Skip to main content

Schlägerblatt verrät Goalies viele Geheimnisse

von Kevin Woodley / NHL.com

Wer Don Cherry und seinen wöchentlichen Beitrag "Coach´s Corner" über die Jahre verfolgt hat, der kennt seine Meinung zu Spielern, die ihren Schläger vor einen Puck halten, um einen Schuss abzublocken. Cherry hat die Verteidiger inständig gebeten, damit aufzuhören. Diese Praxis bezeichnete er deshalb als großes Ärgernis, weil dadurch harmlos aussehende Schüsse oft im Tor landeten.

Cherry hat Recht mit seiner These. Das lässt sich leicht anhand von Videostudien belegen. Dabei wird deutlich, dass der Torhüter durch dieses Verhalten nicht mehr sehen kann, wann der Puck das Schlägerblatt des Schützen verlassen hat. Doch genau das liefert ihm eine Menge wichtiger Informationen.

"Ich habe immer gesagt, dass ein Schlägerblatt wie ein Mikrochip ist", meint Torwart-Trainer Mitch Korn von den Washington Capitals. "Er beinhaltet eine Datenmenge von mehreren Millionen Bits."

Diese Informationen gehen weit darüber hinaus, ob ein Schütze Links- oder Rechtshänder ist oder wie er seine Hand hält. Sie lassen Rückschlüsse auf die Körperhaltung zu, wie die Hüften und die Schultern des Schützen abgewinkelt sind, wie weit der Puck vom Körper entfernt ist, wenn der Spieler übers Eis läuft und wie er seine Position anpasst, wenn er schießt. Darüber hinaus bekommt man Infos, ob der Schuss hoch oder tief angesetzt wird.

Torhüter, die lange genug im Geschäft sind, wissen um diese Informationen, die ihnen das Schlägerblatt eines gegnerischen Spielers liefert. Sobald der Puck den Schläger verlässt, kennen NHL-Goalies in der Regel die Richtung, die er nimmt.

"Ohne diese Signale hätte man keine Chance", sagt Ryan Miller, Schlussmann der Vancouver Canucks. "Manche Leute denken, dass wir nur auf den Puck reagieren. Aber wenn man einen Schuss nicht vorher lesen kann, ist man meist schon geschlagen. Mit körperlicher Reaktionsschnelle allein wäre es unmöglich, die Schüsse von NHL-Topleuten zu fangen. Man muss die Flugbahn voraussehen können. Wer daher den Moment der Schussabgabe verpasst, ist schon im Nachteil."

Um antizipieren zu können, muss man also als Torwart den Puck sehen können. Deswegen versuchen Spieler, einem guten Goalie die Sicht auf das Spielgerät zu verdecken. Gerade in entscheidenden Begegnungen wie den Stanley Cup Playoffs ist das eine gern gewählte taktische Variante. Dabei geht es aber eben nicht nur darum zu verhindern, dass der Schlussmann die Flugbahn des Pucks aufs Tor erkennt. Wichtiger ist dafür zu sorgen, dass er den Moment der Schussabgabe nicht mitbekommt und so all die wertvollen Hinweise vorenthalten bekommt, die damit verbunden sind.

"Ich bin gut im Schüsse lesen", sagt Stammtorhüter Ben Bishop von den Tampa Bay Lightning. "Manchmal mache ich Paraden im Stehen. Das ist eine der Sachen, die man lernt. Man kennt die Jungs in der Liga, weiß wann und wohin sie schießen. Wenn du aber nicht siehst, wie sie den Puck abfeuern, muss man erst ein wenig in die Hocke gehen und kann dann erst regieren. Gewöhnlich ist es dann aber zu spät."

Bishop erwähnte als Beispiel ein Tor, dass ihm Mats Zuccarello in dieser Saison vom Bullykreis einschenkte. Der Schuss sei sehr platziert, aber durchaus haltbar gewesen, wenn er zuvor gesehen hätte, wie der Puck das Schlägerblatt verlies. "Aber einer der Jungs stand in dem Moment genau vor mir. So musste ich mich erst bücken, wo ich mich normalerweise schon wieder hoch gehe, um den Schuss zu parieren. Da kam ich dann nicht mehr hin. Die Schussabgabe zu sehen, macht einfach den Unterschied aus", betont er.

Die Schützen wissen natürlich um die Fähigkeit der Torhüter, einen Schuss lesen zu können. Sie lernen daher, die Abgabe so gut wie möglich zu verbergen oder in letzter Sekunde den Winkel zu ändern, um den Torhüter dadurch zu überlisten. Je mehr Betrieb vor dem Tor herrscht, umso mehr besteht auch die Gefahr, dass ein Puck abgefälscht wird und sich ein Goalie nicht allein auf seine Antizipationsfähigkeit verlassen kann.

Das hat zu der Entwicklung geführt, dass immer detailliertere Techniken ausgetüftelt worden sind, mit deren Hilfe die Torhüter die Puckzirkulation über einen längeren Zeitraum nachverfolgen können. So macht es zum Beispiel einen Unterschied, wie ein Goalie seinen Kopf bewegt, um die Bahnen des Pucks nachzuvollziehen. Mit anderen Worten: Es besteht ein Unterschied zwischen der reinen Puckverfolgung und der Fähigkeit, ein Spiel lesen oder einen Schuss vorherzusehen zu können. In einer perfekten Welt sind Torhüter dazu in der Lage, diese beiden Fertigkeiten zu kombinieren. Nur leider ist die NHL selten perfekt für Goalies.

Schützen und Teams arbeiten hart daran, ihnen den Job so schwer wie möglich zu machen. Das bringt uns zurück zu Cherry und seinem Ärger über die ausgebreiteten Schläger der Verteidiger. Wenn es noch etwas Schlimmeres gibt als einen vom eigenen Mannschaftskameraden verdeckten Puck, so ist es ein von ihm abgefälschter. Auch wenn dieser Kontakt nur Sekundenbruchteile nach der Schussabgabe erfolgt, bringt das den Keeper oft in Verlegenheit.

Nicht selten hört man Fans und Fernsehkommentatoren sagen, dass ein Torwart genug Reaktionszeit hatte, um einen abgefälschten Schuss zu halten. Vor allem, wenn er aus größerer Entfernung erfolgte. Doch nicht selten war der Torwart schon in die andere Richtung unterwegs, weil er laut den Informationen des "Chips" im Schlägerblatt eben genau dorthin kommen sollte. Und da schnell noch gegenzusteuern, ist für einen Torhüter nicht einfach. Das hebt auch Miller von den Canucks hervor: "Viele Leute wissen gar nicht, was für ein schwieriges Unterfangen es ist, in kurzer Zeit auf etwas Unerwartetes reagieren zu müssen, wenn man einmal in die andere Richtung in Bewegung ist."

Mehr anzeigen