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Healthy Scratch - gesund und spielbereit auf der Tribüne

Immer öfter müssen Altstars der jüngeren Generation Platz machen und sich im Anzug das Spiel von der Tribüne aus anschauen

von Christian Treptow @NHLde / NHL.com/de Freier Autor

Es ist wohl so ziemlich das härteste Schicksal, das einen Spieler in der NHL treffen kann: Healthy Scratch. Das bedeutet: Der Spieler ist eigentlich bei bester Gesundheit, aber der Coach hat sich dafür entschieden, dass er dessen Dienste in diesem Spiel nicht braucht. Das ist hart, das ist für die Spieler auch bitter. Dabei machen die Trainer auch nicht vor prominenten Namen halt. 

Die jüngsten Beispiele sind Bobby Ryan (Ottawa Senators) und Brent Seabrook (Chicago Blackhawks). 2005 war Ryan in der ersten Runde an zweiter Stelle von den Anaheim Ducks gedraftet worden. Die Erwartungen an den US-Amerikaner waren entsprechend hoch. Und zunächst klappte es auch ganz gut. Er scorte regelmäßig 30 Tore und brachte es auf mehr als 50 Punkte. Doch irgendwie hat es zum ganz großen Durchbruch, den man von einem Nummer-zwei-Pick erwartet, nie gereicht. Daran änderte sich auch nichts, nachdem Ryan bei den Ottawa Senators gelandet ist. Im Gegenteil: Seit Ryan in der kanadischen Hauptstadt aktiv ist, ging seine Produktion in der Offensive noch weiter nach unten. In der vergangenen Saison waren es magere 15 Tore und 27 Vorbereitungen. In der laufenden Spielzeit waren es in zehn Spielen lediglich ein Tor und drei Assists.

Nun sollte man meinen, dass gerade die Senators einen erfahrenen Rechtsaußen wie Ryan gebrauchen könnten. Das Team hat aus elf Spielen lediglich sieben Zähler eingesammelt. Da könnte doch ein Veteran mit immerhin zwölf Jahren NHL-Erfahrung wie Ryan helfen, oder? Erst recht, wenn er ein durchschnittliches Jahressalär von 7,25 Millionen US-Dollar einstreicht und damit Top-Verdiener des Teams ist. 

Doch Senators-Coach D.J. Smith ist da anderer Meinung: "Ich denke leistungsorientiert. Die 20 Spieler, die am härtesten arbeiten, spielen." Offenbar gehörte Ryan für das Heimspiel gegen die San Jose Sharks am Wochenende nicht zu dieser Gruppe. Stattdessen wurde Stürmer Filip Chlapik vom AHL-Farmteam Bellevile Senators hochgezogen. Der 22-Jährige ist mittlerweile im dritten Jahr in Nordamerika, wartet aber ebenfalls noch auf seinen Durchbruch. 

Ähnlich wie bei Ryan ist es im Fall von Seabrook. Seit 2005/06 ist der Kanadier für die Chicago Blackhawks in der NHL aktiv. Über 1200 Spiele (reguläre Saison und Playoffs) hat er mittlerweile auf dem Buckel. Dreimal gewann er mit dem Team aus der Windy City den Stanley Cup und war immer eine verlässliche Größe in der Defensive. Dabei stand der Erstrunden-Draftpick - die Blackhawks zogen ihn 2003 an 14. Stelle - noch nie für die großen statistischen Werte in der Offensive. Er ist mehr der Typ, der hinten dicht macht. 

Doch ähnlich wie bei den Senators, läuft's auch bei den Blackhawks in dieser Saison nicht so richtig rund. Weshalb Chicagos Coach Jeremy Colliton den 34-Jährigen am Wochenende gegen die Los Angeles Kings auf die Tribüne verbannte. Stattdessen kam Talent Dennis Gilbert zum Einsatz. "Wir wollen Gilbert an das Niveau gewöhnen. Wir haben Spiele an direkt aufeinanderfolgenden Tagen. Das ist eine gute Gelegenheit, Seabs eine Pause zu geben und zu sehen, was Gilbert so drauf hat", meinte Colliton. Beim 0:4 gegen die Carolina Hurricanes stand Seabrook bei drei Gegentoren auf dem Eis. Durchschnittlich hat er in dieser Saison 17:39 Minuten Eiszeit bekommen - der niedrigste Wert in seiner Karriere.

