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Unterschätzter Goc ein Glücksgriff für die Panthers

von Sean Gentille / NHL.com

Im Sommer 2011 waren im „Jahr der Ratte“ (1996) Geborene alt genug, um mit dem eigenen Auto zu den Spielen der Florida Panthers zu fahren. Dale Tallons Job bestand darin, ihnen einen guten Grund dafür zu liefern.

Seitdem die Panthers-Franchise schon im dritten Jahr nach seiner Gründung 1993 die Finalserie um den Stanley Cup erreicht und sich damit nachhaltig ins Gespräch gebracht hatte, waren 15 Jahre ohne nennenswerten Playoff-Erfolg vergangen. Vor dem ersten Heimspiel der glorreichen Saison 1995/96 tötete Scott Mellanby eine Ratte, die sich in den Umkleideraum der Miami Arena verirrt hatte – anschließend ging er aufs Eis und erzielte zwei Tore.

Torhüter John Vanbiesbrouck prägte dafür den unvergesslichen Begriff „Rattrick“. Die Fans griffen das auf und feierten jedes Tor der Panthers auf dem Weg zum Eastern Conference-Titel, indem sie Plastikratten auf das Eis warfen.

Im folgenden Jahr gewannen die Panthers nur ein einziges Playoff-Spiel, eröffneten 1998 ihre neue Arena und erreichten 2000 noch einmal die Playoffs. Danach kam nichts mehr. Es folgten elf trostlose Jahre im heutigen BankAtlantic Center, in denen man den NHL-Negativrekord von 10 Spielzeiten ohne Playoff-Teilnahme aufstellte.

In der ersten Spielpause nach seinem Amtsantritt als General Manager entwickelte Tallon ein neues Konzept – Spieler mit Playoff-Erfahrung kaufen, auch wenn es teuer wird. Ergebnis: 10 neue Spieler mit zusammen 439 Partien, 55 Toren und 95 Assists auf dem Konto. Für das neue Panthers-Team musste kräftig in die Tasche gegriffen werden, aber Tallon konnte die Investition von insgesamt 116 Mio. US-Dollar über 29 Vertragsjahre durchsetzen. Er sagte damals gegenüber Sporting News: „Natürlich zahlen wir extrem hohe Spielergehälter – vielleicht sogar zu hohe. Wichtiger als das ist aber, dass wir die Spieler bekommen haben, die wir brauchten“.

Zu den von den Panthers verpflichteten Free-Agents zählten Kris Versteeg, Tomas Kopecky und Brian Campbell, die Tallon bereits Jahre zuvor geholt hatte, als er das Stanley Cup-Siegerteam in Chicago aufbaute. Außerdem kamen Sean Bergenheim (von Tampa Bay nach einer Playoff-Runde 2011 mit neun Toren) sowie Ed Jovanovksi, ein rückkehrwilliger Schlüsselspieler der Panthers-Mannschaft von 1996.

Bei dieser Flut von Neuzugängen wurde Marcel Goc beinahe übersehen.

Der 28-jährige Center aus Calw in Deutschland kam nach einer Schulterverletzung, die seine Saison im Februar beendet hatte, von den Nashville Predators. Vor seinem Ausfall war Goc mit 9 Toren und 15 Assists in 51 Spielen auf dem Weg zu seiner besten Saison seit dem Erstrunden-Draft durch die San Jose Sharks 2003 gewesen.

Die Panthers wollten den Deutschen, der bislang insgesamt 108 Punkte in 389 NHL-Spielen erzielte, vor allem wegen seiner Vielseitigkeit.

Auf die kam es Panthers-Assistant General Manager Mike Santos, der Goc schon 2009 für Nashville unter Vertrag genommen hatte, bei dieser erneuten Verpflichtung in erster Linie an. Der neue Kontrakt über 5,1 Mio. US-Dollar und drei Jahre wurde am ersten Tag der Free-Agent-Periode abgeschlossen.

„Er ist der kompletteste Spieler in unserem Team, was Zonenspiel, Bully-Spiel, Penalty Killing und Offensivspiel angeht“, sagte Santos vor der Saison gegenüber South Florida Sun Sentinel. „Er kann alles“.

Goc konnte die hochgesteckten Erwartungen bald erfüllen. Trotz einer Gehirnerschütterung, die ihn den größten Teil des Novembers und den gesamten Januar außer Gefecht setzte, kam er auf 11 Tore und 16 Assists in 57 Spielen. Er gewann 51,6 Prozent der Bullies und hatte mehr durchschnittliche Unterzahl-Zeit (2:00 pro Spiel) auf dem Eis als jeder andere Panthers-Angreifer.

Detaillierte Statistiken machen Gocs wahren Wert deutlich. Sein Corsi REL-Wert, mit dem die Anzahl der Schüsse im Verhältnis zur Zeit auf dem Eis ermittelt wird, lag bei 9,9. Damit war er unter den Panthers-Stürmern mit mehr als 50 Partien zweitbester hinter Bergenheim.

