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Seth Jones: Der stille Anführer der Blue Jackets

Columbus-Verteidiger spricht über Führungsspieler, seinen Trainer und schmerzhafte Lerneffekte

von Christian Rupp @IamCR1 / NHL.com/de Autor

NHL.com/de hat sich kürzlich mit einigen der besten Spieler aus der NHL getroffen und sie befragt, um einen Einblick in ein breites Themenspektrum zu bekommen. In dieser Ausgabe Seth Jones von den Columbus Blue Jackets:

Hinter Seth Jones liegt die beste Saison seiner bisherigen NHL-Karriere. Der Verteidiger von den Columbus Blue Jackets landete mit 57 Scorerpunkten (16 Tore, 41 Assists) unter den Top 10 der produktivsten Abwehrspieler und war damit zweitbester Scorer seiner Mannschaft hinter Stürmer Artemi Panarin (27 Tore, 55 Assists, 82 Punkte). Der 23-Jährige ist ein hochveranlagter Zwei-Wege-Verteidiger. In der Defensive glänzte der US-Amerikaner mit 124 Blocks (3. bei den Jackets) und 67 Takeaways (2.) und war Teil der zweibesten Abwehr in der Eastern Conference (nur 230 Gegentore, hinter den Boston Bruins mit 214).

 

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In der Offensive verfügt der Rechtsschütze über herausragende Pass- und Schussqualitäten, erzielte die meiste Powerplay-Punkte (24) und Überzahl-Tore (sieben, wie Panarin) und zeichnete für vier Siegtreffer (4.) verantwortlich. Klar, dass Columbus-Coach John Tortorella seinen Nummer-1-Verteidiger so oft wie möglich aufs Eis schickt: Durchschnittlich 28,9 Wechsel pro Spiel sowie im Schnitt 24:36 Minuten Eiszeit pro Partie bedeuten jeweils den teaminternen Bestwert.

Jones lässt lieber Foligno reden

Zweifelsohne gehört Jones trotz seines jungen Alters schon zu den Führungsspielern bei den Blue Jackets. Dabei ist er alles andere als ein Lautsprecher. "Ich denke, dass die Leute manchmal ein falsches Bild davon haben, was einen Anführer ausmacht und wie Spieler versuchen zu führen. Ich persönlich bin kein großer Redner, ich bin niemand, der immer in die Kabine kommt und dort ein Gespräch eröffnet oder die Mitspieler heiß macht oder herumschreit", berichtet Jones. "Nick Foligno macht diesbezüglich einen guten Job als emotionaler Stimmführer. Ich bin eher jemand, der Dinge nur dann sagt, wenn sie gesagt werden müssen. Wenn ich aufs Eis gehe, dann wissen meine Mitspieler, was sie von mir bekommen. Das ist auch ein großer Teil eines Führungsspielers, dass sich deine Kollegen auf dich verlassen können. Ich komme jeden Tag zum Training, arbeite hart und mache meinen Job. Das ist meine Definition einer Führungspersönlichkeit."

Tortorella packt seine Spieler nicht in Watte

Zu einer solchen reifte Jones zunächst in drei Jahren bei den Nashville Predators sowie in den folgenden drei Spielzeiten in Columbus. Dort traf der Erstrunden-Draftpick aus dem Jahr 2013 (4. Stelle) mit Tortorella auf einen erfahrenen und polarisierenden Coach. "Es hat sich beinahe so angefühlt, als wäre ich erneut gedraftet worden, denn ich kannte keinen anderen Spieler im Team und auch nicht die Coaches oder die Betreuer", plaudert Jones aus dem Nähkästchen. Umso wichtiger war es, dass sein Trainer immer ein offenes Ohr für ihn hatte. "Was ich wirklich an Torts schätze, ist seine Ehrlichkeit. Du kannst mit ihm über Eishockey reden oder über eine Situation aus deinem Leben, die nichts mit Hockey zu tun hat - er wird die eine ehrliche Antwort geben. Ich weiß jetzt, was er von mir erwartet, wie er drauf ist und wie er auf gewisse Dinge reagiert. Er hat hatte einen großen Einfluss auf die aufstrebende Tendenz in meinem Spiel. Gerade als junges Team brauchst du das manchmal, dass dir jemand genau sagt, wie es ist und dich nicht in Watte packt. Du kannst zu jeder Zeit mit ihm reden und er lässt dich wissen, was er davon hält."

