Skip to main content

Physisch überlegene Ducks

von Bernd Roesch / NHL.com

Man trägt mit Stolz orange in Orange County! Ließ man am Sonntagnachmittag den Blick übers weite Rund des Honda Centers schweifen, konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, man säße mitten in einer Orangenplantage.

Die Anaheim Ducks haben es nach 2007 wieder einmal geschafft, dass im sonnigen Süden Kaliforniens, knapp 50 km südöstlich von Los Angeles, das Eishockeyfieber ausgebrochen ist. Nur eine ihrer bisherigen zehn Playoffauftritte haben die Ducks verloren, auf heimischen Eis blieben sie fünfmal ungeschlagen, dominierten weitestgehend ihre Gegner.

Calgarys Headcoach Bob Hartley zeigte sich nach dem Playoff-Aus seiner Flames beeindruckt von der Spielweise der Kalifornier: "Das ist eine unglaubliche Mannschaft. Das fängt am Bullypunkt an. Sie haben einen Ryan Getzlaf, einen Ryan Kesler und dann auch noch einen Nate Thompson.

Ihre Flügelspieler sind großartig, und auch ihre Special Teams überragend. Es spielt keine Rolle, ob du in Unterzahl oder im Powerplay spielst, du kommst einfach nicht an den Puck, und wenn doch, dann steht Frederik Andersen im Tor."

Der 25-jährige Schlussmann der Ducks war auch im ersten Western Conference Finale gegen die Chicago Blackhawks der herausragende Mann auf dem Eis.

Vor allem im ersten Spielabschnitt, als sein Kasten von den Gästen unter Dauerbeschuss genommen wurde, war es sein Verdienst, dass die Null stehen blieb.

Erinnert sei nur an seine Großtat gegen Patrick Kane nach gut fünf Spielminuten beim Stande von 0-0:

Chicagos Rechtsaußen kam nach einem Fehlpass an die Scheibe, zog nach links und hatte Andersen bereits ausgespielt. Der Däne machte sich aber lang und traf mit seinem Handgelenksschuss nur den Schläger. Anaheims Teufelskerl im Tor schilderte diese Schlüsselszene des Spiels nach der Partie:

Er [Kane] schnappte sich die freie Scheibe. Mir war gar nicht bewusst wieviel Zeit ihm bleibt, dementsprechend stand ich offensiv. Ich hätte gar nicht so schnell nach links rüber ziehen können.

Soviel wie möglich vom freien Tor mit meiner Kelle abzudecken, war die einzige Möglichkeit die mir blieb. Zum Glück traf er dann meinen Schläger."

Auch Kane zeigte Anerkennung für die Leistung von Andersen:

"Er ist ein Kämpfer. Er hatte eine Vielzahl an Saves, bei denen er mit dem Fuß oder Schläger eine Chance von uns vereiteln konnte. Wir müssen es schaffen, solche Gelegenheiten nicht liegen zu lassen."

Anaheims Sieg ging aber nicht nur auf das Konto ihres Schlussmanns. Es war auch eine taktische Meisterleistung ihres Trainers Bruce Boudreau, der seine Reihen gegenüber dem Conference Halbfinale umstellte.

Gegen die schnellen Blackhawks berief er Jiri Sekac und Emerson Etem für Tomas Fleischmann und Tim Jackman in den Kader. Sie bildeten zusammen mit Rickard Rakell eine starke vierte Angriffsreihe, die keinen Treffer kassierte und mit ihren neun Minuten Eiszeit unheimlich gut die ersten drei Sturmreihen entlastete.

Für die Tore, und auch das dürfte die Blackhawks überrascht haben, zeichnete sich Anaheims dritte Sturmformation verantwortlich:

Hampus Lindholm war ebenso an zwei Toren beteiligt, wie Nate Thompson. Kyle Palmieri gelang mit seinem ersten Treffer in den diesjährigen Playoffs sogar das Game Winning Goal.

Chicagos Defensive hatte reichlich Mühe mit dem körperbetonten Forechecking der Ducks. Obwohl Verteidiger David Rundblad in den ersten zwei Spielabschnitten nur sieben Minuten Eiszeit bekam, stand er bei beiden Gegentreffern auf dem Eis.

Am Sonntag verstärkte sich der Eindruck, dass die Blackhawks den verletzungsbedingten Ausfall von Michal Rozsival doch nicht so leicht kompensieren können, wie zunächst angenommen. Anaheim landete insgesamt 44 Checks, während es Chicago auf 34 brachte.

Boudreau schenkte Lindholm und Thompson auch bei Unterzahl sein Vertrauen - mit Erfolg! Die Gäste aus der Windy City blieben bei drei Powerplays ohne Durchschlagskraft. Dabei hätten sie beim Stande von 1-2, als kurz hintereinander erst Simon Despres und anschließend Ryan Kesler auf der Strafbank Platz nehmen mussten, den Ausgleichstreffer so dringend nötig gehabt, um vielleicht doch noch eine Spielwende herbeizuführen.

In den folgenden Partien wird sich herausstellen, ob sich die schnellen, kleinen Stürmer der Blackhawks gegen die in der Summe physisch stärkeren Ducks durchzusetzen wissen. Ken Hitchcock wird sich mit seinem Trainergespann zusammensetzen, das Auftaktmatch genau analysieren und seine Schlussfolgerungen aus dieser 1-4 Niederlage ziehen. Wir können uns ziemlich sicher sein, dass das nächste Aufeinandertreffen zwischen den zwei stärksten Teams im Westen einen anderen Verlauf nehmen wird - wer auch immer in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch das Eis des Honda Centers als Sieger verlassen wird.

Mehr anzeigen