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Tabula rasa bei den Capitals nicht notwendig

Nach der Trauerarbeit beginnt in Washington die Saisonanalyse - Punktuelle Verstärkungen und neuer Coach?

von Axel Jeroma / NHL.com/de Autor

WASHINGTON - Nach dem Schlusssignal im Verizon Center in Washington hatte man den Eindruck, als befände man sich auf einer Beerdigung. In der mit 18.506 Zuschauern zum 364. Mal in Folge ausverkauften Arena herrschte bis auf vereinzelte Zwischenrufe aus dem Publikum betretenes Schweigen. Der finale Handshake zwischen Pittsburghs Coach Mike Sullivan und seinem Washingtoner Kollegen Barry Trotz glich vom Gesichtsausdruck her einer Kondolenzbekundung. Selbst die Spieler der Penguins verzichteten auf Triumphgehabe und formierten sich nicht, wie sonst nach großen Siegen üblich, zu einer Jubeltraube auf dem Eis. Womöglich war dies der eigenen Erschöpfung geschuldet, vielleicht aber auch dem Respekt vor einem starken Gegner, der seine Hoffnungen auf den Stanley Cup einmal mehr begraben musste.

Dabei sollte in diesem Jahr bei den Capitals alles anders werden. Die Hauptrunde hatten sie als bestes NHL-Team mit 118 Punkten abgeschlossen und sich zum zweiten Mal hintereinander die Presidents´ Trophy geholt. Der Auftakt zu den Playoffs verlief ebenfalls vielversprechend, wenngleich nicht völlig reibungslos. In der Best-of-7-Serie der ersten Runde im Osten schalteten die Capitals die mit aufstrebenden Jungstars gespickten Toronto Maple Leafs nach heftiger Gegenwehr mit 4:2 aus. Drei Siege errang man erst in der Verlängerung.

Der Kontrahent der zweiten Runde galt allgemein als die größte Hürde auf dem Weg ins Finale um den Stanley Cup. Wie im Vorjahr erwiesen sich die Pittsburgh Penguins jedoch als zu mächtiger Gegner, wenngleich man den Titelverteidiger nach einem 1:3-Rückstand in der Serie noch in das entscheidende siebte Spiel zwang. Das endete Mittwochabend 0:2 und stürzte die Mannschaft, die Verantwortlichen und die Fans der Capitals in kollektive Trauer.

Womöglich flammt bald die Diskussion um den Modus der Playoffs wieder auf. Der sieht vor, dass in den ersten beiden Serien jeweils die Teams aus einer Division gegeneinander antreten müssen. Da die Metropolitan Division als die stärkste Gruppe gilt, führt das in der Konsequenz zum frühen Aus potenzieller Anwärter auf den Cup. In der Tat hätte das Duell zwischen den Capitals und den Penguins ein würdiges Conference-Finale abgegeben. Stattdessen trifft dort nun Pittsburgh auf den Zweitplatzierten der Atlantic Division, die Ottawa Senators.

"Wir haben alles versucht", entschuldigte sich Washingtons Kapitän Alex Ovechkin mit leiser Stimme nach dem Knockout. Der russische Superstar entwickelt sich mehr und mehr zur tragischen Figur bei den Capitals. Ohne Zweifel hätten er und sein Team es aufgrund der imponierenden Darbietungen über all die Jahre längst einmal verdient, den Stanley Cup in Händen zu halten. Doch bislang kam die Franchise in der seit 2005 währenden Ära Ovechkin nicht einmal in die Nähe der Silberschüssel. Stets war vor dem Conference-Finale Schluss. Kein Wunder, dass den 31-jährigen Superstar die Selbstzweifel plagen. Seine Angst, als Unvollendeter in die NHL-Geschichte einzugehen, ist groß.

"Man fragt sich, was man noch alles wegstecken muss, bevor man endlich einen Weg findet, den Job zu erledigen", meinte Ovechkins Stürmerkollege T.J. Oshie. Er hat den Stanley Cup in seiner Laufbahn ebenfalls noch nie gewonnen.

Wie es bei den Capitals jetzt weitergeht, steht noch in den Sternen. Veränderungen dürfte es nach dieser weiteren Enttäuschung auf jeden Fall geben. Die Frage ist nur, wie tiefgreifend sie ausfallen werden. Tabula rasa zu machen ist im Grunde nicht notwendig. Dass die Belegschaft ihr Handwerk versteht, hat sie in den vergangenen zwei Jahren eindrucksvoll nachgewiesen. So wird man im Sommer wohl keinen kompletten Umbruch einleiten, sondern Ausschau nach punktuellen Verstärkungen halten und im Gegenzug dafür den ein oder anderen verdienten Profi abgeben. Nervenstärke in K.-o.-Runden sollte im Anforderungsprofil der potenziellen Neuzugänge ganz weit oben stehen.

In akuter Gefahr ist nach einhelliger Meinung von Branchenkennern der Arbeitsplatz von Coach Barry Trotz. Nicht nur das Ausscheiden in diesem Jahr, sondern auch seine insgesamt dürftige Playoff-Bilanz generell, geben eine plausible Begründung für das Amtsenthebungsverfahren her. In seinen 18 NHL-Spielzeiten als Trainer - 15 bei den Nashville Predators, drei bei den Capitals - kam er nie über die zweite Runde hinaus.

Wenn die Trauerarbeit beendet ist, werden sich die Verantwortlichen der Franchise zusammensetzen, die Saison analysieren und ihre Entscheidungen verkünden. Überraschungen sind dabei keineswegs auszuschließen.

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