Schmerzhafte Lerneffekte

Mit 25,13 Jahren sind die Blue Jackets das derzeit zweitjüngste Team in der NHL. Klar, dass der Entwicklungsprozess noch nicht abgeschlossen ist. "Mit jedem Jahr, das wir spielen, gewinnen wir mehr an Erfahrung. Wir haben 20-, 21-, 22-Jährige, die schon ein, zwei Saisons gespielt haben und nun wissen, was es bedeutet, in den Playoffs zu stehen. Mich eingeschlossen. Das kann dir keiner mehr nehmen."

Zu den gesammelten Erfahrungen zählten allerdings auch denkbar bittere Momente. So schied Columbus in der 1. Playoff-Runde trotz 2:0-Serienführung noch gegen den späteren Stanley-Cup-Sieger Washington Capitals aus (2:4). "Es war ein schmerzhafter Lernprozess", so Jones. "Wir waren 2:0 vorne, keiner hat geglaubt, dass das passieren kann. Ehrlich gesagt waren wir überrascht, dass wir mit einer 2:0-Führung heimgekehrt sind. Dann verlieren wir Spiel 3 in der Overtime und haben uns in Spiel 4 eingenässt, dabei war es das wichtigste Spiel in dieser Serie. Wir hätten eines der ersten beiden Heimspiele gewinnen müssen, haben es aber nicht geschafft. Die Capitals hatten bei der Rückkehr nach Washington das Momentum auf ihrer Seite, dann verlieren wir auch Spiel 5 in der Verlängerung, was uns die Füße weggezogen hat. Daraus können wir lernen und das müssen wir auch - da haben wir keine andere Wahl. Hoffentlich können wir die Dinge anders gestalten, wenn wir nochmals in eine solche Situation kommen sollten."

Video: MTL@CBJ: Jones findet im Powerplay die Lücke

Caps als Vorbild

Die Playoffs sind für die Blue Jackets auch 2018/19 das erklärte Ziel. Das Team ist selbstbewusst. "Wir werden uns nicht hinstellen und sagen, dass wir den Stanley Cup gewinnen wollen - aber wir erwarten große Taten von unserer Mannschaft", betont Jones und hofft auf den "Jetzt-erst-recht"-Effekt nach Vorbild der Capitals. "Wie viele Male hat Washington in der ersten oder zweiten Playoff-Runde gegen Pittsburgh verloren und wie oft in der Metro Division?", stellt der Verteidiger eine rhetorische Frage und verweist auf die Eigendynamik der Capitals in der Endrunde: "Jeder hat gesagt, dass das jetzt ihr Jahr wird und es wurde es auch. Für sie hat alles funktioniert. Ich würde uns nicht mit Washington vergleichen, außer vielleicht in diesem Fall. Wir werden womöglich auf demselben Pfad wandeln."

Bleiben Panarin und Bobrovski?

Wie lange die beiden Jackets-Stars Panarin und Goalie Sergei Bobrovski noch in dieselbe Richtung laufen, ist hingegen noch offen. Die Verträge der beiden Schlüsselspieler laufen zum Saisonende aus - noch gab es keine Einigung bezüglich einer Verlängerung. "Wir möchten, dass beide so lange wie möglich bleiben. Sie sind ein wichtiger Bestandteil für unsere Mannschaft. Ich glaube, dass die Leute gar nicht verstehen können, wie wichtig ihre Rolle in jedem Spiel für unser Team ist", sagt Jones. Er sieht dieses Thema aber auch nicht im Vordergrund stehen: "Hoffentlich dreht sich unsere Saison nicht nur darum - das wäre schade. Ich beeinflusse das, was ich selbst beeinflussen kann. Wenn ich mich hinsetzen und mir über andere Spieler Gedanken machen würde, könnte ich mich nicht mehr auf mein Spiel konzentrieren und nicht an meine Leistungsgrenze gehen."

Ein Gespräch mit den beiden Russen hat der US-Amerikaner übrigens noch nicht geführt. "Sie machen ihr eigenes Ding, reisen viel zusammen. Ich habe auch das Gefühl, dass Artemi viel auf Instagram unterwegs ist und Bob darin immer mehr involviert wird. Darüber bleiben wir in Kontakt", so Jones, der seinen Ruf des "stillen Anführers" damit noch einmal unterstreicht.

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