Dies ist umso bemerkenswerter, wenn man berücksichtigt, wie Coach Kevin Dineen den 1,85 m großen und 92 kg schweren Goc einsetzte. Der Deutsche begann 38,2 Prozent seiner Shifts außerhalb der Angriffszone, um offensiveren Panthers-Forwards den Rücken frei zu halten.

Im Vergleich: Versteeg begann 55,4 Prozent seiner Shifts in der Angriffszone. Bei Tomas Fleischmann waren es 58,2 Prozent. Trotzdem zeigten die Panthers immer dann ihre beste Leistung, wenn Goc auf dem Eis war. Er beendete 47,9 Prozent seiner Shifts in der Angriffszone – eine Verbesserung um fast 10 Prozent. Versteeg und Fleischmann dagegen verzeichneten in dieser Hinsicht Rückgänge um 5,4 bzw. 7,9 Prozent.

Goc spielt laufend gegen die besten Teams der NHL, hat Playoff-Erfahrung und ist insgesamt ein sehr wertvoller Spieler. Vor der ersten Runde der Playoffs gegen die an Nummer 6 gesetzten Devils hatte er insgesamt 44 Playoff-Spiele auf dem Konto.

„Alles ist intensiver“, sagte der Deutsche vor der Serie. „Es steht einfach mehr auf dem Spiel. Einzelne Aktionen können entscheidend sein für den Ausgang eines Spiels oder sogar der ganzen Serie. Man darf sich keine Fehler erlauben. Was zählt ist die Spiele zu gewinnen. Wie man das schafft, interessiert hinterher niemanden mehr. Man schaut nicht zurück und denkt nicht darüber nach, ob man gewonnen oder verloren oder Fehler gemacht hat, sondern man muss sich auf das konzentrieren, was vor einem liegt – die nächste Shift oder das nächste Spiel."

„Für uns ist wichtig, gut zu starten und unser Tempo und unser Spiel durchzuziehen. Ich glaube, das hatten wir in dieser Saison zeitweise schon erreicht, als wir insgesamt gut spielten, aber eben noch nicht so überzeugen konnten, wie wir uns das vorstellen.“

Am 13. April verlor Florida das erste Playoff-Spiel im BankAtlantic Center. Die Devils waren nur auf der Setzliste ein Außenseiter und übernahmen auf dem Eis sofort das Kommando. Im ersten Drittel erzielte New Jersey drei Treffer und gab 26 Schüsse ab. Durch Tore von Bergenheim (Assist von Goc) und Versteeg kamen die Panthers zwar noch auf 2:3 heran, verloren aber letztendlich den Playoff-Auftakt.

Das zweite Spiel verlief anders. Elf Sekunden nach seinem ersten Einsatz holte Goc eine Strafzeit heraus (Beinstellen von Devils-Verteidiger Andy Greene). Im Powerplay überwand Stephen Weiss nach einem Rebound Torhüter Martin Brodeur und verschaffte Florida die erste Führung im Verlauf der Serie. „Wir wussten, dass es gegen die Panthers schwer werden würde“, so Greene später gegenüber Reportern, „und die Zeitstrafe gegen uns war natürlich alles andere als ideal.“

Weiss erzielte einen weiteren Überzahl-Treffer, als sein Schuss vom rechten Bullykreis Goc traf und von diesem ins Tor gelenkt wurde. Bei fünf Minuten und 21 Sekunden verbleibender Spielzeit im zweiten Drittel führte Goc den Puck am rechten Bullykreis entlang und feuerte einen Schuss aus dem Handgelenk ab. Brodeur konnte zunächst noch retten, musste sich dann aber im Nachfassen geschlagen geben.

Gocs Tor gab dem Spiel die entscheidende Wende. Die Devils kamen anschließend durch Travis Zajac und Ilya Kovalchuk auf 3:2 heran. Als noch eine Sekunde zu spielen war, konnte Fleischman dann den Puck zum entscheidenden 4:2 für die Panthers ins leere Tor schieben.

Nach dem Spiel stand hauptsächlich Weiss im Mittelpunkt – und das zu Recht. Aber da war auch noch Goc, der Zeitstrafen herausholte, seinen Beitrag zum Powerplay leistete, 4:58 Minuten in Unterzahl spielte, ein wichtiges Tor erzielte und 10 von 15 Bullies gewann – viele davon gegen New Jerseys erste Linie.

Damit tat er genau das, wofür ihn Tallon und Santos verpflichtet hattet.

Auch wenn die Panthers 15 Jahre nach ihrer ersten Stanley Cup-Finalteilnahme kaum erneut die Finalserie erreichen werden – Playoff-Eishockey ist dank Spielern wie Goc zurück im Süden Floridas. Und als gäbe es nicht schon genug Parallelen zwischen den heutigen Panthers und denen von damals – ein wenig prominenter Kader, Jovanovski wieder im Team, die von Tallon betriebene Wiedereinführung der roten Trikots aus der Erfolgssaison – haben die Fans für eine weitere gesorgt:

Ganz wie damals regnet es Plastikratten von den Rängen.

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