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1.888 - Ein sporthistorischer Moment

Jaromir Jagr von den Florida Panthers ist seit heute die alleinige Nummer Zwei der NHL-Geschichte

von Robin Patzwaldt @RobinPatzwaldt / NHL.com/de Autor

Es ist vollbracht! Jaromir Jagr ist mit nun offiziell 1.888 Punkten seit letzter Nacht der Spieler mit den zweitmeisten Punkten, er hat seit dem Abend einen Zähler mehr als Mark Messier, liegt allerdings knapp 1000 Zähler hinter Wayne Gretzky, dessen Wert von 2.857 Zählern vermutlich nie wieder jemand wird erreichen können.

Jagr hat seinen Platz in den Geschichtsbüchern der besten Eishockeyliga der Welt damit unzweifelhaft schon jetzt endgültig eingenommen. Ganz egal wie lange der inzwischen 44-Jährighe, der wohl noch deutlich mehr Zähler auf dem Konto haben könnte, hätte er die Liga nicht zwischenzeitlich einmal für ein 3-jähriges Intermezzo in der russischen KHL unterbrochen, noch aktiv sein wird.

Leider, aus seiner Sicht, war der Rahmen am Donnerstag im heimischen BB&T Center, sein persönlich so historischer Abend, dann insgesamt aber doch alles andere als ideal. Mit 1:3 unterlagen die Florida Panthers den Boston Bruins am Ende vor den eigenen Fans. Und auch Jagrs geschichtsträchtiger Zähler entsprach nicht gerade den Träumen des Aktiven.

Der Puck wurde ihm dabei, wie Jagr selber berichtete, leider nur gegen das 'Hinterteil' geschossen, von dort dann zum Torschützen weitergeleitet. Gezählt hat das am Ende natürlich auch so.

Von diesen eher unschönen Begleitumständen aber einmal abgesehen war es eine wahrlich eishockeyhistorisch bedeutende Nacht. Dessen waren sich anschließend dann auch alle Beteiligten sehr bewusst.

"Ich hatte mir das heute eigentlich etwas anders vorgestellt" räumte Jagr nach dem Spiel ein. "Schöner wäre es ja dann doch gewesen ich hätte ein wichtiges Tor erzielt oder zumindest einen schöneren Assist beigesteuert. Und natürlich hätte ich das Spiel am Ende dann auch lieber gewonnen. Es ist leider dann doch etwas anders gekommen. Das hat ja jeder gesehen. Nun können wir uns aber voll auf die zukünftigen Aufgaben konzentrieren und das Thema hiermit dann auch wirklich hinter uns lassen."

Video: BOS@FLA:Jagr überholt Messier nach Punkten und ist 2.

In der Tat war der Treffer aus dem sein 1.888. Karrierepunkt entsprang am Ende weder besonders wichtig noch der Anteil von Jagr daran besonders sehenswert. Ein Schuss von der Blauen Linie sprang Jagr seitlich an die Hose, wurde von dort leicht vor den Kasten der Bruins abgefälscht und dann humorlos Aleksander Barkov zum zwischenzeitlichen 1:2, rund 6,5 Minuten vor dem Spielende, verwertet.

Direkt im Anschluss daran wurde das Spiel kurz für ein paar Momente unterbrochen, dem Tschechen direkt ein goldener Schläger als Erinnerungsstück überreicht, ein kurzes Interview auf dem Eis geführt. Sehr zur Freude der anwesenden Zuschauer.

Doch zu mehr reichte es für die Mannen aus Florida an diesem Abend letztendlich sportlich nicht. Im Gegenteil. Ein Empty Net-Tor durch David Backes besiegelte die Niederlage kurz darauf endgültig.

Zumindest aber ist Jagr damit nun erst einmal wieder aus den ganz großen Schlagzeilen, ist der Druck auf ihn nun wieder deutlich geringer. Erste Versuche in diese Richtung hatte es auch bereits im Vorfeld des jüngsten Spiel gegeben, nachdem Jagr kürzlich mit 1.887 Zählern bereits zu Messier erfolgreich aufgeschlossen hatte. In der Umkleide trieben seine Mitspieler bereits seine Scherze mit dem Routinier, hatten ihm symbolisch einen Stoffaffen geschenkt, mit dem Hinweis, dass er ja bald den 'monkey of his back' kriegen solle bzw. könne. Ins Deutsch übersetzt heißt das etwa, dass er diesen psychologischen Rucksack endlich losbekommen solle bzw. könne. Dies gelang dann ja nun auch erfolgreich, und Jagr und Teamkameraden scherzten daher auch herzlich über den gelungenen Gag im Kreise der Teamkameraden vor laufender TV-Kamera. Offenbar war nahezu allen Beteiligten die ungewohnt große Aufmerksamkeit rund um diese sporthistorische Marke als möglicherweise dann doch belastend vorgekommen.

