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Die südlichste Eishockeyhochburg der Welt

In Tampa ist etwas Großes entstanden, wie beim NHL All-Star Game ersichtlich wurde

von Bernd Rösch / NHL.com/de Chefautor

Sie wurden etwas müde belächelt, als sie zur Saison 1992/93 ihren Spielbetrieb aufnahmen. Wer sollte sich schon an der Westküste Floridas für Eishockey interessieren? Vielleicht gibt es ja ein paar kanadische Rentner, die jährlich der Kälte im Mutterland des Eishockeys entfliehen möchten und im Hillsborough County überwintern. Ansonsten wird sich niemand in der gerade einmal 11.000 Zuschauer fassenden Expo Hall einfinden, die für Messeveranstaltungen und vielleicht noch Konzerte geeignet ist, aber sicherlich nicht für NHL-Spiele, krakelten vor rund 25 Jahren Kritiker, denen es an Fantasie fehlte.

Die Gegenwart belehrt sie eines Besseren!

Am 27./28. Januar 2018 richtete die NHL ihr All-Star Wochenende in der Amalie Arena von Tampa aus und feierte mit ihren besten Akteuren ein berauschendes Fest, dass die Anhänger der gastgebenden Tampa Bay Lightning vor Ort in Verzückung versetzte - von wegen unter Palmen kann keine Eishockeybegeisterung entstehen!

Als die NHL vor 19 Jahren zum ersten Mal für ein All-Star Game in Tampa Station machte, sah die Lage noch etwas anders. Die Lightning hatten in sechs ihrer ersten sieben Spielzeiten die Stanley Cup Playoffs verpasst und von einer Euphorie darüber, dass sich die besten Eishockeysportler im 1996 erbauten Ice Palace ihrer Heimatstadt die Ehre geben, war außer bei den eingefleischtesten Fans der schnellsten Mannschaftssportart noch relativ wenig zu spüren.

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Angesichts ihrer sportlichen Erfolgslosigkeit, erwies sich auch ein finanzielles Engagement bei dem Franchise als Desaster. Oder war es vielleicht doch umgekehrt? War es das mangelnde Eishockeyinteresse der diversen Investoren, von der japanischen Kokusai Green bis zu Art Williams, warum das Team scheiterte?

Nachdem William Davidson, der Eigentümer der Detroit Pistons, die Lightning zum Ende der Spielzeit 1998/99 erworben hatte, sollte sich zum ersten Mal das Blatt zum Guten wenden. Mit Tim Wilson als Präsident und Rick Dudley als General Manager wagten die Lightning einen Neuanfang. Als dann auch noch John Tortorella zur Mitte der Spielzeit 2000/01 den bis dato wenig begehrenswerten, aber verantwortungsvollen Posten hinter der Bande der Lightning übernahm, ging es aufwärts. Die konstante Arbeit des Übungsleiters sollte sich auszeichnen. Im Folgejahr verpassten sie zwar noch einmal die Playoffs, doch 2002/03 und 2003/04 zogen sie als Tabellenerster der Southeast Division in die Endrunde ein.

Spätestens nach dem Gewinn des Stanley Cups 2004, als sie im Finale die Calgary Flames in sieben Spielen bezwangen, war es in Tampa angesagt, die Lightning zu unterstützen. Plötzlich war Eishockey ein Thema, das in den schicken Bars an der Waterside die Gemüter erregte. Zum einen, weil zum ersten Mal in der NHL-Historie ein Team aus dem Süden der Staaten die begehrte Trophäe einheimste, zum anderen, weil die Truppe von Tortorella ein durchaus ansehnliches Eishockey den Zuschauern bot.

Nichts verkauft sich besser als Erfolg, doch nichts ist im Sport so vergänglich wie selbiger. Nach dem Höhenflug folgte der tiefe Fall. Die Helden von damals, wie ein Dave Andreychuk, ein Fredrik Modin, ein Brad Richards oder ein Nikolai Khabibulin hatten längst ihre Schlittschuhe an den Nagel gehängt oder standen bei anderen Klubs unter Vertrag, als Tampa Bay zwischen 2008 und 2010 dreimal hintereinander die Playoffs verpasste.

Mit Jeffrey Vinik fand sich während der Spielzeit 2009/10 ein Käufer und Investor mit Vision für die erneut angeschlagene Franchise. Er engagierte im Mai 2010 Steve Yzerman als neuen General Manager, der wiederum Guy Boucher das Vertrauen als Headcoach schenkte. Postwendend zogen die Lightning, angeführt von einem jungen Stürmer namens Steven Stamkos, in das Eastern Conference Finale 2011 ein, wo sie sich dem späteren Stanley Cup Champion, den Boston Bruins in sieben Spielen geschlagen geben mussten.

Stamkos, den die Lightning beim NHL Draft 2008 in der ersten Runde gezogen hatten, sollte mit seinen Torjäger- und Führungsqualitäten das neue Gesicht des Teams werden. Und der heute 27-jährige Center enttäuschte die Verantwortlichen nicht. Jahr für Jahr zählen die Lightning zu den Titelaspiranten in der Liga.

Doch auch die Zeiten, in denen die diversen Eigentümer das Team nur als kurzfristiges Investment betrachteten, das möglichst schnell viel Rendite einfahren soll - was übrigens stets misslang - sind Vergangenheit. Vinik nahm weitere Millionen in die Hand, um die Amalie Arena rundum zu erneuern und nahm dabei die Gemeinde mit ins Boot, die sich an den Renovierungkosten beteiligte und somit ein eigenes Interesse daran hegt, dass ihre Lightning die Massen begeistern.

Dem 58-jährigen Vinik war es ein persönliches Anliegen, dass sich die Lightning in der Region sozial engagieren. Er gründete die Lightning Foundation, die bei jedem Heimspiel US$ 50.000 an gemeinnützige, lokale Organisationen spendet. Auch dadurch gelang es ihm, dass sich dieses Team zu einer Institution in der Region entwickelt hat und aus Tampa die südlichste Eishockeyhochburg der Welt wurde.

"Wenn du rausgehst, dann möchtest du den Fans eine Show bieten und natürlich feuern sie die Heim-Jungs an. Kuch [Nikita Kucherov] erzielte einen Hattrick im ersten Spiel. Haben sie die Reaktion der Fans gesehen? Das ist das Besondere für jeden Einzelnen, wenn er aufs Eis geht. Daran werden wir uns immer in unserer Karriere erinnern", schilderte Stamkos nach dem NHL All-Star Game, was momentan in Tampa abgeht.

Von wegen Eishockey für Pensionäre!

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