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Toronto fühlt sich fürs nächste Jahrhundert gerüstet

Nicht nur der Sieg im "Next Century Game" gegen Carolina verdeutlicht die gute Entwicklung der Maple Leafs

von Uwe Werkmeister / NHL.com/de Gastautor

Es ist der 19. Dezember 2017. In Toronto, der größten kanadischen Stadt, stehen sich im Air Canada Center die Teams der Toronto Maple Leafs und der Carolina Hurricanes gegenüber. Für den NHL-Betrachter ein gewöhnliches Eishockey-Spiel zweier Teams aus der Eastern Conference und eines von insgesamt 1.271 Saisonspielen zwischen dem 4. Oktober 2017 und dem 7. April 2018, in denen letztendlich die 16 Teams ausgespielt werden, welche dann um den begehrten Stanley-Cup kämpfen.

Doch das Datum bedeutet, dass exakt vor 100 Jahren der erste Puck in einem NHL-Spiel auf das Eis fiel. Der Beginn einer Ära, mit unzähligen Weiterentwicklungen, mit herausragenden Spielerpersönlichkeiten, sportlichen Triumphen und genauso vielen Dramen. Blickt der heutige Interessierte einmal 100 Jahre zurück, dann schaut er auf vier Teams, welche die Liga im November 1917 gründeten. Als einige Wochen später der Spielbetrieb aufgenommen wurde, konnte bis dahin ein Team hinzugewonnen werden, eine andere Mannschaft hatte sich bereits zurückgezogen und seine Spieler auf die restlichen Teams verteilt und die Montreal Wanderers zogen sich bereits nach sechs Spieltagen vom Ligaalltag zurück, nachdem deren Halle abgebrannt war. Somit verblieben letztendlich 3 Mannschaften, die den begehrten Stanley Cup ausspielten.

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Die Toronto Arenas, später Toronto St. Patricks und seit 1927 die heute bekannten Toronto Maple Leafs waren an diesem ersten Spieltag der National Hockey League aktiv. Im Arena Garden, auch Mutual Street Arena genannt, empfingen sie die Montreal Wanderers und unterlagen mit 9:10. Für die Stadt am Ontario See, der Beginn einer Zeit voller Erfolge, aber auch eine Zeit der sportlichen Nackenschläge.

Sollte jemand die 100-jährige Geschichte der Franchise in einen Satz packen müssen, so läge er mit "Die ersten 50 Jahre hui, die zweiten 50 Jahre pfui" gar nicht so daneben. Gelangen in der frühen Hälfte sämtliche 13 Stanley-Cup-Erfolge, so lechzen das Team und die gesamte Leafs-Nation seit dem letzten Titelgewinn 1967 schier nach sportlicher Anerkennung.

Unter diesem Blickwinkel betrachtet, ist das Aufeinandertreffen Maple Leafs mit den Hurricanes doch kein so gewöhnliches Spiel.

Wie geht es weiter mit den Blau-Weißen und dem übergroßen Ahornblatt auf dem Trikot? Ist das Team gerüstet für neue Erfolge?

In den Zeiten der Gehaltsobergrenze für Teams werden Vorhersagen auf zukünftige Erfolge immer schwieriger. So genannte Dynastien im Eishockey, als Mannschaften ganze Dekaden bestimmten, ähnlich auch den Leafs-Teams in den 1940er Jahren, als es gelang den Stanley Cup fünf Mal zu gewinnen, wird es zukünftig wohl nicht mehr geben. Zu ausgeglichen ist die Liga, Jeder kann jeden schlagen, überraschende Ergebnisse entzücken den Sportfan beinahe in jeder Nacht.

Umso mehr ist das Management gefragt. Das Erkennen von Talenten, dafür Draftrechte zu ergattern, Spieler weiter zu entwickeln, geschickte Tauschgeschäfte einzufädeln, all diese Eigenschaften muss die Führungsriege in einer heutigen NHL-Franchise mitbringen.

Die Toronto Maple Leafs erscheinen hier jetzt endlich bestens aufgestellt. Sowohl Lou Lamoriello als General Manager und damit Hauptverantwortlicher für die Teamzusammensetzung, als auch Mike Babcock als Cheftrainer der Mannschaft hielten bereits den Stanley Cup in den Händen. Nun gilt es, diese Erfahrungen auf ein Team zu übertragen, welches einem enormen Erfolgsdruck ausgesetzt ist. Nur wenige andere Städte in Nordamerika sind so auf Eishockey fixiert, mit allen positiven wie negativen Konsequenzen.

