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Der Tag als eine Nation weinte

Ein Bild und 1000 Worte: Wayne Gretzky erklärt auf einer Pressekonferenz seinen Wechsel zu den Los Angeles Kings

von Bernd Rösch @nhlde / NHL.com/de Chefautor

Im Deutschen gibt es die Redewendung 'Ein Bild sagt mehr als tausend Worte'. NHL.com/de holt an jedem dritten Samstag im Monat ein berühmtes Eishockeyfoto aus den Archiven hervor und beschreibt es in 1000 Wörtern. 

Heute: Wayne Gretzky auf der Pressekonferenz nach seinem Trade zu den Los Angeles Kings.

 

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Eine ganze Nation hielt den Atem an. In riesigen Lettern verbreiteten die großen Zeitungen des Landes die Nachricht. Radiosender legten Schweigeminuten ein. Dieser 9. August 1988 sorgte nicht nur in Kanada, sondern überall für Schlagzeilen, wenn auch in einem etwas kleineren Rahmen als im Mutterland des Eishockeys, wo es die Menschen schier nicht fassen konnten. Einige von ihnen brachen sogar in Tränen aus.

Wayne Gretzky, der beste Spieler aller Zeiten, jener Mann der zwischen 1984 und 1988 den Edmonton Oilers viermal zu einem Stanley Cup Titel verholfen hatte, wird die Hauptstadt Albertas verlassen und fortan für die Los Angeles Kings auf Punktejagd gehen.

Auf der kurzfristig im Molson House angesetzten Pressekonferenz drängten sich die Medienvertreter, das Klicken der Fotoapparate erfüllte die Luft. Zu spät erschienene Fotojournalisten befanden sich noch verzweifelt auf der Suche nach einem Platz, von dem aus sie den Sportgeschichte schreibenden Moment am Besten im Bild festhalten konnten. Aufnahmen, deren Überschrift 'Der schwärzeste Tag in der Geschichte Kanadas' lautete.

Kurz und bündig 'Gretzky gone' titulierte am darauffolgenden Morgen The Edmonton Journal so groß und breit, als wären dem Setzer die Worte ausgegangen. 'Oilers Superstar ist jetzt King' stand klein darüber, als möchte man dem Geschehenen noch nicht richtig Glauben schenken. Ein enttäuschter und von dem Transfer überraschter Paul Coffey erhob in der gleichen Ausgabe den Vorwurf, dass 'Gretzky wie ein Stück Fleisch getradet worden war'.

In der rechten Hand versteckt ein Taschentuch haltend, dass ihm gereicht wurde, nachdem er seine Tränen nicht mehr unter Kontrolle hatte, sitzt Gretzky hinter den Mikrofonen, ringt mit den Worten und versucht die Fassung zu bewahren. Wie soll es dir, als 27-jährigen Sportler gelingen, eine Entscheidung zu erklären, die dein Heimatland in Trauer stürzt?

War er als junger Mann nicht mit dem Versprechen nach Edmonton gekommen, seine gesamte Karriere hier zu bleiben? Wollte er nicht hier im Norden Albertas seinen Lebensmittelpunkt haben, heiraten und eine Familie gründen? Wer weiß, welche Fragen ihm just jetzt durch den Kopf gingen? 'Aber ich sitze doch hier um Antworten zu geben'. Die Emotionen nahmen Überhand.

 

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Es waren keine Krokodilstränen, auch wenn 'The Great One' schon kurz nach seinem letzten Stanley Cup Triumph davon erfahren hatte, dass Oilers-Eigentümer Peter Pocklington aus finanziellen Gründen mit dem Gedanken spiele, ihn abzugeben. Gretzky war vorab bei diesem Tauschgeschäft involviert gewesen und bat darum, zusammen mit Marty McSorley und Mike Krushelnyski den Klub in Richtung L.A. verlassen zu dürfen. Im Gegenzug erhielten die Oilers Jimmy Carson, Martin Gelinas, Erstrundenzüge bei den NHL Drafts 1989, 1991 und 1993 sowie 15 Millionen Dollar Ablöse.

