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Eigene Schwäche oder des Gegners Stärke

In zwei Aufeinandertreffen mit Team Europa setzte sich Team Nordamerika deutlich durch

von Bernd Roesch / NHL.com/de Chefautor

Nach zwei Testspielen zwischen Team Europa und Team Nordamerika steht es nach Toren 11-4 für die jugendliche Unbekümmertheit. Die Mannschaft von Todd McLellan, die nur aus nordamerikanischen Spielern besteht, die zum Stichtag 1. Oktober 2016 nicht älter als 23 Jahre sind, überrannte zweimal regelrecht die von Ralph Krueger betreute europäische Auswahl. Bevor dessen Spieler in der Nacht von Sonntag auf Montag überhaupt bemerkten, wie es ihnen geschah, lagen sie auch schon mit 1-4 im Hintertreffen. Noch nicht einmal 10 1/2 Minuten waren zu diesem Zeitpunkt gespielt.

Nachdem nun jedes der am World Cup of Hockey 2016 teilnehmenden acht Teams zwei Vorbereitungsspiele bestritten hat, stellt sich für den Beobachter die Frage, ob Team Europa die schwächste Mannschaft in diesem Turnier der Besten ist. Zu ihrer Verteidigung muss man anführen, dass ein Kader, der aus Spielern aus acht verschiedenen Nationen besteht, deutlich mehr Zeit benötigt, um sich zusammenzufinden, als eine homogene Gruppe. Krueger hat das im Vorfeld auch immer wieder erwähnt.

Der Coach von Team Europa sah aber auch, dass seine Mannschaft nicht aus den Fehlern, die sie im ersten Aufeinandertreffen beging, gelernt hatte.

"Wir waren extrem unzufrieden mit dem ersten Durchgang, nach dem, was wir in den vorangegangen Tagen nach der ersten Niederlage besprochen hatten."

Sie hatten sich vorgenommen das Spiel langsam zu machen, was sich angesichts dessen, dass sich die Scheibe in den Anfangsminuten nur selten in ihren eigenen Reihen befand, als schwer umsetzbar herausstellte. Team Nordamerika schoss aus allen Positionen und hatte dann auch noch das nötige Schussglück, als sie sich zwischen der sechsten und neunten Minute einen 3-Tore Vorsprung herausspielten. Für den deutschen Schlussmann Thomas Greiss bahnte sich ein Riesendebakel an, das Krueger verhinderte, indem er nach dem vierten Gegentor Greiss aus dem Kasten nahm.

Es wäre zu kurz gedacht, dem Torhüter die alleinige Schuld zu geben. Aufmunternde Worte bekam Greiss von seinem Schweizer Teamkollegen Mark Streit: "Thomas hatte es richtig schwer. Es gab unglückliche Abpraller und der ärmste Kerl auf dem Eis ist halt immer der Torhüter, auch wenn es nichts zu halten gab."

Jaroslav Halak und Thomas Greiss kassierten in den Spielen sechs und vier Gegentore. Die Torwartposition spielt bei dem anstehenden Turnier jedoch eine besonders wichtige Rolle. Ist sie eine Schwachstelle von Team Europa? Streit widerspricht: "Beide Torhüter sind richtig gut und sie werden für uns im Verlaufe des Turniers noch ganz wichtig sein."

Das Defensivverhalten von Team Europa war insgesamt zu bemängeln. Dabei sind nicht nur die Verteidiger gemeint, sondern auch die Angreifer, die im ersten Drittel von Spiel 2 zu wenig mithalfen. Drei Gegentore fielen als Team Europas Teamkapitän Anze Kopitar, bekanntlich einer der besten 2-Wege Spieler in der NHL, mit auf dem Eis stand. Man muss dem Slowenen aber zu Gute halten, dass zwei Treffer zu einem Zeitpunkt einschlugen, als Team Europa den Versuch unternahm das Spiel noch zu drehen.

Krueger hatte nach dem desaströsen ersten Spielabschnitt reagiert und Veränderungen vorgenommen, die sich auszahlten. Daraus lässt sich Mut für die noch anstehenden Aufgaben schöpfen. "Wir waren mit den letzten zwei Dritteln ganz zufrieden mit unserem Spiel. Jeder hat sich gesteigert, wir waren achtsamer, zeigten uns am Puck geduldig und trafen im Angriff die richtigen Entscheidungen. Wir verbrachten mehr Zeit im Angriffsdrittel und aus dieser ganzen Arbeit resultierten die Tore. Es war schwer, doch so müssen wir spielen [um erfolgreich zu sein]."

Team Europa stellt mit einem Durchschnittsalter von über 30 Jahren das älteste Team beim World Cup. Es war klar, dass die Mannschaft bei dem anstehenden Turnier nur eine Außenseiterrolle einnehmen wird.

Bei Team Nordamerika fiel besonders auf, dass nicht nur ihre erste Sturmformation mit Jack Eichel, Johnny Gaudreau und Connor McDavid Zug zum Tor zeigte, sondern alle vier Angriffsreihen gefährlich waren. Mit Colton Parayko (zwei Assists), Aaron Ekblad (zwei Tore), Ryan Murray (ein Assist) und Morgan Rielly (ein Tor) waren sogar vier Verteidiger an mindestens einen der sieben Treffer beteiligt gewesen. Matt Murray, der am Sonntagabend nicht zum Einsatz kam, konnte im ersten Aufeinandertreffen sogar einen Shutout feiern. Mit dieser Mannschaft ist auf jeden Fall zu rechnen, auch weil sie die Ruhe bewahrte nachdem Team Europa bis auf ein Tor herangekommen war und es daraufhin schaffte wieder einen Gang zuzulegen.

Ist Team Europa tatsächlich das schwächste Team oder sind sie in den Testspielen auf einen Gegner getroffen, der so stark ist, dass er sogar um den Titel mitkämpfen kann?

Die Antwort darauf bekommen wir ab dem 17. September, wenn im Air Canada Center von Toronto, der Puck zum Eröffnungsbully gefallen ist.

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