 

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Die Coaches nutzen den Healthy Scratch aus verschiedenen Gründen. Je nachdem, wen es trifft, können sie der Mannschaft ein Zeichen geben: "Seht her, wenn ihr keine Leistung bringt, dann landet ihr auf der Tribüne. Ihr müsst in jedem Training Gas geben. Namen und bisherige Verdienste spielen dabei keine Rolle." Stattdessen werden Talente aus der AHL hochgezogen, um wertvolle Erfahrung auf höchstem Niveau zu sammeln. Auch sie sollen und müssen ihre Minuten in der NHL bekommen, schließlich sollen sie früher oder später das Trikot des NHL-Teams tragen, wenn die Veteranen nicht mehr da sind.

"Wir sind 2-7-1 nach zehn Spielen und haben einen relativ alten Kader. Da muss man jüngere, schnellere Spieler ausprobieren und sehen, was funktioniert", meinte Senators-Coach Smith. "Die Botschaft muss für jeden klar sein: Alle müssen jeden einzelnen Tag arbeiten. Und wenn man seine Einstellung jeden Tag ehrlich beurteilt, bekommt man auch eine Chance zu spielen. Die Spieler, die das mehr und mehr beherzigen, spielen auch mehr", stellte Smith klar. 

In der jüngeren Vergangenheit hat es weitere prominente Healthy Scratch-Opfer gegeben. Dion Phaneuf musste im Januar als Spieler der Los Angeles Kings das Trikot gegen einen Anzug tauschen und auf der Tribüne Platz nehmen. Statt dem erfahrenen Haudegen, der allerdings offensiv schon lange keine Bäume mehr ausgerissen hatte, sollten Spieler wie Sean Walker eine Chance bekommen, sich zu bewähren. 

Im Dezember 2014 traf es Vincent Lecavalier. Dieser hatte 2004 mit den Tampa Bay Lightning den Stanley Cup gewonnen und sich drei Jahre später die Maurice Richard Trophy als bester Torschütze der Liga gesichert. Doch Craig Berube, sein damaliger Coach bei den Philadelphia Flyers, wollte wohl eine Botschaft in Richtung der Mannschaft senden, die gerade acht Niederlagen in neun Spielen kassiert hatte. Auch Michael Del Zotto, Andrew MacDonald und Pierre-Edouard Bellemare mussten sich zu jener Zeit mal ein Spiel aus dem Oberrang anschauen.

Bei den Boston Bruins traf es in den vergangenen Playoffs Rechtsaußen David Backes. Er musste die letzten drei Spiele der Finalserie gegen die St. Louis Blues aussetzen. Das Problem: Backes hat noch einen Vertrag bei den Bruins bis Ende der Saison 2020/2021. Sechs Millionen US-Dollar verdient er pro Spielzeit im Durchschnitt. Und auch den Deutschen Verteidiger Dennis Seidenberg traf es gegen Ende seiner Karriere bei den New York Islanders des Öfteren. Er hat mittlerweile seine Laufbahn beendet.

Doch was bleibt beiden Seiten, um die Situation zu entschärfen? In erster Linie liegt es natürlich am Spieler selbst. Er ist für seine Leistung auf dem Eis selbst verantwortlich. Ein Trade ist selbstverständlich immer eine Möglichkeit. Doch dann müsste der andere Verein den Vertrag des Spielers übernehmen, was in Zeiten des Salary Caps wohl überlegt werden will. Speziell, wenn es solche großen Verträge wie bei David Backes sind. Als ultima ratio bleibt den Klubs immer noch die Option, den Spieler aus dem Vertrag rauszukaufen. Manchmal ist ein Ende mit Schrecken vielleicht die bessere Alternative.  

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