Dass nun auch der nächste Schritt, der alleinige Platz Zwei für Jagr in den Geschichtsbüchern der NHL so rasch gelingen würde, das wird sicherlich für weitere Erleichterung im Umfeld der Franchise sorgen, wie man auch den Worten von Jagr im Anschluss schon zwischen den Zeilen entnehmen konnte.

"Ihr kennt mich doch" so Jagr. "Ich fühle mich immer für das Team verantwortlich. Für mich ist es jetzt nicht so einfach über meine persönlichen Erfolge in der Vergangenheit zu sprechen. Ich hätte heute lieber gewonnen und hätte selber keinen Punkt erzielt."

So ganz ohne Sonderlob wollten ihn die anderen Vertreter der Panthers und auch aus seiner persönlichen, sportlichen Vergangenheit dann aber nicht davonkommenlassen. Trotz seiner Bescheidenheit nach dem Erreichen des Meilensteins.

Sein derzeitiger Coach Tom Rowe zum Beispiel, der lobte ihn in den höchsten Tönen, trotz der kurz zuvor erlittenen Niederlage. "Es ehrt ihn, dass ihm die zwei Zähler heute wichtiger gewesen wären als sein persönlicher Erfolg. Da können viele unserer jungen Spieler eine Menge lernen."

Auch sein erst 21-jähriger Teamkamerad Barkov war sich der Zwiespältigkeit der Situation schon voll bewusst: "In 20 Jahren wird man sich an diese historische Nacht ganz anders erinnern als heute, wo die Niederlage in diesem wichtigen Spiel für uns schon noch gehörig schmerzt. Aktuell fühlt es sich noch nicht ganz so gut an wie es sollte."

Selbst der Gegner wollte da nicht zurückstehen, spendete artig Komplimente. Torhüter Tukkaa Rask war unter den ersten Gratulanten: "Es ist eine Ehre für mich mit ihm zusammen in den NHL-Geschichtsbüchern gelandet zu sein. Das ist einfach toll." Rask war im Jahre 2013 bekanntlich für einige Zeit ein Teamkollege von Jagr zusammen in Boston.

Und auch sein alter Coach und heutiger Cheftrainer der gegnerischen Mannschaft, Claude Julien, schloss sich gegenüber den Medienvertretern an: "Er hat diese Aufmerksamkeit zweifelsohne völlig verdient. Es war schön für uns, dass wir ein Bestandteil dieses historischen Moments sein durften, auch wenn Gegentore natürlich nichts schönes sind." Das sagt sich so allerdings auch relativ leicht, wenn man, wie im Falle der Bruins geschehen, das Spiel am Ende gewonnen hat.

Vielleicht verschafft nun aber auch etwas mehr zeitlicher Abstand zur enttäuschenden 1:3-Heimpleite dem Tschechen bald schon wieder etwas mehr Stolz auf das Erreichte.

Nach nun fast 100 Jahren Ligageschichte der Spieler mit den zweitmeisten Zählern in den Statistiken dieser großartigen Liga zu sein, das ist schon etwas ganz Besonderes. Daran darf auch das Zustandekommen des Jubiläum-Assists keinen Zweifel lassen.

Und es dürften ja wohl auch noch einige Punkte für Jagr dazukommen. Mit seinen derzeit 44 Jahren steht der Stürmer noch immer nicht am Ende seiner Zeit in der Liga, wie auch er hofft.

"Das ist wie im richtigen Leben. Manch einer stirbt schon mit 60, andere werden 100. So ist das auch beim Eishockey. Manch einer hat eben mehr Glück als ein Anderer. Und manch einer kann noch mit 40 auf diesem Niveau spielen, andere halt nur bis 30. Wenn ich diese Möglichkeit habe noch länger hier zu spielen, dann tue ich das auch so lange ich es kann…"

Es könnten also noch einige Erfolgserlebnisse dazukommen im Falle von Jaromir Jagr! Und damit bestünde dann ja auch noch länger die Chance auf schönere Tore und Assist-Punkte für den Tschechen. Wollen wir es für ihn hoffen, denn dieser Ausnahmespieler hätte es zweifelsohne verdient!

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