Ein fast immer ausverkauftes Stadion, auch wenn der Erfolg so lange auf sich warten ließ, die Euphorie der Fans bei Erfolgen, aber auch ein unglaublicher Medienrummel, Liveübertragungen im lokalen TV vom Training oder dem Skaten am Morgen der Spieltage und eine überaus kritische Presse wirken auf das Team.

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Nach langen Jahren der Tristesse am großen See zeichnen sich aber mehr als nur Leuchtstreifen am Horizont ab. Unter der Führung vom Brendan Shanahan als Präsident und selbst dreimaliger Stanley-Cup-Gewinner, gelang es in den vergangenen beiden Jahren eine Mannschaft zusammenzustellen, welche die gesamte "Leafs-Nation" frohen Mutes in die Zukunft schauen lässt.

Im aktuellen Kader stehen sieben Spieler, welche 1994 oder später geboren wurden, alle sind Stammkräfte und verfügen über weiteres Entwicklungspotenzial. Im letzten Sommer konnten mit Patrick Marleau (38) und Ron Hainsey (36) zwei Akteure verpflichtet werden, welche gemeinsam über fast 2.500 NHL-Spiele an Erfahrung verfügen und die, besonders in kritischen Momenten, das junge Team führen sollen.

Mit Auston Matthews halten die Maple Leafs einen Spieler mit unglaublichen Fähigkeiten, nicht wenige Experten vergleichen ihn mit dem jungen Sidney Crosby. In der vergangenen Spielzeit wurde er als "Rookie der Saison" ausgezeichnet, also als bester Jungprofi der gesamten NHL. Darüber hinaus führte er seine Mannschaft, für viele unerwartet, in die Playoffs, in denen die Kanadier überzeugten und nach großem Kampf dem Vorrundenprimus Washington Capitals mit 2:4 unterlagen.

Gelingt es dem Management, einen großen Teil der talentierten Spieler auch über deren aktuelle Einstiegsverträge hinaus an Toronto zu binden, findet das Team eine Konstanz im Abwehrverhalten und stabilisieren sich die derzeit respektablen Torhüterleistungen weiterhin, so kann es gelingen, in einem nicht allzu fernen Juni den Stanley Cup in den Blau-Weißen Himmel über dem Ontariosee zu recken. Das gesamte Team und die begeisterten Anhänger hätten es auf alle Fälle verdient.

Zurück zum 19. Dezember 2017. Schon am frühen Morgen liefen Berichte über das anstehende Spiel in diversen Fernsehprogrammen, in der Stadt wurden noch deutlich mehr Menschen in den Trikots der Maple Leafs oder auch der Toronto Arenas gesehen als an üblichen Spieltagen. Sie alle wollten bei diesem besonderen Spiel im Stadion auf dem Maple Leafs Plaza live dabei sein.

Die Mannschaft spielte zur Erinnerung an die Toronto Arenas und an das erste NHL-Spiel vor exakt 100 Jahren in deren Trikots. Vor dem Spielbeginn betraten gemeinsam mit den Spielern rund 40 Eishockey spielende Kinder das Eis, alle trugen die 17 als Rückennummer, eine symbolische Geste für den Beginn eines neuen Jahrhunderts in der hockeyverrückten Stadt Toronto.

Die zahlreichen Fans im ausverkauften Rund wurden nicht enttäuscht, denn die Toronto Maple Leafs lieferten ein großes Spektakel mit vielen Toren, spektakulären Saves der beiden Torhüter und zur besonderen Freude der Zuschauer lieferten sich Justin Williams und Leo Komarov einen intensiven Fight.

Passend zum Jubiläum verließen die Gastgeber als 8:1 Sieger das Eis. Als gäbe es nicht schon genug zu feiern, gelang James van Riemsdyk bei seinem Power-Play-Treffer zum zwischenzeitlichen 3:1 auch noch das 20.000. Tor in der 100-jährigen Geschichte des Eishockeys in Toronto.

Nicht nur dieses Spiel nährte die Hoffnung, dass dieses Team durchaus in der Lage ist, an längst vergangene Zeiten anzuknüpfen.

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