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Draisaitl in aller Munde

von Bernd Roesch / NHL.com

Plötzlich und unerwartet wurde Leon Draisaitl, am vergangenen Donnerstag, nur zwei Tage nach seinem 20. Geburtstag, von den Bakersfield Condors aus der AHL abberufen. Schon früh am Morgen musste Deutschlands NHL-Hoffnung in den Flieger steigen, um rechtzeitig zur Partie der Edmonton Oilers gegen die Montreal Canadiens am Abend bereit zu sein.

"Ich habe keine Minute geschlafen. Man ist nervös und man ist aufgeregt. Als ich ins Farmteam musste [Anfang Oktober] war ich schon etwas niedergeschlagen. Man möchte beim NHL-Club sein. Es hat seine Zeit gedauert bis ich darüber hinweg war, doch jetzt geht es mir gut", beschrieb Draisaitl seinen Gemütszustand in den vergangenen Wochen und an diesem Tag, der für ihn hektisch begann und so erfolgreich enden sollte.

Es ist nicht gerade die einfachste Aufgabe gegen das punktstärkste Team der Liga sein Saisondebüt zu geben - vor allem wenn man berücksichtigt, dass die Canadiens zwei Tage zuvor in Vancouver ihre erste Saisonniederlage kassiert hatten. Dementsprechend, auf Wiedergutmachung aus, legten die Frankokanadier im Rexall Place los: 10. Min 1-0 Gallagher, 17. Min 2-0 Mitchell, 18. Min 3-0 Galchenyuk. Im ersten Durchgang bahnte sich ein Debakel für die Hausherren an - doch das Blatt wendete sich.

Nach der ersten Pause bekamen die Oilers plötzlich viel mehr Zugriff aufs Spiel, waren das aktivere Team und erarbeiteten sich Torchancen. Leon Draisaitl läutete aus einem Überzahlspiel heraus, als im Mitteldrittel noch 52 Sekunden auf der Uhr standen, die erfolgreiche Aufholjagd der Oilers ein.

Zwar musste noch der Videobeweis herhalten, doch nachdem dieser positiv entschieden wurde, durfte sich Draisaitl über seinen ersten Saisontreffer freuen.

Oilers Cheftrainer Todd McLellan sah Draisaitl zu Spielbeginn "zögerlich" agierend und erst später "frei aufspielend". McLellan berichtete, dass Taylor Hall den jungen Deutschen zur Seite genommen und ihm Vertrauen zugesprochen habe. Fortan lief es für Draisaitl, der zusammen mit Hall und Ryan Nugent-Hopkins in einer Reihe stürmte, wie am Schnürchen.

Bis zur Mitte des Schlussabschnitts hatten die Westkanadier die Partie ausgeglichen und 62 Sekunden vor Spielende, beim 4-3 Siegtor, war Draisaitl erneut zur Stelle.

Er war in die Lücke vor dem Kasten der Canadiens gelaufen und Nugent-Hopkins spielte von hinter dem Tor genau dort hinein. "Ich habe schon etwas gerufen, doch Nuge hatte die unglaubliche Weitsicht. Unter dem Schläger von Price hindurch kam die Scheibe direkt zu mir. Das war alles seins", schilderte Draisaitl das Tor zum vierten Saisonsieg seiner Oilers.

Die klasse Vorstellung des deutschen Centers blieb keine Eintagsfliege:

Zwei Tage nach seinem erfolgreichen Saisoneinstand gaben sich die Calgary Flames die Ehre im Rexall Place. Erneut verschlief Edmonton das erste Drittel. Ehe sie sich umsahen lagen sie schon mit zwei Toren in Rückstand. Auch Ende des zweiten Drittels hatten die Flames mit 4-2 Treffern die Nase vorn.

Edmontons torgefährlichste Reihe war wiederum jene von Leon Draisaitl, der beim Anschlusstreffer von Teddy Purcell seinen zweiten Assist in dieser Partie verbuchen konnte. Für den 4-4 Ausgleich, als knapp 47 Minuten gespielt waren, sorgte der gebürtige Kölner selbst. Am Ende, nachdem in der Schlussphase Michal Frolik seinen Hattrick komplettiert hatte, standen die Gäste mit leeren Händen da.

Draisaitl ärgerte sich sehr darüber:

"Das müssen wir ändern. Wir können nicht jeden Abend in Rückstand geraten und dann zurückkommen. Wir müssen uns auch einmal einen Vorsprung von zwei Toren herausschießen und sehen wie es dann weiter geht."

Mit drei Toren und zwei Assists in zwei Partien liegt Draisaitl schon jetzt nahe an seiner Ausbeute vom Vorjahr, als ihm in 37 Spielen für die Oilers zwei Treffer und sieben Vorlagen gelangen. Edmontons Erstrundendraftpick von 2014 ist hochmotiviert:

"Nur weil man jung ist heißt das nicht, dass man auf Sicherheit spielt, man möchte vor allem auch gut spielen und punkten. Ich will auf jeden Fall hier [in Edmonton] bleiben."

Doch wie sieht es realistisch für den Deutschen mit einem Stammplatz aus, sobald Edmontons verletzte Spieler wieder genesen sind? Es ist verständlich, dass sich McLellan, was die Zukunft von Draisaitl im NHL-Team betrifft, noch nicht festlegen möchte:

"Wir denken an einen langfristigen Erfolg und nicht nur an ein, zwei Spiele. Pläne können sich ändern. Die jungen Spieler müssen sich entwickeln. Ich habe keine Zweifel, dass Leon, Darnell und den anderen eine solche Entwicklung gelingen wird, egal wo sie Spielpraxis sammeln."

Selbstverständlich ist nicht zu erwarten, dass es Leon Draisaitl auch in den kommenden Partien auf einen Schnitt von 2,5 Zählern pro Spiel bringt, doch er wird auch weiterhin Ausrufezeichen setzen können. Sollte es Leon Draisaitl auch in den kommenden Partien nur annähernd gelingen so auf sich aufmerksam zu machen wie in den letzten Tagen, dann wird er schon in dieser Saison den ganz großen Durchbruch in der NHL schaffen.

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