Alexander Nylander und vielen anderen Jungs, die schon NHL gespielt haben."
In Landsmann Moritz Seider hat Reichel ein prominentes Vorbild, der ebenfalls ein Jahr im Farmteam verbrachte, dann noch in Schweden spielte, ehe er in dieser Saison bei den Detroit Red Wings nach seinem Debüt gleich mit dem Titel Rookie des Monats Oktober aufwartete.
"Mit Stützle, Seider und Peterka schreiben wir ab und zu, wie es so läuft", erzählt er. "Wenn man die NHL verfolgt, dann läuft es beim Moritz ganz gut. Bei ihm war es auch so, dass er etwas gebraucht hat. Er wollte auch bevor er nach Schweden ging schon gerne NHL spielen, aber sie haben ihm noch die Zeit gegeben und jetzt sieht man, dass er voll durchstartet. Manchmal ist das besser."

Chicago Blackhawks wählen Lukas Reichel als Nr. 17

JJ Peterka, der im selben Draft wie Reichel an 34. Stelle in der zweiten Runde von den Buffalo Sabres ausgewählt wurde und bei den Rochester Americans ebenfalls zunächst in der AHL spielt, macht auch auf sich aufmerksam. Er steht mit vier Toren und 14 Assists zu 18 Punkten in 17 Spielen in der Scorerwertung ligaweit auf dem 8. Platz. Gibt es gar einen Wettlauf zwischen den beiden?
"Von uns beiden ist das Ziel NHL und es ist egal, ob wir ein paar Punkte mehr oder weniger machen", meint Reichel. "Hauptsache wir schaffen es eines Tages."
Die Aktien dafür dürften gutstehen, wenn beide so weitermachen wie bisher. Reichel geht davon aus, dass sein Ziel sogar schon in den kommenden Monaten in Reichweite sein könnte. "Das kommt einfach darauf an, wie ich spiele", verdeutlicht er. "Ich denke, dass ich nicht weit davon entfernt bin und habe die Chance, durchaus in dieser Saison noch berufen zu werden. Ich muss einfach hart trainieren und das Beste aus mir herausholen."
Dazu ist es notwendig, dass Reichel sich in einigen Bereichen noch verbessert. Gerne spricht er allerdings nicht darüber, wie er anmerkt.
"Ich bin noch sehr jung und kann mich überall verbessern", räumt er jedoch ein. "Aber mein Skating und mein Hockeysense ist ganz gut. Ich denke die körperliche Entwicklung ist ein großes Thema und das Potenzial, auf der kleineren Eisfläche die freien Räume zu finden. Wenn man die Topstars anschaut, wie Patrick Kane. Er ist klein und hat vielleicht auch nicht den Körper, aber er findet immer die freien Räume und das macht ihn so gut. Vielleicht kann ich mir da auch etwas abgucken."
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Neben dem Debüt in der NHL heißt ein weiteres großes Ziel in dieser Saison die Olympischen Spiele 2022 in Peking im Februar. Reichel wäre sehr gerne dabei, auch wenn die AHL ihren Spielplan nicht unterbricht und durchspielt. "Ich würde mich freuen, wenn ich dabei sein kann, aber das liegt nicht in meiner Hand", sagt er bescheiden. Nach den Regularien bräuchte er eine Freigabe von Rockford, wenn der DEB anfragt. Aufgrund der Erfahrung, die dort gesammelt werden kann, dürfte das jedoch Formsache sein, falls Bundestrainer Toni Söderholm seine Dienste benötigt.
Aber vielleicht steht Reichel bis dahin auch im NHL-Kader. Die Grundlage dafür hat er mit seinen Auftritten bereits gelegt. Nun gilt es weiter und stetig daran anzuknüpfen.