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Trainingstorhüter sind im Kommen

Bereits vor seinem NHL-Debüt stand Carolinas Zeugwart in voller Montur zwischen den Pfosten

von Kevin Woodley / NHL.com Korrespondent

An Silvester hatte Zeugwart Jorge Alves von den Carolina Hurricanes einen spektakulären Auftritt vor großem Publikum: 7,6 Sekunden vor Schluss der Partie bei den Tampa Bay Lightning ersetzte er Torhüter Eddie Lack und kam so zu einem der wohl ungewöhnlichsten Debüts in der Geschichte der NHL. Zu diesem Zeitpunkt führten die Gastgeber mit 3:1, wobei es bis zum Ende blieb.

Jeder, der die Ernsthaftigkeit dieser Aktion in Frage stellte und Alves belächelte, tut dem Mann Unrecht. Er leistet bei den Hurricanes nämlich neben seinem eigentlichen Job schon länger seinen Dienst als Backup-Goalie. Im Training legt er öfter mal die Torwartausrüstung an und springt für die etatmäßigen Schlussmänner Cam Ward oder Lack ein. Hurricanes-Coach Bill Peters bedankte sich deshalb ausdrücklich bei Alves für seinen Aushilfseinsatz in Tampa.

Einige Goalies sind der Meinung, dass Alves´ Rolle ein Vorbild für andere NHL-Klubs sein könnte. Das finden auch Peters und Ward, die Little Wardo - wie Alves liebevoll genannt wird - für seine Bereitschaft zum Multitasking loben. Wenn die beiden Hurricanes-Goalies während der Übungseinheiten eine Pause machen müssen, können die Feldspieler derweil auf dem Eis bleiben und ihre Schüsse auf einen "echten" Torhüter abgeben. "Die Jungs wollen einfach nicht auf ein leeres Tor spielen. Daher ist es toll, dass wir Little Wardo haben. Mit ihm können wir alle Situationen vor dem Tor, wie das Ablenken von Pucks, ganz real trainieren. Durch seinen Beitrag verschleißen wir unsere Stamm-Goalies nicht unnötig", erläuterte Coach Peters.

Ward schätzt den Nutzen, den der Einsatz von Alves bringt. "Das hilft selbstverständlich", sagte er bereits zu Saisonbeginn im Anschluss an ein Training, als er mit Alves auf dem Weg in die Umkleidekabine war. "Der Kerl liebt diese Position, spielt gerne und verschafft uns damit vor allem gegen Ende der Einheiten die nötigen Verschnaufpausen. Auf diese Weise sparen wir Kraft, was im Hinblick auf die lange Saison sehr wichtig ist", so Ward weiter.

Hinzu kommt, dass es für die Torhüter grundsätzlich nicht gut ist, das gesamte Training über mit dem Team auf dem Eis zu stehen. Ein Großteil der Zeit wird in der Regel fürs Einstudieren von Spielzügen verwendet, bei denen die Spieler meist nur locker verteidigen. Das bedeutet, dass die Angreifer mehr Platz zum Schießen haben, als dies in einem richtigen Match der Fall ist. Dort kommen sie vielleicht nur ein oder zweimal pro Saison in ähnliche Situationen. Das wiederum verleitet die Goalies, die Sache nicht allzu ernst zu nehmen. Vor allem dann, wenn sie das Gefühl haben, als reine Zielscheibe zu dienen, was zum Schluss eines Trainings mitunter vorkommt.

"Qualität geht bei mir vor Quantität", betont Ward. "Es ist schließlich nicht damit getan, einfach rauszugehen und sich zu verausgaben. Man muss die richtigen Dinge trainieren."

Die Nummer 1 der Minnesota Wild, Devan Dubnyk, führt seinen Franchise-Rekord von 38 Einsätzen in Serie zum Ende der Spielzeit 2014-15 auf die Tatsache zurück, dass zu Saisonbeginn drei Goalies rotierten. Mit Niklas Backstrom und Darcy Kuemper an seiner Seite war es ihm möglich, frühzeitig aufs Eis zu gehen und mit Torwarttrainer Bob Mason positionsspezifisch zu arbeiten. Dubnyk konnte sich verstärkt auf seine speziellen Bewegungsabläufe konzentrieren anstatt Hunderte Übungsschüsse abzuwehren. Trotzdem blieb immer noch genügend Zeit, um mit der Mannschaft zu trainieren.

Bei den Vancouver Canucks ist Athletik-Trainer Dave Zarn ab und an bei den Übungseinheiten als Goalie eingesprungen, selbst als mit Ryan Miller in der letzten Saison ein dritter Torhüter zur Verfügung stand.

Video: COL@VAN: Miller macht gegen Grigorenko im 3. dicht

"Aushilfstorhüter können ein Gewinn sein. Vor allem wenn man viele Spiele bestreiten musste oder am Vorabend ein schweres Match hatte, ist es gut, wenn man nicht auch noch die letzte Kraft einsetzen muss, die man sich fürs Training aufgespart hat", meint Miller. "Andererseits sollte man sich nicht zu sehr zurücklehnen und die Verantwortung auf die Aushilfstorleute abwälzen. Aber man kann nicht 45 Minuten lang fokussiert bleiben, wenn das Team seine Drills macht und der Torwart der Leidtragendende dabei ist."

Bei einigen Klubs stellt sich der Torwarttrainer selbst zwischen die Pfosten, wenn die Schlussmänner eine Ruhepause einlegen. Obwohl sie dadurch wertvolle Zeit einbüßen, um ihre Schützlinge anzuleiten und zu korrigieren. Aus diesem Grund könnte sich die Akzeptanz von Aushilfstorhütern zu Trainingszwecken in der NHL weiter erhöhen.

Stammtorwart Mike Smith von den Arizona Coyotes findet die Idee jedenfalls faszinierend, sein Coach Jon Elkin ebenfalls. "Auf die Dauer ist es kontraproduktiv, ständig die Nummer 1 einzusetzen. Wenn man einen dritten Mann zur Verfügung hätte, könnte man gelegentlich mit dem Stammtorhüter 20 Minuten im Training die Arbeit machen, die er benötigt. Dann käme der andere Goalie an die Reihe. Man sagt Ruhe ist eine Waffe. Aber man muss auch in der Lage sein, sie den Torleuten wirklich zu verschaffen."

Dies ist genau das, was Alves in Carolina tut. Obwohl er kürzlich für 7,6 Sekunden im Rampenlicht stand, ist es seine Arbeit spät in den Trainingseinheiten - wenn nur noch wenige zusehen -, mit der er eine nachhaltige Wirkung erzielt.

 

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