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Ursachen für Deutschlands Erfolg bei der WM

von Stefan Herget / NHL.com

Als bei der Heim-Weltmeisterschaft 2010 unter Bundestrainer Uwe Krupp nach einem 1-0 Viertelfinalsieg gegen die Schweiz sensationell das Halbfinale und am Ende des Turniers der vierte Platz erreicht wurde, wähnte sich das deutsche Eishockey vor einer rosigen Zukunft.

Im folgenden Jahr reichte es in der Slowakei immerhin zu einem weiteren Viertelfinaleinzug, wo die Schweden mit 5-2 die Oberhand behielten. Niemand dachte damals, dass es fünf Jahre dauern würde, bis dieses Kunststück wieder gelingen wurde.

Mehrmals stand die DEB-Auswahl sogar an der Schwelle zum Abstieg in die Zweitklassigkeit und auch die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2014 ging schief, weil sie gegen das heute zweitklassige Österreich das Nachsehen hatten.

In der Tat hagelte es unter Krupps Nachfolger Jakob Kolliker und Pat Cortina laufend Absagen von Spielern, ob vorgeschoben oder nicht. Sie mussten mit dem Personal umgehend, was ihnen zur Verfügung stand und die spielerische Qualität ließ dadurch zu häufig zu wünschen übrig.

Als im vergangenen Jahr Trainer-Neuling Marco Sturm von DEB-Präsident Franz Reindl als Nachfolger von Cortina vorgestellt wurde, war auch deutliche Skepsis zu verspüren, ob dieses Experiment gelingen würde. Für ein endgültiges Urteil ist es sicher zu früh, weil weitere Bewährungsproben anstehen, doch ein Anfang ist gemacht.

Dabei hatten einige Stimmen nach den Auftakt-Niederlagen gegen Frankreich und Finnland bei der Weltmeisterschaft vorletztes Wochenende schon erste Abgesänge gestartet. Doch es folgten Siege gegen Weißrussland, Slowakei, USA und Ungarn, sowie eine achtbare Leistung gegen Kanada.

13 Punkte, ein positives Torverhältnis und Platz 3 in der Vorrunde, so gut war das deutsche Team seit über einem Jahrzehnt nicht mehr. Dabei hat Sturm nicht einmal viel umgestellt. Elf Spieler seines Kaders waren bei der WM 2014 in Weißrussland dabei, wo ein enttäuschender 14. Platz heraussprang.

Die drei Topscorer der Vorrunde mit jeweils sieben Punkten Philip Gogulla, Felix Schütz und Patrick Hager sind langjährige Bestandteile der Nationalmannschaft. Auch wenn objektiv betrachtet den Deutschen in der einen oder anderen Fall das Glück hold war, so fiel doch auf, dass ein uneingeschränkter Einsatzwille vorhanden war und die spielerische Qualität stimmte, was sich in einem guten Überzahlspiel zeigte. Hier haperte es zumeist in der Vergangenheit.

"Er erreicht die Spieler. Wir wissen genau, was er will", sagte Verteidiger Constantin Braun über Sturm, der natürlich von der Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Trainer Geoff Ward profitiert.

Kapitän Marcel Goc, der selbst an den Weltmeisterschaften 2012 und 2013 teilnahm, sieht eine bessere taktische Ausrichtung als Erfolgsfaktor im Vergleich zur Vergangenheit. "Ich denke, wir haben vielleicht eine bessere Arbeit in der Umsetzung der Marschrichtung gemacht und darauf mehr vertraut", verdeutlichte er. "Internationale Spiele sind eng. Wir müssen einfach unser Tempo gehen und unser Spiel spielen."

Zu vernehmen ist aber auch ein neues Selbstbewusstsein, das selbst im Spiel gegen die Kanadier zu Tage trat. Anstatt nur fürchtend zu verteidigen und dadurch schnell den Puck zu verlieren und eine erneute Angriffswelle hervor zu rufen, suchten die Deutschen ihr Heil darin selbst spielerische Akzente zu setzen.

"Wir haben gezeigt, dass wir auch spielerisch etwas lösen können – und nicht nur nach der alten Spielweise, einfach die Scheibe raus und hinten reinstellen", erzählte Gogulla. Das Resultat sind 22 Tore in sieben WM-Spielen, so viele wie seit 2002 nicht mehr, als unter dem als Defensivkünstler verschrienen Trainer Hans Zach 25 für einen achten Platz gelangen.

Dabei steckte die Mannschaft bittere Ausfälle durch Verletzungen von den Stürmern Tobias Rieder, Gerrit Fauser und zuletzt Verteidiger Torsten Ankert weg. Arizona Coyotes Rechtsaußen Rieder wird mit einer Innenbanddehnung im Knie einen Monat außer Gefecht sein. Kein Problem also für sein NHL-Team, wie Coyotes General Manager John Chayka verdeutlichte.

"[Rieder] hat einen langen Sommer sich zu erholen und sein Training einzuhalten", sagte Chayka der Coyotes Website. "Wir erwarten, dass er zum Trainingscamp im Sommer zu 100 Prozent fit ist."

"Es spielt keine Rolle, was in der Vergangenheit passiert ist", betonte Goc. "Wir sind glücklich, dass wir in der nächsten Runde sind. Aber wir können nicht damit zufrieden sein. Wir wissen, dass wir auf einen starken Gegner treffen werden und wir der Außenseiter in diesem Viertelfinale sind. Also müssen wir mit allem, was wir haben, dagegen halten. Wir wissen, dass Greisser, unser Torhüter, alles geben wird. Wir müssen warten, bis wir unsere Chancen bekommen und dann einige davon verwerten."

Der Gegner für das große Spiel am Donnerstag, egal ob er Tschechien, Gastgeber Russland oder Schweden heißt, wird am Dienstagabend feststehen. Thomas Greiss von den New York Islanders wird dann auf jeden Fall gefordert sein und viel von ihm abhängen, wenn die Sensation gelingen sollte.

Die Euphorie im deutschen Team ist groß, wichtig wird aber sein, diese auch nach dem Turnier hoch zu halten und durch die Qualifikation für Olympia 2018 im September dieses Jahres Nachhaltigkeit zu geben. Nur so kann Sturm das deutsche Eishockey wieder näher an die Weltklasse heranbringen.

Restliche Ergebnisse:
Lettland-Norwegen 1-3
Weißrussland-Frankreich 3-0
Russland-Schweden 4-1
Finnland-Kanada 4-0

Viertelfinalpaarungen:
Tschechien-USA
Russland-Deutschland
Kanada-Schweden
Finnland-Dänemark

Absteiger:
Kaszachstan
Ungarn

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