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Sein Herz schlägt jetzt für die Capitals

Der in Toronto geborene Tom Wilson hat kein Mitleid mit seinem ehemaligen Lieblingsclub

von Bernd Rösch / NHL.com/de Chefautor

Die in der ostkanadischen Metropole Toronto lebenden Menschen gelten als großmütig, weltoffen und friedliebend. Einen nicht geringen Teil von ihnen darf man auch das Adjektiv eishockeyverrückt zuschreiben. Doch genau an diesem Punkt, genau dort, wo es um den kanadischen Nationalsport und ihre Toronto Maple Leafs geht, wird manchmal auch die Toleranz bis aufs Äußerste strapaziert - vor allem wenn ein Kind dieser Stadt ihren geliebten Maple Leafs Schlechtes wiederfahren lässt.

Die Mehrzahl der über 19800 Zuschauer im Air Canada Centre von Toronto hatten in Spiel 4 der Erstrundenserie gegen die Washington Capitals den Torjubel schon auf den Lippen. Das muss doch der 2-2 Ausgleich sein! Das Heimteam lag nach zwei frühen Gegentoren und dem Anschlusstreffer von Zack Hyman mit 1-2 in Rückstand, als im ersten Spielabschnitt noch 6:34 Minuten auf der Uhr standen und Washingtons Schlussmann Braden Holtby nach einem Schuss von Morgan Rielly bereits geschlagen war. Kurz bevor die schwarze Hartgummischeibe im Netz landete, hechtete sich Tom Wilson nach dem Spielgerät und kratzte es von der Torlinie.

"Das war wie in Zeitlupe. Ich habe den Puck auf seiner Hose gesehen und merkte, dass er herunterfallen und durchrutschen wird. Ich hatte also genug Zeit, heranzuspringen und den Save zu machen", beschrieb Wilson diesen Moment aus seiner Sicht.

Video: WSH@TOR, Sp4: Wilson haut Burakovskys Vorlage rein

Doch es kam noch schlimmer für die Hausherren: Beim unmittelbaren Gegenangriff gab Wilson einem Schuss von Lars Eller die entscheidende Richtungsänderung zum 3-1. Es waren da gerade einmal 15 Sekunden nach der famosen Rettungstat des in Toronto geborenen Angreifers vergangen. Keine drei Minuten später zeigte Washingtons 23-jähriger Rechtsaußen erneut wenig Erbarmen. Nach einem langen Pass von Brooks Orpik auf Andre Burakovsky, aus dem eine 2-gegen-1 Situation resultierte, stand Wilson am Ende der Verwertungskette und markierte das 4-1. Ein Treffer mitten ins Herz der Maple Leafs und ihrer Anhänger!

Schon beim ersten Aufeinandertreffen in dieser Playoffserie war der Flügelstürmer, den die Capitals beim NHL Draft 2012 in der ersten Runde an Nummer 16 ausgewählt hatten, nicht unwesentlich am Sieg des Favoriten beteiligt. Schließlich erzielte er das 3-2 Siegtor nach 5:15 Minuten in der Verlängerung, indem er als Erster, die vor Torontos Torwart Frederik Andersen freiliegende Scheibe sah, am schnellsten reagierte und sie durch die Schoner einschob.

Den Maple Leafs bereitet mit Wilson ausgerechnet ein Mann Sorgen, der wahrlich nicht zu den Torjägern in der NHL zählt, der in seiner Kindheit ein Fan des kanadischen Traditionsteams war und der mit Stolz das Trikot mit dem weißen Ahornblatt auf der Brust bei den Heimspielen der Maple Leafs als Zuschauer von den Rängen trug.

Video: WSH@TOR, Sp4: Wilson macht auf beiden Seiten den Job

"Wenn du ein Kind bist, dann hast du große Träume. Ich hatte das Glück, dass ich sie mir erfüllen konnte. Das ist ein Privileg. Es gibt so viele Jungs, die hart daran arbeiten auf dieses Niveau zu kommen, und wenn du dann die Chance bekommst ein NHL-Spiel zu bestreiten, dann ist es etwas ganz Besonderes - ein Playoffspiel ist sogar noch besser", sagte der von Reportern umringte und bedrängte zwei-, nein dreifache Playofftorschütze.

Wilson hat in 313 regulären Saisonspielen gerade einmal 21 Tore geschossen. In den 28 Playoffpartien vor der laufenden Serie war ihm kein einziger Treffer geglückt. Er galt als typischer 4. Reihe-Stürmer, der das physische Spiel liebt und der weiß, wie er mit seiner Körpergröße von 1,94m und seinen 98kg den Gegnern das Leben auf dem Eis schwer machen kann.

Vor dem vierten Aufeinandertreffen mit den Maple Leafs lagen die Capitals nach zwei verlorenen Spielen in Folge mit 1-2 in Rückstand. Washingtons Cheftrainer Barry Trotz war dazu gezwungen Veränderungen vorzunehmen - von einer war auch Wilson betroffen. Trotz hatte erkannt, dass Wilson einen Lauf hat und beorderte ihn von der vierten in die dritte Sturmformation. Diese Maßnahme sollte sich zum Leidwesen der Maple Leafs auszeichnen.

Wilson ist ein Eishockeyprofi durch und durch, Mitleid mit seinem Gegner, den er in seiner Jugend noch verehrt hat, kennt er nicht: "Wisst ihr was. Es macht Spaß in Toronto zu gewinnen. Ich bin ja nicht hierhergekommen, damit mich die Fans lieben."

Volle Unterstützung von den Fans wird Wilson ganz sicher in der Nacht von Freitag auf Samstag im Verizon Center der US-Hauptstadt in Spiel 5 dieser prickelnden, ausgeglichenen Erstrundenserie erfahren (7 p.m. ET).

Wer weiß schon, was er noch so alles auf Lager hat?

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