Am 26. Januar 1979, an seinem 18.Geburtstag, hatte Gretzky jenen Kontrakt unterschrieben, durch den Edmonton für neun Jahre seine Heimat wurde - nicht nur seine sportliche. Neun Jahre, in denen er für Furore sorgte, in denen er wie nach Belieben punktete, Rekord nach Rekord brach und persönliche Trophäen wie Briefmarken sammelte. In Edmonton gewann er siebenmal die Art Ross Trophy, fünfmal den Ted Lindsay Award, achtmal die Hart Memorial Trophy, zweimal die Conn Smythe und einmal die Lady Byng Memorial Trophy. All das gehörte nun der Geschichte an, auch der Stadt-Geschichte!

Die Stadt Edmonton zählte Anfang der 80er-Jahre nicht gerade zu den Perlen Kanadas und auch nicht zu den reichsten Gemeinden des Landes. Sinkende Erdölpreise hatten zu einer Rezession geführt und viele in der Erdölindustrie beschäftigte Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Mut und Selbstvertrauen brachte ihnen dieses talentierte, junge und auch äußerst erfolgreiche NHL-Team zurück. 

Mit den Oilers identifizierte sich jeder, unabhängig davon wie gut oder schlecht es ihm gerade erging. Die Oilers waren der positive Lichtblick im Alltagsleben, sie gaben Grund zur Hoffnung und an sie wurde geglaubt. Die aufstrebenden Stars der Oilers, Gretzky, Mark Messier, Jarri Kurri und Coffey waren allgegenwärtig. Sie erfüllten bereitwillig Autogramm-Wünsche ihrer Fans, besuchten Wohltätigkeitsveranstaltungen und statteten Kinderkrankenhäusern einen Besuch ab.

"Es ist so, als würde jemand das Herz dieser Stadt herausreißen", zeigte sich Edmontons damaliger Bürgermeister Laurence Decore sichtlich geschockt. In Hinterzimmern diskutierten Politiker der Provinz Alberta darüber, ob und wie sie diesen Transfer verhindern konnten. Es half alles nichts, er war nicht abzuwenden!

Kanadas Eishockey-Legende wechselte zur Saison 1988/89 in den Süden Kaliforniens, in die Stadt des Glitzers und Glamours, wo sich Stars und Hollywood-Sternchen treffen - jedoch bis zur Ankunft von Gretzky, eher selten im Great Western Forum, in dem die Heimspiele der sportlich wenig erfolgreichen Kings stattfanden.

Mit der Ankunft Gretzkys wurde Eishockey unter den Palmen von Los Angeles plötzlich salonfähig. Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass der Gretzky-Trade gehörigen Einfluss auf die Weiterentwicklung der NHL hatte. Ohne den Deal zwischen Pockington und Kings-Miteigentümer Bruce McNall, wäre der Liga, die Entscheidung neue Märkte zu erobern, nicht so leicht gefallen. In ihrer zweiten größeren Expansionsphase zwischen 1991 und 1993 expandierte die NHL nach San Jose (San Jose Sharks), ins Orange County (Mighty Ducks of Anaheim) und nach Florida (Florida Panthers, Tampa Bay Lightning).

Gretzky enttäuschte auch bei seinem neuen Arbeitgeber nicht und setzte seine außergewöhnliche Karriere fort. Gleich in seiner ersten Partie für die Kings erzielte er mit seinem ersten Schuss ein Tor. Die Heimpartie gegen die Detroit Red Wings endete mit einem 8:2-Sieg für die Hausherren. Als Spieler der Kings überholte er in der ewigen NHL-Torjägerliste Gordie Howe. 1993 verhalf Gretzky den Kings zum Einzug in das Stanley Cup Finale, in dem sie jedoch den Montreal Canadiens in fünf Spielen unterlagen. 

Bis zur Saison 1995/96 war Gretzky das Aushängeschild und der Zuschauermagnet der Kings gewesen. Am 27. Februar 1996 wechselte er zu den St. Louis Blues, für die er es in 18 Saison-Spielen auf 21 Scorerpunkte (8 Tore, 13 Assists) brachte. Im Anschluss dieser Spielzeit einigte sich Gretzky als Free Agent auf einen Vertrag mit den New York Rangers. Bei den Rangers beendete der beste und bekannteste Eishockeyspieler aller Zeiten, der berühmteste Sportler Kanadas seine aktive Laufbahn im Anschluss der Saison 1998/99.  

Tausende von Spielern wechselten in den vergangenen 30 Jahren ihren Arbeitgeber, teils freiwillig, teils ohne vorher darüber Bescheid gewusst zu haben, doch keiner dieser Trades ging in die Geschichte so ein, wie jener an diesem Dienstag im August 1988 - 'The Trade'!

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