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Die Wichtigkeit des 1. Sieges in Frage gestellt

Mit einem 1:0 in der Serie gewannen die Teams zu fast 80 Prozent den Stanley Cup, doch Aktive messen dem kaum Bedeutung zu

von Stefan Herget @NHLde / Chefautor NHL.com/de

Es ist nur ein Spiel und drei weitere Siege fehlen den Boston Bruins im Stanley Cup Finale 2019 gegen die St. Louis Blues zum Gewinn des Stanley Cups, nachdem sie Spiel 1 am Montag im TD Garden nach einem 0:2-Rückstand mit 4:2 für sich entschieden. Gerne werden in diesen Fällen die Statistiken bemüht, die zwar für den Einzelfall wenig Aussagekraft haben, aber häufig als Sahne auf dem Kuchen dienen.

Seit der Einführung des Best-of-Seven-Formats in der NHL im Jahr 1939, gewann die Mannschaft, die Spiel 1 im Cup Finale für sich entscheiden konnte, in 77,2 Prozent der Fälle (61 von 79) am Ende den Stanley Cup. Dass es im Endspiel etwas Besonderes ist, belegt die Zahl, dass es in den gesamten Runden der Stanley Cup Playoffs nur 68,5 Prozent (476:219) Erfolgsquote in diesem Fall gibt. In diesem Playoff-Jahr waren es sogar nur 64,3 Prozent (9:5).

"Was interessieren uns diese Zahlen, das ist euer Job, wir spielen Eishockey", erläuterte Blues-Stürmer Vladimir Tarasenko gegenüber NHL.com/de. "Es ist nur ein Sieg und wir messen dem nicht viel bei."

Also kein Grund für die Blues schon Trübsal zu blasen, wenngleich die Aufgabe logischerweise schwerer wird, wenn auch Spiel 2 verloren geht, so dass ein größerer Druck bereits jetzt auf St. Louis lastet.

"Vielleicht liegt es daran, dass es leichter ist, mit einem Sieg im Rücken in ein Spiel zu gehen", versuchte Blues-Trainer Craig Berube eine Erklärung. "Doch, um ehrlich zu sein, es interessiert uns morgen herzlich wenig, denn wir wissen nur, dass wir vier Spiele gewinnen müssen, bevor sie es tun."

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Es gibt genügend Beispiele, selbst und gerade in jüngster Vergangenheit, in denen Spiel 1 nicht entscheidend für den Ausgang einer Serie war. Die Washington Capitals verloren das erste Aufeinandertreffen mit den Vegas Golden Knights im letztjährigen Stanley Cup Finale und gewannen die Serie mit 4:1. Die Bruins verloren im Stanley Cup Finale 2011 sogar beide Auftaktspiele bei den Vancouver Canucks und holten die begehrte Trophäe in sieben Spielen erstmals nach 39 Jahren wieder nach Boston.

"Washington hat letztes Jahr gezeigt, was es wert ist, wenn das erste Spiel verloren wird", betonte auch Tarasenko trotzig. "Das ist unser Vorbild und nicht, was die Statistiken sagen."

Verständlich, dass es die Bruins etwas anders sehen und der Geschichte durchaus eine Berechtigung einräumen bzw. Erklärungsversuche dafür zu haben, warum es so ist.

 

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"Natürlich willst du den ersten Sieg einfahren, er bringt dich einen Schritt näher ans Ziel", erwähnt Bruins-Stürmer Marcus Johansson. "Es bedeutet viel, besonders zu Hause zu gewinnen. Ich denke es hängt viel mit dem daraus resultierenden Selbstvertrauen zusammen. Aber es ist noch ein langer Weg zu gehen und der erste Sieg bedeutet nicht, dass du schon am Ziel bist."

Worte, die Bruins-Trainer Bruce Cassidy sicher gerne hören und zufrieden feststellen wird, dass die Einstellung seiner Spieler stimmt. "Der erste Sieg ist wichtig, genauso wie jeder Sieg in einer Serie, denn er zählt", rechnete Cassidy vor. "Doch er bringt dir wenig, wenn du ihn nicht richtig einordnest. Es bedeutet noch gar nichts, ob eine Serie deutlich ausgeht oder eng wird. Aber es wäre falsch zu denken, dass man mit einem Sieg in Spiel 1 schon zu fast 80 Prozent den Stanley Cup gewonnen hat."

Auch Bostons Verteidiger Torey Krug kann der Statistik nicht viel abgewinnen. "Es bedeutet meiner Meinung nach nicht viel", sagte er. "Ich habe das Team in 2011 erlebt, das beide Spiele zum Auftakt verloren hat und trotzdem zurückkam. In einer Serie kann vom Anfang bis Ende so viel passieren. Du musst immer Gas geben und pushen. Du musst den Gegner zur Verzweiflung bringen und es wird wichtig morgen mit genauso viel Leidenschaft zu spielen, wie wir es gestern getan haben."

 

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Frei und abgewandelt nach dem allgemein bekannten Spruch: Wer 1:0 führt, der stets … gewinnt? Dabei könnte die Statistik ein Beleg dafür sein, dass es durchaus wichtig sein kann, in einer Serie früh den Ton anzugeben. "Je länger eine Serie dauert, desto mehr kommen solche Fragen auf", reagierte Torhüter Tuukka Rask amüsiert. "Ich kann damit wenig anfangen, weil wir spielen Eishockey und unterrichten nicht Mathematik."

Trotzdem verbinden wir beide Bereiche und stellen fest, die Bruins haben jetzt in den Playoffs acht Spiele in Folge gewonnen. Es ist die drittbeste Serie ihrer langen Geschichte. Zum 28. Mal gewannen sie am Montag ein Playoff-Spiel, in dem sie mehr als ein Tor zurücklagen. Es war der 39. Sieg einer Mannschaft in der Historie des Stanley Cup Finales mit der Egalisierung eines derartigen Rückstandes. Das letzte Mal war es im Finale 2014, als die Los Angeles Kings die New York Rangers in Spiel 2 so besiegten.  

In den Stanley Cup Playoffs 2019 war es der sechste Sieg dieser Art, nachdem in der regulären Saison zuvor mit 138 Comeback-Siegen ein neuer Rekord aufgestellt wurde. Spiel 1 in diesem Jahr fügte sich nahtlos in die Geschichte der Cup Finale in den vergangenen Jahren ein. 2018 gewannen die Golden Knights nach drei wechselnden Führungen mit 6:4. 2017 holten die Nashville Predators ein 0:3 gegen die Pittsburgh Penguins auf, ehe sie 4:3 verloren. In 2016 machten die San Jose Sharks ein 0:2 wett, verloren aber mit 3:2, ebenfalls gegen Pittsburgh. Die Entscheidung in beiden Jahren fiel jeweils in den letzten Minuten.

Bei allen Zahlen und Statistiken, zählt jedoch in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag (2 Uhr MESZ; live auf NHL.tv, Sport1+, DAZN, Teleclub Sport) nur das Geschehen auf dem Eis im TD Garden von Boston.

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