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Ein Tabut: Am Bart ziehen geht mal gar nicht

In der NHL gibt es einige ungeschriebene Gesetze, an die sich die Spieler halten

von Bernd Rösch / NHL.com/de Chefautor

Das Corpus Delicti, in Gestalt eines Büschels rot-grau-brauner Haare, befand sich in einem durchsichtigen Druckverschlussbeutel auf dem mit schwarzem Edding 'FOR THE BOYS' geschrieben wurde. Ray Tufts, Chef Athletic Trainer der San Jose Sharks, hatte das Beweisstück, das sich bei näherer Betrachtung als Bestandteil eines Vollbarts herausstellte, sicher verstaut. Was war geschehen?

Gerade einmal zwei Sekunden war die Partie zwischen den Toronto Maple Leafs und Sharks alt, als sich Toronto Maple Leafs Center Nazem Kadri und San Joses Urgestein Joe Thornton in die Wolle gerieten, oder besser gesagt, wortwörtlich in die Haare kriegten.

Nach dem Schlagabtausch, der in einem Eishockeyspiel an sich nichts Ungewöhnliches ist, lag ein Teil von Thorntons, über Jahre hinweg mehr oder weniger gehegten und gepflegten Rauschebart, auf dem Eis des Air Canada Centre. Sollte es Kadri wirklich gewagt haben sich an Thorntons Prachtstück zu vergehen?

Tweet from @Sportsnet: Congratulations to Joe Thornton on getting his first career on-ice beard trim! pic.twitter.com/VGg2TwFaIX

Haare ziehen ist nicht nur beim Eishockey ein absolutes 'No-Go'. Schon bei Balgereien im Grundschulalter wird das bewusste Rupfen an den Haupthaaren des Kontrahenten mit dem sich die Kräfte gemessen werden, verachtet. Ein Profi-Eishockeyspieler, der sich gezwungen sieht, zu solchen Mitteln zu greifen, bräuchte sich auf keiner Eisfläche der Welt mehr blicken lassen - die Verachtung von Mitspielern und Gegnern wäre ihm sicher.

Dementsprechend ist es durchaus angebracht, den Worten von Kadri zu glauben, der im Anschluss der Begegnung bekundete, dass er keine Ahnung habe, wie das passieren konnte. "Plötzlich hatte ich sie in meiner Hand", erklärte Kadri und führte weiter aus: "Ich wollte ihn nicht dort erwischen, doch er ist groß und ich kam nicht über seine Schulterhöhe [beim Versuch Thorntons Trikot am Kragenausschnitt zu fassen]. Ich bin ein Eishockeyspieler und kein Barbier."

Thornton bestätigte gegenüber den Mercury News Kadris Schilderung des Vorfalls und nahm es dem 27-jährigen Stürmer nicht übel: "Ich hätte ohnehin zum Friseur gemusst und somit habe ich Geld gespart. Es hat auch überhaupt nicht wehgetan. Als ich auf dem Eis lag, sah ich in seine Hand und dachte 'das sind doch meine Haare. Okay, das ist ja hochinteressant.'"    

218 DIN A5-Seiten umfasst das NHL-Regelbuch zur Saison 2017/18. Ohne Index, Spielplan und diversen Schaubildern bleiben noch 132 übrig, in denen das Reglement in 87 Paragraphen (Rules) ausführlich beschrieben wird. Eine Seite des Regelwerks enthält im Schnitt 500 Wörter, was hochgerechnet 66.000 ergibt, doch das Wort 'beard' (Bart) kommt darin nicht vor. Warum sollte es auch?

('Haare ziehen' wird immerhin in Regel 75.2 (ii) Unsportsmanlike Conduct zu Deutsch unsportliches Vergehen als Beispiel für eine 2-Minuten Strafe erwähnt)

Es gibt sie die ungeschriebenen Gesetze, die nirgends vermerkt sind und deren Einhaltung von jedem Eishockeysportler erwartet wird. Sollten sie nicht beherzigt werden, zieht das Konsequenzen nach sich.

Wer dem gegnerischen Torwart eine Schneedusche verpasst, indem er abrupt vor ihm abstoppt und das Eis in dessen Gesicht hochspritzen lässt, während der Schlussmann die Scheibe unter sich begraben hält, muss sich nicht wundern, wenn er daraufhin den Handschuh eines heraneilenden Verteidigers zu spüren bekommt. Eventuell dürfte der Verursacher des Trubels anschließend selbst ganz froh sein, dass es zu den Tabus zählt, auf einen Spieler, der das Eis unter den Füßen bereits verloren hat, weiter einzuschlagen.

Weitere Regeln, die sich über viele Jahrzehnte des Eishockeysports herausgebildet haben, ohne dass sie festgeschrieben wurden, dienen der Sicherheit der Protagonisten. 'Wenn das Spiel unterbrochen wurde, wird nicht mehr auf das Tor geschossen.' Der Puck könnte ansonsten unverhofft einen Spieler/Torwart verletzen, der aufgrund des Schiedsrichterpfiffs keine Achtsamkeit mehr walten ließ.

Zu den Undingen zählt es ebenso, wenn ein Enforcer den Topstar der gegnerischen Mannschaft zu einem Duell mit Fäusten herausfordert oder wenn sich ein Spieler, nachdem er zu einem Boxkampf eingeladen hatte, plötzlich vom Acker macht, ohne zugeschlagen zu haben, womit er eine alleinige Strafe für die gegnerische Mannschaft herausbefördern würde.

Der Respekt vor dem Gegner 'verbietet' es nach einem Empty Netter in übermäßigen Jubel auszubrechen, um ihm nicht noch zusätzlich Salz in die Wunde zu streuen und selbstverständlich wird sich, wie hart auch der Kampf, vor allem in einer Stanley Cup Playoffserie, auf dem Eis war, anschließend in Reihe aufgestellt, um sich gegenseitig die Hände zu geben.

Letztendlich funktionieren die Erwartungshaltungen im Sport, wie auch im realen Leben, ganz nach dem kategorischen Imperativ von Immanuel Kant "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."

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