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Capitals unter Druck, Flyers zur Snider-Ehre

von Stefan Herget / NHL.com

Die Rolle eines Außenseiters birgt zwei Wahrheiten in sich. Einerseits erwartet kaum einer, dass er dem Favoriten ein Schnippchen schlagen kann und dementsprechend geht er in der Regel sehr gelassen an die Aufgabe heran, andererseits steht er vor einer großen Herausforderung, weil der Favorit zumeist auch über hohe Klasse und Potenzial verfügt.

Die Sprache ist in diesem Fall vom Stanley Cup Playoff 2016 Duell der ersten Runde in der Eastern Conference zwischen den Washington Capitals, ihres Zeichens Presidents Trophy Gewinner als punktbeste Mannschaft und den Philadelphia Flyers, die als zweites Wild Card Team gerade noch in die Playoffs gerutscht sind.

Was die Situation für die Capitals noch prekärer macht und den Druck von außen deutlich erhöht, ist die Tatsache, dass sie seit Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten, den großen Wurf anstreben, regelmäßig aber an ihren Ansprüchen vorzeitig scheiterten. Nur 1998, immerhin schon 18 Jahre her, gelang ihnen überhaupt der Einzug in das Stanley Cup Finale, wo sie den Detroit Red Wings klar mit 0-4 nach Spielen unterlagen.

"Jeder erwartet von ihnen, dass sie gewinnen und ein Scheitern in der ersten Runde wäre möglicherweise das schlimmste Ereignis in der Geschichte der Washington Capitals", sagte NBC Sportanalyst Jeremy Roenick in seiner Playoff Vorschau.

Wie ernst es den Verantwortlichen in der US-amerikanischen Hauptstadt mit dem Ziel Stanley Cup ist, verdeutlichten sie eindrucksvoll mit mehreren Maßnahmen in dieser Saison. Einerseits die Verpflichtungen neuer Spieler, den russischen Superstar Alex Ovechkin in wichtigen Momenten entlasten sollen, wie T.J. Oshie oder Justin Williams. Andererseits die Tatsache, dass der leicht angeschlagene Ovechkin nicht zum All-Star Game Anfang Februar geschickt bzw. im Saisonfinale am vergangenen Sonntag geschont wurde, ebenso wie Torhüter Braden Holtby, der dort einen neuen Saisonrekord von 49 Siegen hätte aufstellen können.

Seit der Saison 2005-06, als Ovechkin debütierte, erreichten die Capitals siebenmal die Playoffs. In fünf dieser Fälle waren sie unter den Top 3 des Ostens gestartet und zweimal sogar die topgesetzte Mannschaft. Doch in den Playoffs folgte stets eine herbe Enttäuschung, weil u. a. auch deutliche Führungen in der Serie leichtfertig verspielt wurden.

So gewann Washington in 2010 ebenfalls die Presidents Trophy und führten in der ersten Runde der Playoff bereits mit 3-1 nach Spielen gegen die Montreal Canadiens, ehe sie noch nach sieben Partien unterlagen.

In der vergangenen Saison gab es in der zweiten Runde gegen die New York Rangers wieder eine 3-1 Führung nach Spielen und erst 101 Sekunden vor dem Ende von Spiel 5 kassierten sie den Ausgleich, verloren anschließend in der Verlängerung und auch die komplette Serie.

In den sieben Jahren der Playoff Teilnahme seit 2005 zogen die Capitals sage und schreibe sechs Mal in sieben Spielen den Kürzeren, nur 2011 scheiterten sie in der zweiten Runde an den Tampa Bay Lightning deutlich mit 0-4.

Toptorjäger Ovechkin, der in seiner NHL-Karriere während der regulären Saison im Schnitt eindrucksvolle 0,62 Tore pro Spiel erzielt hat, kommt in den Playoffs nur auf einen Wert von 0,5 und in den vergangenen drei sogar nur auf 0,38. Er wird besonders gefordert sein.

"Da gibt es einen Funken Zweifel, der in Washington vorhanden ist, dass sie es wieder nicht packen könnten", sagte NBC Studioanalyst Mike Milbury. "Aber ich glaube sie sind die Mannschaft, die es zu beobachten gilt."

Die Flyers sind indes ein ernst zu nehmender Gegner, denn sie starten in die Playoffs mit der Gewissheit durch eine starke zweite Saisonhälfte die Qualifikation perfekt gemacht zu haben. Mit 15 Siegen und 33 Punkten in den letzten 23 Spielen der Saison überholten sie vier Mannschaften.

Noch interessanter die Statistik der Flyers gegen die Capitals. Während der Spielzeit gewannen beide Mannschaften zwei Begegnungen, aber in den vergangenen fünf Jahren steht die Bilanz mit 11-5-1 zugunsten von Philadelphia.

"Die Philadelphia Flyers haben gerade überhaupt keinen Druck", sagte Roenick. "Sie spielen gegen eine Mannschaft, von der jeder erwartet, dass sie geschlagen werden. (…) Ich glaube nicht, dass es irgendjemand außerhalb von Philadelphia gibt, der glaubt, [die Flyers] gewinnen. Also können sie rausgehen und locker spielen."

Flyers Trainer Dave Hakstol sieht einen Vorteil für seine Farben darin, dass sie bis zum Schluss kämpfen mussten, um dabei zu sein, wo hingegen Washington bereits seit dem 28. März die Topplatzierung gesichert hatte. "Jetzt nehmen wir einige Dinge, die wir uns zuletzt erarbeitet haben, Dinge, die wir während unserer Serie gelernt haben und müssen uns auf den nächsten Level, den Playoff Level, hochhieven", sagte er.

Für einen kleinen Motivationsschub könnte der Tod des Mitbegründers der Flyers vor 50 Jahren und Eigentümers Ed Snider sorgen, der am Montag mit 83 Jahren seinem Krebsleiden erlag. Er hatte bekanntlich eine sehr enge Bindung zur Mannschaft.

"Ich glaube was Mr. Snider von uns gewollt hätte, wäre gewesen, dass wir rausgehen und gewinnen", sagte Stürmer Sean Couturier.

"Das wäre alles, was er wollte. Wir sollten zu seiner Ehre alles geben."

Und vielleicht kann so ein Außenseiter wieder einmal einen Favoriten in die Knie zwingen.

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